Ich war beinahe schon aus der Schule, als ich meinen Namen hörte. Das war heute zwar nicht weiter seltsam, doch jetzt war er gerufen und schnelle Schritte kamen auf mich zu. Jonas, Lona und ich drehten uns um und ich erkannte Liana, die mit mir in den Tangounterricht kam. Erstaunt blieb ich stehen. Liana war nett, aber wir waren nicht Freunde oder so. Als sie mich jetzt so ansah, dachte ich unwillkürlich daran, dass sie das Gerücht vielleicht auch gehört hatte und nun wissen wollte, ob was dran war.
„Malia", sagte die Blondine wieder. „Schön, dass ich dich grad treffe. Vielleicht wolltest du noch wissen, dass eine Gruppe aufgelöst wurde."
Ich schaute sie perplex an. Sie hatte weder Küssen noch fremd oder betrunken gesagt. Aber was war ihre Aussage gewesen? Langsam drangen ihre harmlosen Worte zu mir durch.
„Im Tango?", fragte ich nach. Liana nickte. Ich ging nun schon seit fünf Jahren in Tangounterricht, Liana war sogar schon etwas länger dort. Ich hatte zuvor Ballett getanzt und hatte dann auf Tango gewechselt, weil mich dieser Gesellschaftstanz schon immer fasziniert hatte mit den charakteristischen Röcken, die man dabei trug. Ich hatte dann zwar schnell gemerkt, dass man diese Röcke nur im Fernsehen anhatte, aber den Tanz mochte ich trotzdem. Und dabei gab es eben mehrere Gruppen, ich war – auch dank meinen Ballettvorkenntnissen - bereits in einer Fortgeschrittenen. „Welche Gruppe wird denn aufgelöst?" Es gab Unmengen von Gruppen in meiner Tanzschule, solche im selben Niveau und auch welche darunter oder darüber.
„Das ist es eben", meinte Liana. „Die eine Gruppe, die auch in unserem Niveau ist. Der Lehrer zieht um. Und vielleicht kommen sie dann zu uns."
Achso, jetzt verstand ich, weshalb mir Liana das erzählte! „Dann bekommen wir heute viel-leicht Zuwachs!", rief ich meine Schlussfolgerung aus und lächelte.
Liana nickte lächelnd. „Genau. Ich bin gespannt." Sie machte eine Pause. „Es ist einfach wichtig, dass alle kommen", fügte sie dann hinzu. „Damit die Neuen – falls welche kommen – auch sehen, wohin sie da geraten."
„Klar", sagte ich verständnisvoll. Das war immer eine aufregende Sache. Ich freute mich wirklich aufs Tango heute, endlich würde ich mich wieder von der ganzen Schule und den Jungsproblemen entspannen können. „Ich werde da sein", versprach ich Liana.
-
Wenn ich dachte, ich ginge jetzt nach Hause und könnte mich entspannen, hatte ich mich gewaltig getäuscht. Denn zu Hause ging das ganze Drama weiter. Meine Eltern verhielten sich schon seltsam, als sie mich begrüssten. Mein Bruder war auch schon zu Hause und die drei sassen im Wohnzimmer, das rechts von der Eingangstüre war. Da ich nicht viele Haus-aufgaben hatte, gesellte ich mich zu ihnen, spürte aber schnell, dass die Stimmung angespannt war. Verunsichert setzte ich mich auf ein Sofa. Zu meiner Linken war die Küche und rechts von den Sofas in unserem kombinierten Wohn- und Esszimmer liess ein grosses Fenster Tageslicht ins Zimmer fallen. Ein Stück hinter mir, neben der Treppe, war das Schlafzimmer meiner Eltern und einen Stock weiter oben waren Theo und ich untergebracht.
Doch jetzt sass meine Mutter mit einer Zeitung auf dem Sofa und hatte einen angespannten Blick aufgesetzt. Auch mein Vater wirkte unruhiger, als man es normalerweise im Wohnzimmer zu Hause war.
Fragend blickte ich zu Theo, der auf sein Handy konzentriert war, doch er sah meinen Blick nicht mal. „Ist irgendwas?", wollte ich wissen. Theo sah hoch und direkt in meine Augen, sein Blick sagte mir, dass unserer Eltern irgendetwas Seltsames gemacht hatten.
„Es ist nichts, Malia", meinte mein Vater und allein die Tatsache, dass er mich bei meinem Namen ansprach, sagte aus, dass er log.
„Wir haben uns nur über meine Freundin unterhalten", erklärte Theo mit zusammengebissenen Zähnen und die Finger um sein Handy verkrampften sich, genauso wie mein Körper es bei seinen Worten tat. Theo hatte eine Freundin, was mit seinen 20 Jahren keine Seltenheit war, aber allein schon dafür, dass er mit ihr ausgehen durfte, mussten Theo und ich lange erkämpfen. Dementsprechend und auch an meine eigene Sündennacht denkend seufzte ich und fragte ungehalten: „Was ist jetzt schon wieder das Problem?"
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Küsse im 2/4-Takt
Romance••• Der Titel wurde von "Mein erster Fehler - Nur eine Nacht" zu "Küsse im 2/4-Takt" geändert! ••• Eigentlich tanzt Malia in ihrer Freizeit leidenschaftlich Tango, und ruiniert sich nicht mit Erfolg ihr Leben. Aber eines nachts macht sie unter dem E...