Aswang Teil 5

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Lucien

Leider kann ich die süße Gabriel- Form nun nicht mehr nutzen, nachdem ich das Mädchen fast getötet habe. Ich verlasse den Zug beim nächsten Halt als Bill, doch auch er ist, obwohl es ewig her ist, noch in irgendwelchen Datenbanken geführt und so probiere ich eine ganz neue Form, was nahezu meine ganze frisch gewonnene Energie verbraucht- das Baby der nikotinsüchtigen Teenagerin war unterentwickelt gewesen.

Meine neue Form ist der von Gabe etwas ähnlich, nur älter. Ich überlege, wie ich nun an die Familie Mulligan heran komme- einen Twen werden sie garantiert nicht adoptieren wollen! Erst einmal werde ich nach Vancouver trampen, dann werde ich weiter sehen. Das Gute ist, dass ich wieder alt genug bin, um nicht mehr dauernd in Gefahr zu sein, dass mich das Jugendamt schnappt. Ich habe Glück und erfahre in Vancouver, dass die Familie Mulligan Studenten als Farmhelfer sucht. Leider sehe ich eher nach einem spaddeligen Intellektuellen aus und ärgere mich etwas, dass ich mich nicht kräftiger gemacht habe- nach außen hin, natürlich habe ich in jeder Form die übermenschliche Kraft des Aswang- doch nun bleibe ich so und versuche mein Glück. Ich kaufe mir ein klappriges Auto und fahre zu den Mulligans hinaus, ja, sie leben ziemlich idyllisch. Brad Mulligan, der Vater, hämmert gerade an einem Zaun herum, als ich vor dem Haus halte. Er mustert mich argwöhnisch, als ich aussteige.

„Sind sie der Typ aus Toronto?", nuschelt er mit Nägeln zwischen den Zähnen.

„Nein. Ich studiere in Vancouver. Hab gehört, sie brauchen Helfer?", frage ich freundlich, mit leichtem frankokanadischen Akzent.

Er nimmt die Nägel aus dem Mund und richtet sich auf.

„Das tun wir. Aber es ist verdammt harte Arbeit, Junge. Wie alt bist du?"

„Vierundzwanzig. Mein Papa hat ein Baugeschäft in Edmonton und ich kann ne Menge wegschaffen, ich kann es ihnen gern mal demonstrieren." Ich deute auf einen Stapel Latten.

Der Typ, der mir sofort unsympathisch ist, grinst mich verächtlich an und nickt.

„Wohin damit?", frage ich.

„Hier rüber. Du kannst gleich anfangen und mit dem Zaun weiter machen, Kleiner. Joseph!", brüllt er und ein Junge in Gabes Alter kommt angeflitzt.

„Das ist Joe, einer meiner Pflegesöhne. Joe, das ist..."

„Lucien. Hallo."

„Hi!", brummt der Junge gelangweilt. „Ich dachte, der Neue is jünger?"

„Lucien ist Student und hilft hier aus. Wo ist das faule Stück von deiner Mutter nur?"

„Sie telefoniert."

„Mal wieder. Heult sie sich bei ihrer Freundin aus, über ihr schreckliches Leben?", knurrt Brad und dann weist er mich an, den Zaun zu erweitern.

Ich freue mich, wie einfach es ist, mich hier einzuschleichen. Joe beobachtet mich zwar skeptisch, aber wahrscheinlich nur, weil er mich für einen Streber gehalten hat und nun überrascht ist, dass er die Latten kaum halten muss, während ich sie mit zwei, drei Schlägen festnagele. Ja, irgendwann einmal, vor langer, langer Zeit hatte ich mal auf einer Farm gearbeitet. Ich hatte Häuser gebaut, gezimmert, gemauert, der Aswang kann Vieles, was aber nicht heißt, dass ich es gern tue. Und außerdem verbraucht das körperliche Arbeiten zu viel Energie, wenn ich es in einer gewandelten Form tue, denn die Verwandlung braucht schon die Hälfte meiner Reserven. Deshalb war die Zeit mit Isa auch erleichternd für mich gewesen, ich brauchte nicht viel Nahrung, weil ich in unseren Hotelzimmern immer in meiner Urform sein konnte und meine Gefährtin alles geregelt hatte, was mit Menschenkontakt zu tun gehabt hatte. Während ich hämmere, frage ich mich, ob Isa Lucien gefallen würde. Ich schmunzele bei dem Gedanken daran, wie sie selbst den Schönling skeptisch betrachtet hatte und gemeint hatte, der Aswang gefiele ihr besser. Einmal hatte ich sie als Gabe erwartet und wir haben eine zeitlang als Mutter und Sohn gelebt, leider sind wir angezeigt worden, denn irgendwer hatte Isa nachts wohl stöhnen gehört. Verdammt neugierig, diese Deutschen, nein, das einzig Gute, was ich mit diesem Land verbinde, ist, dass die medizinische Versorgung okay war, als meine Liebste so schlimm erkrankt war.

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