Tag 7
Am Morgen erzählt Adrian mir, kurz, bevor er selbst schlafen geht, dass jemand an der Garage gewesen ist, aber da er nicht sofort nachgeschaut hat- er gibt beschämt zu, dass er mit Tim telefoniert hätte- wäre der nächtliche Besucher abgehauen. Adrian war ihm nicht gefolgt, weil er mich nicht hatte alleine lassen wollen, aber wenn Anton wieder da wäre, wäre es ein Kinderspiel gewesen, ihn zu kriegen, meint er. Wir umarmen uns kurz und dann geht er nach oben.
Natürlich hadere ich mit mir, Mike zu informieren, aber was soll ich ihm sagen? Dass Anton umgebracht worden ist, aber doch lebt, und dass mir sein Mörder nachstellt, wofür ich keine Beweise habe? Während ich meinen Kaffee genieße, kommt Papa heim und auch ihm gegenüber fühle ich mich schlecht. Noch nie habe ich ihm so viel verheimlicht oder ihn gar angelogen! Er gibt das Paket für FedEx raus, während ich mit den Angehörigen der alten Dame telefoniere. Unser Fahrer holt das Paar im Doppelsarg ab und nimmt die Urne des Selbstmörders mit, und die ganze Zeit ist mir übel. Wie soll ich so wieder einen normalen Arbeitsrhythmus finden? Der einzige Lichtblick ist mein süßer Boyfriend, der mir oft schreibt und am Mittag anruft, um zu sagen, dass er nun los fährt. Papa packt seine Kisten, es sind nicht viele, und wundert sich, dass ich das Haus nicht verlassen will, obwohl kaum noch etwas zu tun ist.
„Ich hab schon gestern viel geschafft." flunkere ich. „Und außerdem kommt Anton später noch mal rum."
„Aha, nichts Ernstes?" grinst Papa. "Er wohnt ja nur sechs Stunden entfernt..."
„Hm, er ist...ein bisschen wie ich. Drum prüfe, wer sich ewig bindet!" lächele ich.
Papa nickt.
„Ich wollte doch auch keine Frau mehr, nach deiner Mutter. Ich verstehe dich. Gehe es ruhig langsam an, auch, wenn die Leute sich dann wieder das Maul zerreißen, wie über mich und Berit."
„Mach dir nichts draus. Ihr seid ein schönes Paar. Und irgendwie freue ich mich auf ein kleines Geschwisterchen." blinzele ich.
Das ich hier sitten würde, mit zwei Ghuls unter dem Dach! Oh, je! Da Berit sich zuhause gelangweilt hat, kommt sie ebenfalls vorbei, obwohl sie meint, es ginge ihr nicht gut. Das kann sich Papa jedoch nicht lang mit ansehen und fährt mit ihr zurück in ihre Wohnung. Natürlich ist es mir mehr als recht! Doch nun bin ich ganz alleine in dem großen Haus- bis auf den schlafenden Ghul unter dem Dach- und mir ist schon etwas unheimlich. Ich überprüfe alle Fenster und Türen und dann beginne ich, mein Kinderzimmer auszuräumen. Schleppe erst einmal alles zum Hinterausgang, was ich nicht behalten will, denn ich habe vor, eine Art Gästezimmer daraus zu machen und Papas Bett hineinzustellen, dass noch fast neu ist, er aber nicht mehr benötigt. In meiner Wohnung steht ein supergemütliches Boxspringbett, das in mein renoviertes Schlafzimmer kommen wird, aber zunächst halt will ich mit dem Kinderzimmer beginnen. Während ich die Tapeten entferne, kommt Adrian runter. Er gibt mir einen Wangenkuss und staunt, was ich schon alles geschafft habe. Trägt den Sperrmüll zu den anderen Sachen auf den Hof, dann frage ich ihn, was er für Möbel- außer den Baldachin und den ollen Pupssessel- in sein neues Zuhause stellen möchte. Nicht viel, antwortet er. Anton würde- die Brüder wohnten zusammen im großen Haus der Großeltern- sein Bett mitbringen, ebenso seinen Laptop und ein paar kleinere Schränke, Klamotten und Bücher. Er hätte dafür den Transporter seines Onkels ausgeliehen, erklärt Adrian, und allen erzählt, er wolle die Möbel für einen guten Zweck spenden. Mit der lahmen Kiste braucht Anton jedoch acht Stunden, anstatt sechs und wird um Mitternacht erst ankommen. Bis dahin hat Adrian den Dachboden komplett ausgekleidet und eine Wand gezogen, sodass er einen Wohn- und Schlafbereich hat. Eines der Bäder liegt direkt unten an der Treppe, meines zwischen Schlaf- und Kinderzimmer.
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Night Creatures
HorrorEine Sammlung von unheimlichen Geschichten, abstoßenden Kreaturen und Liebe.
