„Ich brauche Inspiration", erklärte Kyle, worauf ich verwirrt die Stirn runzelte.
Kurz wusste ich nicht, was ich sagen sollte, dann wiederholte ich: „Inspiration? Für was?"
„Na, ich zeichne gerade."
„Du zeichnest, währendem du am Telefonieren bist?", zog ich ihn grinsend auf und durchforschte gleichzeitig meine Erinnerungen, ob er mir je gesagt hatte, dass er zeichnete. Zwar passte das zu seinem Künstlerlook, aber er hatte das nie erwähnt, oder?
„Nein, ich würde zeichnen, wenn ich könnte", wiedersprach Kyle ruhig. „Aber weil mir die Inspiration fehlt, rufe ich eben dich an."
Hitze stieg mir ins Gesicht, als ich realisierte, was er da sagte. Was meinte er damit, dass ich ihn inspirierte? „Also, ich wusste gar nicht, dass du zeichnen kannst", meinte ich.
„Hab ich das nie gesagt? Ich studiere das." Er klang überrascht.
„Nein, hast du nicht gesagt", sagte ich. „Du sagtest, dass du studierst, aber nicht, dass du Zeichnen studierst."
„Kunst mit Schwerpunkt auf Zeichnen", verbesserte er mich und lachte leicht. „Okay, tut mir leid, ich dachte, ich hätte das gesagt." Es klang fast so, als wolle er deswegen ablegen und ich hörte, dass er sich bewegte.
„Was macht man denn so als Inspiration?", fragte ich deshalb, damit er nicht ablegte. Ich hatte echt keine Ahnung, wie man Künstler motivierte oder „Muse" spielte, und wenn er schon anrief und sagte, er brauche Inspiration, konnte er mir das doch erklären. Es war im Grunde genommen schon seltsam genug, dass er mich überhaupt anrief, aber mit diesem Begrüssungsworten noch mehr.
Kyle lachte wieder. „Ich weiss es auch nicht. An was denkst du, wenn du dunkelbraun hörst?"
Ich runzelte wieder die Stirn. „An meine Haare", versuchte ich es mit einem Scherz.
„Sind deine Haare nicht schwarz?"
„Nein, die sind dunkelbraun", widersprach ich heftig. Wieso dachten immer alle, meine Haare seien schwarz? Es war doch offensichtlich, dass sie heller waren als manch schwarzes T-Shirt, das ich hatte. „Aber jetzt mal ehrlich. Ich denke an Erde, Schokolade, Holz, Herbst?" Hoffnungsvoll hielt ich inne, um zu hören, ob ich eine gute Inspiration war.
„Schokolade?", pickte Kyle eine meiner Assoziationen heraus.
„Ja...", sagte ich gedehnt.
„Du bist eine tolle Inspiration", lachte er, sagte aber nichts weiter.
Leicht verunsichert fragte ich mich, ob das jetzt als Witze gemeint war oder ernst. Sicherheitshalber fragte ich nach: „Echt jetzt?"
„Ja, ganz ehrlich", bestätigte Kyle mit seriösem Tonfall. „Immerhin weiss ich jetzt, ich welche Richtung ich mit dem Bild gehen werde. Herbst gefällt mir übrigens auch als Thema."
Ich begann, glücklich zu lächeln. Also gab ich eine gute Muse ab! Es hätte nicht viel gebraucht, und ich hätte angefangen, auf und ab zu hüpfen. Kyle, der verwurzelte Künstler, fand in mir Motivation, die ihn unvermittelt eines Nachts geküsst hatte. „Na, immer zu Diensten", erwiderte ich und kriegte mein Strahlen kaum unter Kontrolle. „Ich will unbedingt was von dir sehen!", fügte ich dann hinzu. Auf einmal stellte ich ihn mir vor, wie er vorneübergebeugt über einem Blatt sass, konzentriert nach unten schauend. Vielleicht biss er sich nachdenklich auf die Lippen oder eine Haarsträhne fiel ihm aus dem Pferdeschwanz. Sicher würde man seine Muskeln durchs T-Shirt sehen und seine Wimpern, die einen Schatten auf die Wangen warfen. Seine schlanken Hände, die schon oft auf mir gelegen hatten, würden mit sanften Strichen eine Skizze machen und ein Bild entwerfen, so gedankenvoll und schön wie er.
„Ich kann mal ein Bild mitnehmen, wenn du willst", sagte Kyle zögernd und erinnerte mich daran, dass ich ja immer noch am Telefonieren war. „Ich muss aber ein Gutes raussuchen."
