Das Licht der Sonne weckte ihn, als es über sein Gesicht tanzte.
Es war ruhig im Schloss, als er aufstand und die Bediensteten ihm Kaffee brachten. Die drei Dienerinnen blieben nicht, um sein Bett zu machen oder die Vorhänge aufzuziehen. Sie legten ihm nur einen beigen Umschlag auf den Tisch, an dem er gerade saß und verschwanden wieder.
Er legte eine schwarze Beere zurück in die Schüssel und nahm den Brief.
Es gab kein Wachs, kein Siegel und als er den Brief auseinanderfaltete, starrten ihm tote Buchstaben entgegen.
Verwirrt drehte er das Papier um, doch auch auf der anderen Seite war es leergeschrieben.
Er griff nach dem Tablett, hob die Glaskaraffe mit dem Orangesaft an und zog einen schlichten Zettel hervor, der nach Rosen duftete.
Darauf stand mit feinster Handschrift einer Dame:
Ich wünsche Euch einen herrlichen Guten Morgen, lieber Weylin,
gestern Abend sind wir nicht mit guten Worten zu Bett gegangen. Das bedauere ich sehr.
Schon damals wart Ihr immer so ungeheuerlich zielstrebig, wenn es um Eure Heimat ging und ich kann Euch verstehen, glaubt mir.
Bittet König Dorin und Königin Catina von Cimmerian um Unterstützung. Ich werde Euch zur Seite stehen, mein lieber Soldat, aber ich kann keinen Krieg anfangen, wenn niemand bereit dazu ist, die Angst zu bezwingen.
Bleibt solange wie es Euch wünscht an meinem Hof, Weylin. Ihr seid immer willkommen.
Ihr werdet diesen Krieg vielleicht verlieren, junger Soldat, aber ich weiß, dass Ihr das Schlachtfeld in Euren Fingerspitzen beben spürt.
In alles Liebe
Zaina
Er legte den Zettel zurück auf das Tablett und rieb sich die Stirn. Ein furchtbarer Schmerz pochte hinter seinen Augen. Diese Nacht hätte das erste Mal seit langer Zeit wieder sein können, in der er in einem bequemen Daunenbett hätte schlafen können, doch die Schatten hatten ihn nicht losgelassen. Die ganze Nacht hatten sie ihn gepackt, geschüttelt und zu Boden gerungen, als würden sie ihn gerne bluten sehen.
Weylin fuhr sich seufzend durchs matte Haar. Hier stand er nun. In einem Palast erbaut aus Rosen und Gift, tausende Meilen entfernt von seiner Heimat, die ein König in den Tod führen würde. Und er? Er flehte die Götter an, ihm seinen Vater zurückzubringen.
Der Stuhl krachte gegen den Schrank, als er abrupt aufstand. Woher konnte er die Kraft aufnehmen, die Schatten zu besiegen, die ihn an seine Ketten zu Boden rissen?
Er rang nach Luft, seine Nase brannte, als Tränen ihm in die Augen stiegen. Die Welt vor ihm verschwamm, ein durchdringendes Dröhnen verfolgte ihn, wo auch immer er hinging.
Er ging zu Boden und beugte sich vor. Er würgte, wollte das Feuer aus seinem Körper verscheuchen, das ihn heimsuchte.
Sterne tanzten vor seinen Augen, als wollten sie ihn verspotten.
Es ging alles so schnell.
Sein Herz pochte so laut wie sein Schrei auf dem Schlachtfeld. Er reckte die Hand nach oben, suchte Halt an einer Kommode, doch der Knauf brach ab und ein ohrenbetäubendes Knacken warf ihn zu Boden.
Die Sonne verschwand hinter schwarzen Wolken, Donnergrollen übertönten die Schreie, die unbeantwortet blieben und grelle Blitze durchzuckten die Dunkelheit. Der Geruch nach Blut stieg ihm in die Nase und er würgte erneut. Zitternd versuchte er die Augen offenzuhalten, doch selbst das vertraute Eis, das den Boden bedeckte, konnte ihn vor diesen grausamen Anblick nicht retten.
