Stella
Es geht wieder los. Seit Tagen ist es ein ewiges Hin- und Her. Auf und ab. Morgens bin ich heiter und freue mich auf den neuen Tag, mit Kaffee in der einen Hand und der anderen Hand auf meinem runden Babybauch. Und dann, zehn Minuten später, kommt die Wolke und bumm, bin ich ein wandelnder, dicker Zombie. Hormone, sagt Dr. Leitner, Schwankungen der Hormone. Wo haben sie die blauen Flecken her? Ich sage, weil ich mich überall stoße, wie immer, eine plumpe Schwangere eben. Aber jetzt werde ich aufpassen, ich kann mich nicht mehr stoßen, weil ich ins Bett verbannt worden bin und Brad ist nicht mehr da, um mich heraus zu zerren und mich in die Küche zu scheuchen.
Trotzdem will die Wolke nicht gehen, sie ist ein Teil von mir geworden. So, wie die kleine Familie da unten. Besonders Maisie, die noch nicht von Brad verdorben worden ist, ist mir ans Herz gewachsen. Nun werden sie sie mir nehmen, und nicht mal mein strahlender Ritter Lucien wird es verhindern können. Dieser verdammte Bär. Nein, wenn er nicht gewesen wäre, hätte ich dieses Kind sicher verloren, Dr. Leitner sagte, es sei sehr knapp gewesen. Und Brad hätte nie zugelassen, dass ich hier herumliege und...ich höre Schritte auf der Treppe und spüre, wie mir übel wird, wie immer. Gleich kommt er und...nein, Brad gibt es nicht mehr, er wird nie mehr hier hochkommen und mich anschreien, dass ich die schlechteste und häßlichste und faulste Ehefrau der Welt sei. Wenn die Wolke nicht wäre, wäre ich schon längst weg! Jemand klopft zaghaft. Nein, ich will niemanden sehen. Nicht so. Die Tür geht auf, ich schaue nicht hin. Ich spüre einen leichten Luftzug über meine Haut wehen, das Fenster ist offen, aber die Luft ist so wahnsinnig heiß, dass kaum Kühlung entsteht. Ich habe mich bis auf BH und Unterhose ausgezogen und liege zusammengekauert auf der Seite, starre auf mein Bücherregal, denn manchmal hilft es, wenn ich alle Titel nacheinander aufzähle, bis ich wieder denken kann.
Er kniet sich vor mich und ich erschrecke nicht mal, dass er mich so halbnackt sieht. Nein, junge Kerle wie er interessieren sich doch nicht für Frauen, die älter sind, wenn auch nur läppische acht Jahre. Acht, die Zahl der Ewigkeit...
Ich zwinge mich förmlich, in seine schönen Augen zu schauen. Wenn ich nur er sein könnte...Doch irgendwas ist faul an ihm. Lucien wirkt nicht, wie ein unbeschwerter Twen, der nur seine guten Abschlüsse im Kopf hat oder Mädchen oder sich für Sport oder Musik begeistert, seine Augen leuchten, aber sie sind alt. Und sein ernster Blick lässt ihn leicht überheblich erscheinen, ich flüstere: „Sag nichts. Ich weiß, was jetzt passiert. Wann holen sie sie?"
„Morgen", antwortet er sanft und ich merke, dass ich seine Stimme sehr mag.
Nun, auch ihn werde ich verabschieden müssen. Ich lege meine Hand auf meinen Bauch und murmele: „Jetzt sind es nur noch wir zwei."
„Und ich." Er blinzelt und hebt seine Hand, dann berührt er vorsichtig mein Gesicht. Streicht mir eine verschwitzte Haarsträhne hinter's Ohr und ich hauche irritiert: „Was willst du nur von mir? Ich kann dir doch nichts geben."
Er verzieht seine vollen Lippen zu einem Schmollen und seufzt.
„Ja. Leider stimmt das im Moment wirklich. Denn das, was ich will, solltest du besser nicht tun."
Was?
„Ich verstehe nicht...", murmele ich irritiert und schiebe seine Hand weg.
Lucien grinst und kommt nun mit dem Gesicht so nahe, dass ich seinen Atem riechen kann. Er riecht...heiß. Wie glühende Kohle. Merkwürdig!
„Sagen wir mal, ich stehe in der Blüte meiner Manneskraft und habe das Objekt meiner Begierde gefunden", erwidert er belustigt.
„Bist du auf Droge oder so?", brumme ich nun und will mich aufrichten, doch sofort wird die Bewegung mit einer Kontraktion quittiert und ich stöhne. Ich drehe mich auf den Rücken.
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Night Creatures
HorrorEine Sammlung von unheimlichen Geschichten, abstoßenden Kreaturen und Liebe.