Oh, wie süss. „Ich bin sicher, du hast hundert gute Zeichnungen."
Ich hörte sein tiefes Lachen. „Dann ist immerhin einer von uns sicher."
Ich grinste. Natürlich hatte ich keine Ahnung, wie gut er war, aber er schien einfach der perfekte Typ dafür zu sein. Musikalisch und künstlerisch begabt. Nicht schlecht. „Dann kannst du auf unser Plakat eine Zeichnung hinzufügen", meinte ich und lächelte wieder in Gedanken an unsere verrückten Ideen. „Weisst du noch?"
„Ach, du meinst eine Zeichnung von Mozart oder so?", fragte Kyle nach und mein Herz klopfte aufgeregt, als ich realisierte, dass er noch wusste, von was ich sprach.
„Genau, oder von Bach." Ich war so in die Unterhaltung vertieft gewesen, dass ich erschrocken zusammenfuhr, als plötzlich die Türe zu meinem Zimmer aufging. Mir entfuhr ein Keuchen und ich wirbelte zur Tür herum. Da stand Theo im Türrahmen und sah mich an, anscheinend wollte er etwas sagen. Ich deutete aufs Handy und wollte ihm zu verstehen geben, dass ich gerade keine Zeit hatte, aber er schüttelte ernst den Kopf und zeigte mit dem Finger nach unten.
Stirnrunzelnd gab ich mich geschlagen, offenbar wollten unsere Eltern mit uns reden. Ich nickte ihm zu, zum Zeichen, dass ich gleich auflegen würde.
„Malia?", ertönte Kyles Stimme am andern Ende, er klang verwirrt oder vielleicht auch besorgt. „Alles okay?"
„Ähm, ja", sagte ich rasch und fokussierte mich wieder auf mein Handy. „Kyle, tut mir leid, ich muss auflegen, meine, äh, ..." Ich wusste nicht, wie ich ihm etwas erklären sollte, bei dem ich selbst nicht durchblickte.
„Schon okay", unterbrach mich glücklicherweise Kyle bei meinem Gestotter. „Du musst weg."
Ich seufzte. „Ja..." Wieder wusste ich nicht, wie ich mich nun verabschieden sollte.
„Man sieht sich", meinte da Kyle und ich fügte hinzu: „Oder hört sich."
Ich hörte ihn noch lachen, als ich auflegte und dann Theo herausfordernd anschaute. „Ich hoffe, sie haben einen triftigen Grund", murrte ich und folgte meinem Bruder aus dem Zimmer und die Treppe hinunter. Wenn meine Eltern jetzt wieder mit irgendeiner blöden neuen Regel kamen, die sie irgendwo in der Kirche aufgeschnappt hatten, konnte ich für nichts garantieren. Als Theo und ich jedoch nach unten traten und ins Wohnzimmer geschlendert kamen, sassen meine Eltern mit Grabesmine auf dem Sofa, einander gegenüber, so unromantisch wie eh und je.
Ich blickte fragend zu meinem Bruder, doch er zuckte mit den Schultern, anscheinend wusste auch er nicht, worum es ging. Ich hasste solche Besprechungen. Man fühlte sich immer wie bei einem Verhör und es verhiess nie etwas Gutes, wenn wir als Familie miteinander reden wollten. Ein ungutes Gefühl beschlich mich, als ich mich zögerlich neben Theo aufs Sofa setzte, so, dass wir unsere Mutter wie auch unseren Vater im Blick haben konnten.
„Mama, Papa, um was geht's?", fragte ich und schaute abwechselnd von einem zum anderen meiner Elternteile. Meine Mutter trug wie immer eine zugeknöpfte Bluse und eine schlichte Hose, mein Vater jedoch hatte eine lockere Jeans an und ein Hemd, dass er schon die letzten paar Tage getragen hatte.
„Wir müssen euch etwas erzählen", begann mein Vater, er räusperte sich und beugte sich vor, es war ihm sichtlich nicht wohl in seiner Haut.
* * *
Was denkt ihr, was jetzt kommt?☺️
Was macht ihr so am Muttertag?:)

DU LIEST GERADE
Küsse im 2/4-Takt
Romans••• Der Titel wurde von "Mein erster Fehler - Nur eine Nacht" zu "Küsse im 2/4-Takt" geändert! ••• Eigentlich tanzt Malia in ihrer Freizeit leidenschaftlich Tango, und ruiniert sich nicht mit Erfolg ihr Leben. Aber eines nachts macht sie unter dem E...