Mein Abgang war nicht so, wie ich ihn mir gewünscht hätte. Als eingefleischtes Goth Girl hatte ich Mondlicht, Regen, Nebel oder irgendein anderes Szenenleben aus einem Horrorfilm bevorzugt. Doch nichts dergleichen, die Sonne schien hell und warm vom Himmel, alle waren fröhlich und heiter, denn der Frühling war eingezogen. Das Leben blühte auf, meines endete.
Warum? fragte ich mich erst, als ich wieder zurück war. Ich war verwirrt. Was sollte ich hier noch? Doch als mich der schwarze Vogel aus seinen noch schwärzeren Augen anguckte, fiel es mir ein. Natürlich stand ich als Goth Girl- oder eher Goth- Woman- auf Krähen und den Film „The Crow". Brandon Lee, hm. Ich trauerte ihm immer noch nach, und es war schon irgendwie creepy, was ihm geschehen war, doch es war ja nur ein Film, Fiction, meiner Meinung nach war tot tot. Also hatte ich vielleicht überlebt? Aber nein, ich stand an meinem Grab und sah Robert weinen. Und die Krähe auf dem Stein sitzen.
Katrina Hampton, beloved wife
Valerie Hampton, beloved daughter
Tristan Hampton, beloved son
Ich berührte die Namen meiner Kinder und sah im Augenwinkel, wie Robert zusammen brach. Die Krähe flatterte auf.
Ich beugte mich über den Mann, den ich über alles liebte und den ich hätte überleben sollen. Denn mein Ehemann war viel älter als ich, genau siebzehn Jahre, also dreiundsechzig. Dennoch war er immer viel sportlicher und fitter gewesen und mir auch geistig weit überlegen. Als Richter war er sehr belesen. Ich hatte Robert vor fünfzehn Jahren kennen gelernt, durch einen merkwürdige Begebenheit. Nein, nicht wirklich merkwürdig. Ich war einunddreißig und ledig gewesen, hatte mit Hilfe meiner besten Freundin eine Kontaktanzeige aufgegeben. Alterspanne der Herren so 25- 35, hatte ich angegeben, da ich irgendwie immer jünger gewirkt hatte, auch mit sechsundvierzig hatte ich noch wie Mitte Dreißig ausgesehen, was mein lieber Robert immer bemängelt hatte, weil er dadurch noch älter wirke, hatte er gemeint.
Nun sah er aus, wie um hundert Jahre gealtert und seine Qual war fast unerträglich. Und ich konnte ihn nicht berühren, nicht küssen, ihn nicht umarmen. Dann hörte ich Louis seinen Namen rufen und Robert hob den Kopf. Schaute mich eine Sekunde lang an, schloß die Augen und als er sie wieder öffnete, blickte er sich suchend um. Es regnete, ja, jetzt wäre es prima Wetter für meinen Tod gewesen! Louis umarmte seinen Vater.
„Wer war die Frau bei dir?" fragte Louis und ich zuckte zusammen, wir waren ganz alleine auf dem Friedhof!
„Sie ist nicht mehr bei mir, sondern da unten." krächzte Robert.
Der strenge Richter, vor dem alle duckten. Der Menschen zum Frühstück verschlang, wenn sie sich anderen Menschen gegenüber unachtsam verhielten. Nein, Robert war nie laut. Niemals cholerisch, noch ausfallend. Er tötete mit weise gewählten Worten und hinterhältigen Finten. Wenn sich die Verbrecher schon als Sieger gewähnt hatten, hatte Robert ausgeholt. Und immer für wütendes Erstaunen im Gerichtssaal gesorgt. Ja, Robert hatte Feinde genug. Neider, Leute, die sich an ihm rächen wollten, und eine ziemlich eifersüchtige Exfrau. Doch die hatte nicht am Steuer gesessen, als der Laster uns von der Straße gedrängt hatte. Vielleicht hatte sie jemanden beauftragt?
Ich war, ohne es zu wollen, meinem Mann und meinem Stiefsohn zum Parkplatz des Friedhofes gefolgt. Auch Mae, Louis' Frau, saß im Auto, als sie schließlich davon fuhren. Ich drehte mich um und sah die Krähe auf dem hohen Zaun sitzen. Plötzlich spürte ich einen scharfen Schmerz durch meine Gliedmaßen schießen und schrie auf. Eine ältere Dame schaute mich erschrocken an.
„Kind, sie sind ja nackt!" stellte sie fest.
Ich schaute an mir runter, ja, sie hatte Recht. Ich betastete mich, fühlte mich kalt an, aber lebendig.
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Night Creatures
HorreurEine Sammlung von unheimlichen Geschichten, abstoßenden Kreaturen und Liebe.
