Das Wasser war warm und umgab sie wie eine zweite Haut. Eigentlich war Gül nie eine von den Frauen gewesen, die ständig baden gingen. Stattdessen hatte sie immer die schnelle, erfrischende Dusche vorgezogen. Nur sehr selten, wenn der unbändige Drang sie ergriff war sie mal baden gewesen. Auch heute hatte sie eine Dusche vorgezogen, doch man hatte sie ihr verwehrt. Einen Menschen müsse man aus ihr machen hatten die Frauen des Rudels gesagt, da würde eine Dusche nicht ausreichen. Sie hatten sie mitgenommen, irgendwo in den zweiten Stock ihres Hauses und hatten sie in dieses dampfende Bad gesteckt. Zunächst war es Gül zu heiß vorgekommen, war sie doch durchgefroren bis auf die Knochen, doch jetzt empfand sie es als wohltuend. Nur sehr langsam schien die Wärme wieder Einzug in ihren Körper zu halten. Doch je wärmer ihr wurde, desto aufnahmefähiger und wacher wurde sie. Unauffällig blickte sie sich in den Badezimmer um. Es war sehr elegant und modern. Die Fließen am Boden und an den Wänden waren aus dunklem Marmor. Die Punkte, die mal braun mal gelb und mal glitzernd hervorstachen, nahmen dem Marmor seine Düsterheit und machten ihn zu etwas ganz Besonderem. Etwas Schönem. Einem Ort des Wohlfühlens.
Direktes Licht schien es hier nicht zu geben, stattdessen schien aus jeder Fuge dieses Zimmers ein wenig Licht zu dringen. Es war fantastisch wie sich die Fugen auf dem Marmor spiegelten. >Es fühlt sich an, als wäre man im Universum. Mittendrin, zwischen den Sternen.< dachte sie und ein wohliger Seufzer entwich ihr. Sie selbst saß in einer großen dunklen Badewanne, in die locker drei ausgewachsene Werwolfmänner reingepasst hätten. Sie zwang sich ihren Blick von dem „Sternenhimmel" abzuwenden und schaute nun misstrauisch hinter sich. Was wohl hinter diesem wuchtigen Vorhang war? Wie durch Zauberhand, bewegte sich der Vorhang plötzlich und gab den Blick auf ein Waldpanorama frei, wie sie es so noch nie gesehen hatte. „Wahnsinn!", flüsterte sie ehrfurchtsvoll ohne den Blick abzuwenden. Als sie vorhin durch den Wald gelaufen war, hatte sie ihm gar keine Beachtung geschenkt, irgendwie schienen Wälder sich ja immer sehr ähnlich zu sein. Blätter, Laub, Tannen, Blätter und so weiter. Doch dieser Blick war neu. Nein, neu bestimmt nicht, aber anders. Ja, das traf es. Es war als würde sie mitten zwischen den Tannenkronen schweben, die das Haus umgaben.
„Schön, nicht?", holte sie eine Stimme ins Diesseits zurück. Erschrocken fuhr sie herum und versuchte das nötigste mit ihren Armen zu bedecken.
„Meine Güte, du bist ja ziemlich schreckhaft.", sagte die Blonde, die sie hierher gebracht hatte. Gül entging nicht ihr kritischer Blick und die steile Falte, die sich zwischen ihren Augenbrauen gebildet hatte.
„Entschuldigung, ich...", stammelte sie, wusste aber nicht so genau was sie darauf antworten sollte. Verlegen begann sie etwas Schaum vor ihrer Brust zu sammeln.
Zack. War die Blonde bei ihr, packte sie am Handgelenk und zog sie mühelos nach oben. Gül schrie in Anbetracht der Überraschung und des Schmerzes der ihr Handgelenk durchfuhr auf. Panisch versuchte sie sich loszureißen, doch es hatte keinen Sinn. Sie war zu stark. Tränen schossen ihr in die Augen, während sie mit der noch freien Hand versuchte sich irgendwie zu bedecken. Ihren kleinen, dicken, nein, ihren fetten Körper. Noch nie war sie sich schmutziger und hässlicher vorgekommen, wie in diesem Moment.
