Tag 6, Mitternacht
Er sitzt im Halbdunkel, über und über mit Blut beschmiert, seine Augen sind schwarze Löcher und wenn ich nicht schon wüßte, was er ist, wäre ich panisch davon gelaufen. Er hat den Mann nahezu bis auf die Knochen verputzt!
„Ich hatte so einen Hunger...ich weiß auch nicht. Tut mir leid." murmelt Adrian, so, dass man hört, dass es ihm nicht leid tut!
Ich nicke. „Denkst du, dass dein Hunger mehr wird?"
„Vielleicht habe ich mich zu sehr angestrengt. Ich habe keine Ahnung. Tilli, vielleicht sollte ich doch..."
„Nein, kommt nicht in Frage." brumme ich und ziehe die Trage raus.
„Ich meine nicht den Ofen. Aber ich verschwinde einfach, hm? Ich kann dich doch nicht dauernd zu meiner Komplizin machen."
„Shhht, jetzt. Wir sind zwar bei uns im Hof, aber...lass uns drinnen weiter reden." zische ich.
Adrian hebt die Frau mühelos rüber auf den Metalltisch, an dem Mann ist ja eh kaum noch etwas dran und sein Skelett wackelt bedenklich, als ich ihn in den Kühlraum schiebe.
„Mir ist übel..." murmelt der Untote. „Der bestand ja nur aus Fett."
„Wahrscheinlich sättigt das nicht so." murmele ich. „Hey, ich muss deinen Bruder anrufen. Dort drüben ist eine Gefriertruhe. Zerteile dir die Leichen so, dass ich die Knochen und die Köpfe verbrennen kann, okay? Und es ist in Ordnung, Adrian, ich mag dich trotzdem."
Er lächelt.
„Ich dich auch, aber..."
„Nix aber."
„Du bist in Anton verliebt und deshalb so brummig!" grinst er nun.
Ich jaule leise. „Ich weiß es nicht. Ich ruf ihn erstmal an!" seufze ich und ziehe den blutigen Anzug aus.
Als ich mich wasche, höre ich, wie Adrian die Knochensäge ansetzt. Brrr. Aber gerade sorge ich mich tatsächlich um ganz etwas anderes...Der Anruf! Anton geht nach zwei mal Klingeln ran, obwohl es schon fast ein Uhr nachts ist.
„Hey, Frollein Langstrumpf. Ich bin ganz in deiner Nähe, falls du mich doch sehen möchtest." erklärt er amüsiert. „Sorry, dass ich vorhin wieder so blöd reagiert hab, ich bin es einfach nicht gewohnt. Ich bin sonst nicht der eingeschnappte Typ, ehrlich. Nur bei dir..." Er stoppt und seufzt schwer.
„Du musst dich nicht erklären, Anton, es ist doch normal, dass man enttäuscht ist, wenn jemand so reagiert, wie ich es getan hab, aber das war nicht deinetwegen... Ich freue mich auch, dass du da bist und ich möchte dich sehen. Bist du im gleichen Hotel abgestiegen?"
Puh, war gar nicht so schwer gewesen!
„Jepp. Mein Zimmer war sogar noch frei." lacht er. „Die sind hier wohl nicht sehr beliebt."
„Weißt du, die Leute nehmen sich lieber Pensionen auf dem Land und fahren dann in die Stadt. Die wollen ja Ruhe im Urlaub. Und...soll ich zu dir kommen?" frage ich leise.
„Natürlich." raunt er und ich spüre, wie mein Unterleib zu kribbeln beginnt. „Dieses Mal bin ich vorbereitet." fügt er rauh hinzu.
Ich will ihn, so sehr. Scheiß auf meine Prinzipien!
„Bis gleich. Ich freue mich." hauche ich.
„Ich mich auch. Und ich...muss auch noch was Dringendes mit dir besprechen, denk nicht, dass ich dich nur vögeln will, hm?"
„Und wenn schon. So ticken wir doch, oder?" kichere ich.
„Ehrlich? Nein, nicht mehr, seit ich dich kenne. Und das macht mir Angst."
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Night Creatures
HororEine Sammlung von unheimlichen Geschichten, abstoßenden Kreaturen und Liebe.
