zwölf

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- Schau dem Krebs ein mal ins Gesicht. Danach ignorierst du ihn. -

Ich hatte keine großen Hoffnungen, auf Davis zu treffen, als ich am nächsten Morgen noch viel zu müde in die Cafeteria schlürfte. Darum war es auch kein weiterer Schlag, wie am Vortag, als mich mein Gefühl nicht getäuscht hatte. Der Tisch in der hintersten Ecke war frei. Langsam und mit einem merkwürdigen Gefühl im Magen, holte ich mir mein Frühstück. Ich war kurz davor mir eine Kelle mit Rührei auf den Teller zu tun, bis ich merkte, dass ich plötzlich keinen Appetit mehr verspürte. Weder auf das Rührei, noch auf die anderen Sachen, die sich in den letzten Tagen auf meinem Tablett angesammelt hatten. Ich beließ es bei dem trockenen Sandwich. Doch auch dieses konnte ich nur zur Hälfte herunterbringen. Ich hatte gehofft, dass es wenigstens so sein würde, als wäre Davis nie hier gewesen. Als würde ich, wie mein gesamtes vergangenes Leben, allein an dem Tisch sitzen und über meinen langweiligen Tag nachdenken. Aber es ging nicht. So sehr ich es mir auch versuchte einzureden. Es fühlte sich beinahe an wie eine Droge, von der man nach gerade einmal einer Woche abhängig geworden war. Ich verspürte nichts sehnlicheres, als mich von seinem Wohlbefinden vergewissern zu lassen. Ich wollte wissen was los war. Und so oft ich diese Frage auch in meinem Kopf hin und her warf, konnte ich sie nicht verdrängen.

Nachdem ich mein Tablett weggebracht hatte und mit einem immer schlechter werdendem Gefühl zurück in Richtung meines Zimmer lief, beschloss ich mich nicht direkt zurück ins Bett zu legen. Vielleicht war es die Sonne, die mich reizte, draußen zu bleiben und spazieren zu gehen. Vielleicht das schlechte Gewissen vom Vortag. Da ohnehin niemand in näherer Umgebung zu sehen war, störte es wohl auch niemanden, dass ich noch immer meine Hausschuhe und meinen Morgenmantel trug.
Der Boden fühlte sich angenehm an, obwohl ich wusste, dass meine Schuhe nach diesem Ausflug nicht mehr weiß sein würden und ich wahrscheinlich von jeder Pflegerin gebeten würde, nicht den ganzen Schmutz auf dem frisch gewischten und desinfizierten Boden zu verteilen. Die Sonne kitzelte meine Haut und stand noch immer tief über dem See. Erst in ein paar Stunden würde es richtig warm werden. So lange konnte ich bei angenehmen Temperaturen herum laufen. Mein Blick galt dem Nirgendwo, bis ich viel zu überraschend einen Schatten wahrnahm.
Einen stillsitzenden Schatten. Vor dem See. Auf der Bank. Mein Herz setzte vor Erleichterung für einen Moment aus. Es gab keinen anderen, der sich zu dieser Uhrzeit auf die Bank gesetzt hätte. Keinen außer Davis.

Ich schaffte es nicht, mir ein winziges Lächeln zu verkneifen, je näher ich ihm kam. Ich war einfach viel zu erleichtert.
Meine Schritte wurden schneller und die Neugier drängte mich.
Er rührte sich nicht, als ich seitlich in seit Sichtfeld trat. Sein Blick galt ausdruckslos dem See. Wie versteinert saß er da. Seine Augen waren beinahe glasig. Seine Lippe zitterte leicht.
Für den Bruchteil einer Sekunde erwartete ich schlimmes, als ich an unser erstes Zusammentreffen denken musste.
Doch so stur ich auch war, sagte mir mein Kopf, dass das nicht er war. Davis nahm keine Drogen. So musste es einfach sein. Vielleicht hatte er einfach nur geweint. Keine Ahnung, ob man das auseinander halten konnte. Cath hatte eigentlich immer gleich ausgesehen. Blass, müde und dennoch war sie bildhübsch.

,,Hi", flüsterte ich leise uns setzte mich vorsichtig mit etwas Abstand zu ihm auf die Bank. Ich spürte, wie mein Herz zu klopfen begann. Dabei nahm ich nicht ein mal wahr, dass ich so wahnsinnig aufgeregt war.
Ich bekam keine Antwort. Sein Blick galt stumm der Ferne, als hätte er mich noch immer nicht bemerkt.

,,Du warst nicht beim Frühstück", murmelte ich. Mein Körper war, nach Aufmerksamkeit suchend, zu ihm gedreht. Einige Sekunden tat er nichts, dann kippte er den Kopf ein kleines Stück nach vorn und nickte. ,,Ich wollte nur...sicher gehen, dass alles in Ordnung ist."
Natürlich war es das nicht. Diese Frage hätte ich mir sparen können. Er saß so mitleidig dort. Seine sonst so gebräunte Haut erschien blass. Aus seinen Augen sprach die Angst und aus seinem Körper der Schmerz. Vielleicht hätte es mich nicht überraschen sollen. Ich sah alltäglich Leute, denen es genau so erging, wie er in dem Moment aussah. Verletzlich, schwach und krank. Es musste schließlich einen Grund geben, weshalb er hier war. Auch, wenn ich bis gestern davon überzeugt war, dass es bei ihm anders war. Er hatte kein Krebs und er nahm erstrecht keine Drogen. Das war nicht der Davis, den ich in den letzten Tagen kennen lernen durfte. Doch jetzt war es viel zu erschreckend und zu gleich überraschend, dass ich mich getäuscht haben musste. Auch er hatte einen Grund. Auch er war dem Tod viel zu nah.

HerzenskämpferGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt