--- Follower, oder auch Kapitel XXI

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Montag, 12.7: Karla

"Der RE7 nach Berlin Hauptbahnhof heute circa zehn Minuten später von Gleis sechs.", schallte es. Na super. Jetzt waren es schon zehn Minuten. Da fehlte nur noch, dass der Zug später wegen eines technischen Defekts endgültig ausfiel. 

Nervös rückte ich auf der kalten, unbequemen Bank hin und her. Dabei hielt ich meinen kleinen Rucksack, in den ich heute Morgen in aller Eile die nötigsten Dinge hinein gepackt hatte, immer fest umklammert. Der Bahnhof war um diese Zeit ungewöhnlich leer. 

Nur vereinzelt standen ein paar Personen am Gleis. Die meisten von ihnen waren wohl Pendler. Jeder von ihnen lebte in seiner eigenen kleinen Welt und schien die anderen Passagiere rund herum kaum zu bemerken. Es war das allererste Mal, dass ich alleine Zug fuhr und ich hätte mir dafür wirklich lieber einen günstigeren Moment ausgesucht. 

Aber so war das nun mal. Zum zehnten Mal überprüfte ich den Akkustand meines Handys. Neunundachtzig Prozent. Das reichte locker, um noch etwas Musik zu hören und im Ernstfall Silas oder meine Eltern zu verständigen. Und wenn es ganz hart auf hart kam, ich wollte gar nicht daran denken, sogar die Polizei. 

Ich atmete tief ein und aus und steckte mir dann meine Kopfhörer in die Ohren. Die vertraute Musik beruhigte mich und so blendete ich schon bald den Stress aus. Nur die digitale Anzeige am Gleis verriet, dass der Zug nach Berlin in Kürze eintreffen würde. Während ich im Takt der Musik langsam auf und ab wippte ließ ich die Anzeige nicht mehr aus den Augen. 

Wenn die Ankunftszeit nicht noch einmal nach hinten verlegt werden würde, dann müsste der Zug in etwa vier Minuten eintreffen. Als der Zug endlich mein Gleis erreichte fühlte ich mich, als wären bereits Stunden vergangen. 

Ich ließ den einzigen Reisenden, der an der Tür stand, aussteigen und schlüpfte dann selbst in den Zug. Ein widerlicher Gestank empfing mich und ich versuchte, durch den Mund zu atmen. Eilig schob ich mich an zwei grölenden Männern vorbei, die gierig eine ganze Flasche Bier in sich hinein kippten. 

Mit denen sollte man sich besser nicht anlegen. Schließlich fand ich einen Platz, von dem aus ich die im Zug angebrachte Anzeige gut im Blick hatte. Zwar fuhr ich dann rückwärts, aber das machte mir nicht viel aus. 

Früher, als ich noch jedes Jahr  mit Ivy zum Waldsteinsee gefahren war, war ihr beim rückwärts fahren immer schlecht geworden und ich hatte mit ihr Plätze getauscht. Ich wünschte mir so sehr, Ivy würde jetzt neben mir sitzen. Worüber hätten wir geredet? Wäre sie auch so nervös gewesen? 

Es ärgerte mich noch immer, dass ich auf keine ihrer SMS reagiert hatte. Nachdenklich zückte ich mein Handy und las mir zum tausendsten Mal ihre SMS durch, so als würde dabei irgendetwas neues heraus kommen. Als ich wieder vom Display aufschaute, blickte ich in das faltige Gesicht einer alten Dame, die sich wohl eben auf dem Sitz vor mir niedergelassen haben musste. 

Anscheinend hatte ich sie nicht wahrgenommen. Sie bemerkte meinen Blick und lächelte mir zu. Ich lächelte zurück. Langsam schwand die Nervosität aus meinem Körper und ich versuchte, zuversichtlich geradeaus zu schauen. Irgendwie würde ich das alles wieder gut machen!



Die Wohnung, in der Silas wohnte, war gar nicht so weit vom Bahnhof entfernt. Nach ein paar Irrwegen hatte ich endlich das richtige Gebäude gefunden. Es lag inmitten einer ziemlich hässlichen Hochhaussiedlung, in der ein grauer Betonklotz den nächsten jagte. A

m Rande lag ein kleiner Spielplatz, auf dem jemand seinen Sperrmüll entsorgt hatte und selbst das winzige Klettergerüst war mit Graffiti besprüht. Niemand könnte mich je dazu bewegen, hierher zu ziehen. 

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