„Um Himmels Willen! Was ist dir bloß zugestoßen?", flüsterte die Frau, ihr Blick ruhte auf dem geschundenen Körper vor ihr, der mit zahlreichen blauen Flecken und Schrammen und tiefen Schürfwunden übersät war. Eine Zeit lang betrachtete die Frau die Wunden an Güls Körper, dann ließ sie ihr Handgelenk los und klatschte in die Hände. Sofort erschienen weitere Frauen. Peinlich berührt ließ sich Gül zurück ins Wasser sinken und genoß für einen kurzen Moment die Wärme, die sie dort empfing. Als sie ihre Augen wieder öffnete sah sie sich den beiden jungen Frauen gegenüber, die sie mit einem sanften Lächeln bedachten, die blonde Frau hingegen war verschwunden.
>Echt jetzt?<, fragte sich Gül, als sie sich im Spiegel betrachtete, sie hatte ja mit einigem gerechnet, sogar mit einem Dresscode, von wegen „kleines Schwazes" oder so, aber das...
Sie hörte ein Kichern hinter sich und wusste, dass es von Rona kam, einer der jungen Frauen, die sie in der letzten Stunde geschraubt, gewaschen, eingecremt und ihre Wunden versorgt hatten.
„Echt jetzt! Wir laufen hier alle so rum. Warum sollten wir dich in andere Sachen stecken, wenn wir selbst es eher... bequem mögen?", antwortete sie ihr auf ihre unausgesprochene Frage und zeigte an sich selbst herunter. Gül schaute von ihr zu ihrem eigenen Spiegelbild und wieder zurück. Sie trug eine Jogginghose... eine J O G G I N G H O S E! Wann hatte sie zuletzt eine Jogginghose getragen?
„Ist wohl schon lange her, was? Na, dann solltest du es jetzt umso mehr genießen," antwortete Sam, die zweite im Bunde. Verdammt, an die Sache mit dem Gedankenlesen musste sie sich erst wieder gewöhnen.
„Ich werde mich bemühen.", antwortete Gül mit einem gequälten Lächeln auf den Lippen. Dann machten sie sich auf den Weg zum Rest des Rudels. In den Speisesaal.
Sie alle hatten sich im Wohnzimmer eingefunden um ihre Geschichte zu hören. Es waren viele. >Es sind nicht genug.<, schoss es ihr durch den Kopf. Ein Blick in das Gesicht von Jacky verriet ihr, dass sie nicht verstand. Also rutschte Gül in dem Ohrensessel etwas zurück, blickte schweigend ins Feuer, musste zunächst ihre Gedanken sortieren. Wo sollte sie anfangen?
Gül schaute in das Gesicht jedes einzelnen. Sie atmete tief ein ehe sie ihren Rücken straffte und zu erzählen begann. Gül wusste nicht wie lange sie erzählte, doch sie wurde nicht ein einziges Mal unterbrochen. Das Rudel hörte ihr aufmerksam zu. Sie erzählte davon, wie sie sich in Amerika beworben hatte, wie glücklich sie gewesen war bei Davis Industries genommen zu werden, wie sie entdeckte, dass sie der einzige Mensch unter unzähligen Werwölfen gewesen war. Wie Ily ihr Leben für sie aufs Spiel gesetzt hatte. Wie sie sich, trotz ihrer Angst, immer mehr mit Taylor angenähert hatte und dann erzählte sie von Harry. Sie erzählte nicht alles, spürte sie doch wie ihr die Stimme versagte oder sich in ihr eine Barriere aufbaute. Sie wollte nicht Preis geben was sie geträumt hatte. Wie real sich diese Vergewaltigung angefühlt hatte und wie sie geglaubt hatte auf ewig an ihn gebunden zu sein. Sie wollte es nicht. Sie wollte es vergessen.
Als sie geendet hatte blieb es lange still. Das Rudel war zu geschockt, zu baff oder zu emotional um irgend Etwas heraus zu bringen.
Gül hingegen, die in so kurzer Zeit all ihre angestauten Emotionen abgerufen und sogar mitgeteilt hatte, war nicht mehr dazu in der Lage zu sprechen. Traurig und müde wandte sie den Kopf ab und schaute in die lodernden Flammen des Kamins. Eigentlich hätte sie ihre Wärme spüren müssen, doch das tat sie nicht. Sie spürte nichts. Gar nichts.
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Die andere Mate
Werewolf*Achtung! Enthält sexuelle Inhalte und Szenen der Gewalt!* "Du bist schon feucht? So eine bist du also? Das macht es für mich einfacher...", seine Stimme war rau und belegt. Plötzlich gingen bei Gül alle Alarmglocken an. Sie wehrte sich, versuchte s...
