Montag, 12.7: Karla
"Was machst du da?", fragte Silas neugierig. Ich saß im Schneidersitz auf seinem mit unzähligen Kissen bedeckten Bett und starrte auf mein Smartphone. "Ich versuche die Welt durch Ivys Augen zu sehen.", erwiderte ich, ohne meinen Blick vom Bildschirm abzuwenden.
"Wie darf ich das jetzt verstehen?", verwirrt schaute er über meine Schulter. Den ganzen Nachmittag hatten wir damit verbracht, uns die Stadt anzusehen. Auch wenn mir eigentlich nicht so nach Tourist spielen zumute war, waren das Brandenburger Tor, der Reichstag und eine vegetarische Currywurst eine willkommene Ablenkung gewesen.
Inzwischen war es schon nach einundzwanzig Uhr und in der Wohnung war es noch viel dunkler als es ohnehin schon war. Silas Mutter war, wie er schon vorhergesagt hatte, noch nicht hier aufgekreuzt.
"Ich schaue mir auch mal den Blog von Beauty-Sophie an. Die hat sie ja schon immer vergöttert.", erklärte ich Silas. "Beauty-Sophie?", wiederholte er. "Ja. Das ist eine von diesen super tussigen Bloggerinnen.", antwortete ich und deutete zur Bestätigung auf eines der ersten Videos, die auf dem Kanal zu finden waren.
"Verstehe", murmelte Silas, während er das Mädchen auf dem Bildschirm mehr als kritisch beäugte, "das ist so gar nicht meine Welt." "Meine doch auch nicht!", entgegnete ich und tat so, als würde ich mich übergeben. Silas lachte und zauberte mir damit wieder ein Lächeln ins Gesicht.
"Mach das doch auf Mamas Computer", schlug Silas vor, "dann kann ich mit gucken." "Findest du Beauty-Sophie etwa heiß?", lachte ich. Obwohl ich so tat, als wäre das eine Scherzfrage, verspürte ich trotzdem einen leichten Stich.
"Willst du mich beleidigen", rief Silas mit verzogenem Gesicht, "ich möchte nur mal schauen, was sich deine Freundin so anschaut." Puh! "Aber darfst du das überhaupt?", fragte ich.
"Was?" "An den Computer deiner Mutter.", fügte ich hinzu. "Du kennst meine Mutter nicht", erwiderte der Junge und bedeutete mir, ihm zu folgen, "die merkt das nicht mal. Ihr ist alles egal. Warte, bis du sie nachher siehst."
Das glaubte ich ihm (beim Anblick dieser Wohnung) sofort. Der relativ neue Computer von Silas Mutter stand am anderen Ende des Flures auf einem schmalen Schreibtisch, auf dem sich, trotz des wenigen Platzes, noch jede Menge andere Dinge stapelten. Cola- Dosen, Chipstüten, alte Zeitschriften und Rechnungen. Silas deutete auf den hölzernen Hocker und ich setzte mich.
Er schaltete den Computer ein und wir mussten erst einmal gefühlte Ewigkeiten warten, bis sich auf dem großen Bildschirm überhaupt etwas tat. Dann, endlich öffnete sich der Startbildschirm und Silas klickte auf den Browser.
"Hier", er schob mir die Maus herüber, damit ich den Videoblog von BeautySophie aufrufen konnte. Schon nach ein paar Klicks hatte ich ihren Kanal gefunden und wir blickten, halb angeekelt, halb interessiert auf den Bildschirm.
"Die besteht ja praktisch nur aus Schminke", kicherte Silas, "was findet deine Freundin nur an der?" "Sieh mal", grinsend deutete ich auf eines der Videos, "was Jungs an Mädchen lieben." "Woher will die denn wissen, wie wir ticken?", fragte Silas kopfschüttelnd.
"Ihr seid eben leicht durchschaubar.", ich scrollte mich grinsend durch die Videos, bis ich plötzlich stockte. "Hier", murmelte ich, "wie bei Ivy." "Was meinst du?", wollte Silas wissen. "Die Dislikes", erklärte ich, "schau mal. Von jetzt auf gleich steigen die plötzlich an. Aus dem Nichts. Hier sind es noch zweihundertachtundvierzig und hier sind es auf einmal über achthundert."
"Und was hat das mit Ivy zu tun?" "Ihr Videoblog, kurz bevor sie erpresst wurde. Da sind die Dislikes auch ohne erkennbaren Grund ganz plötzlich angestiegen.", sagte ich. "Ich wusste gar nicht, dass sie auch einen Blog hat.", stellte Silas fest.
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Fiksi RemajaVirtuelle Freunde sind toll! Sie loben und bewundern dich, sie sind dir für jede Antwort dankbar und füttern dich mit Selbstbewusstsein. Aber sind sie auch noch da, wenn du gerade mal nicht perfekt gestylt bist? Trösten sie dich, wenn du nicht mehr...
