Tag 4, Mitternacht
„Du bist krank." flüstere ich und lenke mich schnell ab, indem ich den alten Mann, der am Abend noch dazu gekommen ist, präpariere. Ich arbeite so konzentriert, dass ich furchtbar erschrecke, als der Ofen klingelt. Ich nehme Adrians Urne und befülle sie mit der Asche des jungen Selbstmörders, dann schalte ich die Reinigung ein. Habe einen Moment überlegt, ob ich die Zähne verschwinden lassen soll, denn sie können meinen Betrug aufdecken, aber dann ist es vielleicht auch zu verdächtig und außerdem glaube ich nicht, dass seine Familie die Urne noch einmal öffnen wird. Ich drapiere sie auf dem Altar neben der Urne der Seniorin, die morgen bestattet wird, und wende mich wieder dem alten Mann zu, der Feinarbeit bedeutet. Der arme Mann ist tot umgefallen und hat eine Weile auf einem Rost gelegen, der Abdruck zieht sich über sein Gesicht, seine Brust, die Arme und dann ist er auch noch völlig verdreht in die Leichenstarre geraten. Die ist zwar jetzt wieder fort, aber es knackt trotzdem bestialisch, als ich ihn wieder zurecht ziehe. Ich schnaufe vor Anstrengung und denke, dass die Geräusche, das leise Quietschen und Greinen, von mir selbst oder aus dem Körper gekommen sind, doch dann ist plötzlich alles still. Alexa ebenfalls, anscheinend hat es kurz einen Stromausfall gegeben, das passiert oft, wenn der Ofen an ist. Nun wieder ein Schaben. Ich bekomme eine Gänsehaut.
Nein, ich habe keine Angst vor den Toten, die sind tot und ich bin ihre Anwesenheit von klein auf gewöhnt. Jedoch treibt sich draußen manchmal ein Nekrophiler herum, den ich schon einmal in flagranti erwischt hatte. Wir haben ihn natürlich angezeigt, doch trotz der einstweiligen Verfügung taucht er immer wieder in der Nähe des Institutes auf und nachts schleicht er auch gerne mal auf unser Grundstück. Jedoch türmt er freiwillig, wenn er mich sieht. Ich nehme ein Skalpell und gehe zum Tor, horche. Draußen ist es still. Der Wind heult kurz auf, als er um die Hausecke weht und ich atme auf. Doch als ich in den Kühlraum zurück gehe, höre ich es wieder. Nun klopft es, eindeutig, und das Klopfen kommt aus den Kühlfächern. Obwohl es nicht sein kann, nach meiner Prozedur, denke ich sofort, dass man einen Fehler bei Adrian gemacht hat und stürze hin, öffne sein Fach panisch, denn er muss unheimliche Angst haben. Er liegt jedoch still und schaut mich an, hat das Laken bereits runter gezogen, ich erschaudere.
„Gott, ich hatte einen beschissenen Traum!" krächzt er.
„Was?" keuche ich.
Sein Magen knurrt. Seine Augen färben sich schwarz, er öffnete den Mund und ich sehe, dass sich sein Gebiss verändert hat, seine Zähne sind spitz und er knurrt mich an, wie ein Tier. Ich weiche zurück und hebe das Skalpell, zum Glück habe ich es noch nicht zurück gelegt! Adrian setzt sich auf und hüpft von der Trage.
„Ich hab Hunger." jault er. „Hast du was zu essen, Tilli? Warum hältst du mir ein Skalpell...Moment, wo sind wir hier?"
Er blickt an sich runter. Bemerkt den Zettel, hebt seinen Fuß und zieht ihn ab.
„Unbekannt, verstorben am 20.6.2019? Ist das ein übler Scherz, oder was?" brummt er. „Echt, Matilda, sowas hätte ich nie von dir gedacht!"
„Es ist kein Scherz." flüstere ich. „Du warst tot, Adrian. Erinnerst du dich nicht?"
„Hm. Wenn ich tot wäre, dann würde ich jetzt nicht vor dir stehen und Hunger haben, oder?"
Seine Augen sehen wieder normal aus, das Weiße ist zum Vorschein gekommen und doch sind überall schwarze Flecke auf seinem Augapfel, sodass das Grün seiner Pupillen nicht mehr so leuchtet, wie vorher. Trotzdem tut es seiner Schönheit keinen Abbruch...wie kann ich so etwas nur denken?
„Da war so ein Typ auf dem Friedhof..." flüstert Adrian plötzlich. „Hat mich von hinten angegriffen und mich mit einem Baseballschläger verprügelt, aber dann weiß ich nichts mehr."
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Night Creatures
HorrorEine Sammlung von unheimlichen Geschichten, abstoßenden Kreaturen und Liebe.
