In meinen Gedanken begann sich, eine Erinnerung zu regen, ein Erlebnis, das ich verdrängt hatte. Es lag mir auf der Zunge, um was es gehen könnte, doch es entglitt mir immer wieder. Und mein grosser Bruder beäugte meinen Vater bloss misstrauisch und wartete, bis sie endlich mit der Sprache rausrückten.
„Also, euer Vater und ich haben mit einander geredet", setzte meine Mutter nun an, als mein Vater ein grosses Interesse an seinen Schuhen entwickelte. Die Bezeichnung „euer Vater" verstärkte mein mulmiges Gefühl, es klang so, als distanziere sich meine Mutter von ihrem Mann.
„Vielleicht habt ihr ja gemerkt, dass wir Meinungsverschiedenheiten haben", sprach mein Vater weiter und ich fühlte mich wie beim Ping-Pong-Spiel, als ich wieder nach rechts schaute. Mein Mund wurde bei seinen Worten trocken, etwas in mir schrie, dass ich genau wusste, was jetzt kam, aber ich stiess meine Gedanken zurück, ich wollte es nicht wahrhaben. „Wir haben beschlossen, dass ich, nun ja, ausziehen werde." Mein Vater seufzte und fuhr sich mit der Hand durch die Haare.
„Wir werden uns trennen", fügte unsere Mutter nun hinzu, als sei seine Aussage nicht klar genug gewesen. „Ich denke, dass ist besser für alle."
Ich konnte beinahe nicht mehr atmen. Meine Gedanken kreisten rasend schnell und meine Hände begannen zu zittern, wie immer, wenn ich schockiert war. Jetzt fiel mir wieder ein, bei was die Alarmglocken schon hätten schrillen sollen: Die Wohnungen, die mein Vater gesucht hatte. Da war kein Freund. Er hatte sie für sich gesucht, damit er einfach eines Tages sang- und klaglos verschwinden konnte. Er hatte schon lange geplant, sich von meiner Mutter scheiden zu lassen. Ja, sie hatten Streit, in letzter Zeit immer mehr. Aber musste er uns deswegen alleine lassen? Konnten sie nicht in Ehetherapie gehen? Ich konnte nicht glauben, dass unser Vater uns das antat. Mein Herz fühlte sich an, als sei ein riesiges Loch hindurchgebohrt worden, das schmerzhaft immer grösser wurde. Nicht einmal jetzt konnte ich glauben, was ich da hörte. Mein Puls wurde immer höher und unregelmässiger, ich merkte, wie meine Augen feucht wurden. Mein Vater würde wegziehen, weg von uns, sodass wir ihn nie sehen würden, wenn wir nach der Schule nach Hause kamen. Wir würden ihn nicht zufällig im Haus antreffen und uns grüssen. Wir würden nicht zusammen Nachtessen. Ich blinzelte heftig, damit ich nicht zu weinen begann. In dem Moment sprach meine Mutter weiter.
„Euer Vater hat schon eine Wohnung gesucht", verkündete sie und ich konnte nicht heraushören, was sie darüber dachte. Ich konnte meine Mutter nicht einmal ansehen, ich konnte die Gesichter meiner Eltern nicht sehen, wenn sie mir verkündeten, dass sie meine Familie entzwei reissen werden. Der Gedanke brach mir das Herz und zerstörte es in zwei blutige Stücke.
„Ich werde sobald es geht umziehen", sagte mein Vater mit monotoner Stimme. „Aber ihr seid immer willkommen und es ist ganz in der Nähe."
„Ihr könnt ihn besuchen gehen, so viel ihr wollt!"
„Es ist einfach, dass wir uns nicht mehr gut verstehen."
„Das habt ihr bestimmt auch gemerkt, Kinder. Aber euer Vater wird euer Vater bleiben."