Die Angst brach herein wie eine wütende Flutwelle. Sie standen auf einem Feld, das grüne Gras bereits bräunlich vom Blut. Pferde wurden mit Pfeilen durchbohrt, fielen zu Boden, während ihren Reitern die Kehle aufgeschlitzt wurden.
Andere fielen von selbst auf die Knie, mit ihren Nägeln versuchten sie die Schrecken aus ihrem Gedächtnis zu verbannen, während sie sich die Augen ausrissen. Schilder krachten gegen Schilder, Schwerter wurden in Rüstungen gerammt, als wären sie keine Menschen.
Männer brüllten, Frauen fauchten, während immer mehrere tot auf den Boden fielen wie Sterne, die über den Himmel zuckten.
Es fing an zu regnen, Wind kam auf und die Erde teilte sich entzwei. Flammende Wut kroch aus dem Krater, verbrannte alles, was ihr entgegenkam.
Wurzeln, die aus dem Nichts aus dem Boden geschossen kamen, packten die Soldaten an den Füßen, schleiften sie zum Abgrund und ließen sie wie Steine in den Abgrund stürzen.
Die Soldaten fielen auf die Knie, das Schwert krachte auf leblose Gestalten, sie würgten, und erbrachen, doch das Wasser wurde immer mehr.
Immer weiter tobte das Unwetter. Es nahm kein Ende.
Weylin bekam keine Luft, seine Hände scharrten über den vereisten Boden, doch er entkam nicht.
Männer mit schwarzen Rüstungen, das Haar schimmerte silbern im Licht der Blitze – sie kamen ihm schrecklich bekannt vor - heulten Befehle, versuchten sich einen Weg durch die Masse zu bahnen. Pferde stellten sich auf, Eis drängte die Feinde zurück, doch es war zu spät.
„Schützt den König! Schützt den König!", rief ein Mann immer und immer wieder, doch die Angst hatte ihn bereits ergriffen. Tot fiel die Krone auf den blutbesudelten Boden und der König stand nicht mehr auf.
Zitternd stellte er sich auf die Füße. Mit langsamen Schritten ging er zum Fenster und öffnete es. Warme Luft strich über sein feuchtes Gesicht und die Sonnenstrahlen trockneten seinen nassen Hemdkragen. Der Frühling mit seinen Düften und Blumenpracht breitete sich vor seinem Abteil in einem Garten aus. Zwei Vögel umkreisten sich freudig in den niedrigen Ästen eines Baumes, ihr Gezwitscher verscheuchte die letzten dunklen Bilder aus seinem Kopf.
Sein Herz brauchte mehrere Minuten, um den gleichmäßigen Takt wiederzufinden. Krampfhaft umschloss er den Fensterbalken, bis seine Fingerknöchel weiß hervortraten. Nur zögernd konnte er diese schrecklichen Bilder verdrängen, bis er endlich die grünen Gräser unter ihm sah.
Mit einem tiefen Seufzer ging er zurück in sein Bad und wusch den Schweiß von seinem Nacken. Sein Gesicht war aschfahl in dem goldverzierten Spiegel, seine Augen stachen dadurch nur noch heller heraus, dass sie schon fast weißlich wirkten. In den letzten Wochen hatte er etwas abgenommen, denn seine Wangenknochen waren schärfer, als er in Erinnerung hatte.
Er wandte sich ab und wechselte sein Hemd, denn er wollte besorgte Blicke von Kenric oder irgendwelchen Höflingen vermeiden.
Weylin setzte sich wieder an den Esstisch und tupfte die Schreibfeder am Glas ab, bevor er sie an das cremefarbene Briefpapier setzte und anfing zu schreiben. Am Ende blieb ihm keine Wahl.
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Nine Crowns
FantasyFrost and Darkness In einem Land, das nur den Schnee und die eisige Kälte kennt, spielt ein junger Soldat mit dem Tod. Ein verherrender Krieg liegt hinter den neun Königreichen und ein Schlimmerer wird noch folgen. Weylin wird dazu auserwählt, den K...