Die gefühlskalte Stimme meines Vaters, meine Mutter, die verächtlich „euer Vater" sagte, das alles gab mir Hiebe, die ich beinahe physikalisch spüren konnte. „Lasst das", presste ich hervor und ich erschrak, als ich meine Stimme hörte, als gehöre sie einer anderen. „Sprecht nicht darüber, als sei es ein Urlaub. Sag nicht euer Vater, sag nicht, wir seien willkommen!" Meine Stimme schwankte, aber ich erlaubte mir keine Tränen. „Ihr macht es nur noch schlimmer!" Ich biss mir auf die Lippe, damit ich nicht schluchzte und abrupt stand ich auf. Ich spürte meine Bewegung kaum, ich bekam alles nur mit, als sehe ich aus der Ferne zu. Aber ich hielt es keine Sekunde länger hier aus, ich wollte nicht vor ihnen weinen. Ich wollte weg hier, weg von dem Haus, indem fortan nur noch drei Leute wohnen werden. Hektisch stolperte ich zur Türe und zog meine Jacke von der Garderobe, ich hörte, wie jemand meinen Namen rief, aber ich realisierte nicht einmal, ob es mein Bruder, Vater oder meine Mutter war. Ich rannte hinaus an die frische Luft und weiter, in Richtung Tanzstudio.
Ich überlegte mir nicht, ob jemand da sein könnte, ob mich jemand sah oder was ich genau dort wollte und als ich im wohlvertrauten Tanzraum ankam, klickte ich mein CD-Player auf Play, ohne zu schauen, ob überhaupt eine CD drinnen war. Erst als ich mich keuchend auf den Boden setzte, spürte ich, wie Tränen meine Wangen hinunterlaufen und auf meine Hosen tropften.
Verzweifelt legte ich den Kopf auf meine Knie und begann, haltlos zu schluchzen. Ich weinte all den Schmerz heraus, den meine Eltern mir mit dieser Botschaft bereitet hatten, wurde davon geschüttelt. Man hätte meinen können, die Tränen hörten irgendwann auf, aber sie liefen unaufhörlich herunter, durchnässten mein T-Shirt, meine Knie und brannten auf meiner Haut. Ich hörte mich weinen und erst mit der Zeit fand ich mich wieder bei mir wieder, kehrte zu mir zurück und erlebte meine Gefühle von innen. Ich vermisste die liebevollen Szenen mit meinem Vater jetzt schon, wenn er abends noch kurz in mein Zimmer schaute, wenn er mir am Morgen einen schönen Tag wünschte. In meinem Kopf liefen wunderschöne Bilder ab, die nie wieder existieren werden. Ich wusste nicht, wie lange ich schon dasass, aber irgendwann liefen nur noch stumme Tränen meine Wangen hinunter und ich presste die Lippen aufeinander, damit ich endlich zu weinen aufhörte. Ich hörte im Hintergrund die Musik, die durch die Lautsprecher kam, offenbar hatte die Tanzstunde zuvor die CD im Player gelassen. Und mitten im Bachatatakt eines Liedes hörte ich Schritte näherkommen. Ich erstarrte, unfähig, mich zu rühren. Wer um Himmels Willen war hier? Gerade hatte niemand Unterricht, erinnerte ich mich wieder. Aber da kam jemand in den Raum, in dem ich sass und ich meinte zu erkennen, dass es ein Mann war. Hastig versuchte ich, mir die Tränenspuren von den Wangen zu wischen.
Dann ertönte eine bestürzte Stimme: „Malia?!"
* * *
Ihr könnt drei Mal raten, wer es ist...?
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Küsse im 2/4-Takt
Romance••• Der Titel wurde von "Mein erster Fehler - Nur eine Nacht" zu "Küsse im 2/4-Takt" geändert! ••• Eigentlich tanzt Malia in ihrer Freizeit leidenschaftlich Tango, und ruiniert sich nicht mit Erfolg ihr Leben. Aber eines nachts macht sie unter dem E...