Kapitel 4: Sowas wie Freundschaft

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(POV Lorraine)

Schon bald wurde aus der anfänglichen Bekanntschaft zwischen Merlin und Lorraine sowas wie Freundschaft. Zumindest dachte Merlin das offenbar. Er redete ungehemmter, wenn er sich mit Lorraine unterhielt. Das war eine positive Entwicklung. Eigentlich. Wenn er ihr doch nur nicht so egal wäre.

Seit einiger Zeit legten sie den Schulweg gemeinsam zurück. Er fuhr mit dem Fahrrad zu einem Treffpunkt und schob es dann für den Rest der Strecke, um mit Lorraine zu laufen.
Sie zogen auf ihrem Weg zur Schule an Reihenhäusern vorbei und passierten vornehme Vorgärten. Ihr Stadtteil wurde hauptsächlich von Kleinfamilien und Studenten bewohnt. In den Medien zeigte die Stadt ihre Nachbarschaft deshalb am liebsten. Mit solchen Bildern konnte man punkten. Die Straßen waren sauber, die Vorgärten aufgeräumt. Alle Straßenlaternen funktionierten und es lag stets der Geruch von frisch gemähtem Rasen in der Luft.
Wenn der Wind aus Merlins Richtung wehte, trug er eine Ahnung von Muff mit sich. Alte Klamotten, die schon einmal jemandem gehört haben. Lorraine rümpfte die Nase. »Hast du die Hausaufgaben erledigt?«

»Aber natürlich. Schon lange.« Merlin redete an diesem Tag leiser als sonst.  Etwas schien ihn zu bedrücken.

»Darf ich bei dir abschreiben?« Sie watschelte neben seinem Fahrrad her und lauschte dem leisen Klappern, das von seinen Pedalen ausging. Die Kette rasselte zwischen den Zahnrädern und erfüllte die Umgebung mit mechanischen Fahrradgeräusch. Ratatatata.

Merlins linke Augenbraue zog sich in Richtung Stirn. Er blinzelte zu ihr herüber und schmunzelte innerlich. »Es wird auffallen, wenn wir beide die gleichen Antworten haben.«

»Na und?«, schnaubte Lorraine. »Solange es die richtigen Antworten sind, ist doch alles gut.« Sie steckte die Hände in die Hosentaschen und fand sich damit ab, schon wieder keine Hausaufgaben vorweisen zu können. Sie hätte von Chester abschreiben oder mit ihm gemeinsam daran arbeiten können. Ihr Bruder war ein Streber. Zumindest wenn man nach Noten ging. Seine Zielstrebigkeit verhinderte, dass er schlechte Zeugnisse nachhause brachte.

»Wann möchtest du sie abschreiben?« Merlin schob seine Haare zur Seite und brachte damit den chaotischen Scheitel noch mehr durcheinander. Sein Auftreten war eine einzige Katastrophe. Wie konnte ein Mensch sich selbst so egal sein?

»In der Fünf-Minuten Pause?« Lorraine tastete auf ihrem eigenen Kopf, um zu prüfen, ob ihr Scheitel richtig lag. »Vor Kunst?«

»Von mir aus«, seufzte Merlin und ließ seinen Blick in die Ferne schweifen. Die Schule war nicht mehr weit entfernt. Seine Schultern hingen an diesem Tag ungewöhnlich weit unten und er redete mit monotoner Stimme. Wenn sie sich für ihn interessieren würde, dann hätte Lorraine gefragt, ob ihn etwas belastete. Es war offensichtlich, dass ihm etwas auf der Seele lag. Sie wandte den Blick von ihm ab. Es war ihr egal.

Als sie vor der Schule ankamen und auf die Fahrradständer zusteuerten, wurden sie von Andre und Jan in Empfang genommen. Die beiden besten Freunde von Chester standen dahinter und teilten sich eine Zigarette. Als sie die beiden Ankömmlinge entdeckten, beendeten sie ihre heimliche Tätigkeit. Jan warf die Zigarette auf den Boden und ließ sie unter seinem Schuh verschwinden.

Merlin wich ihren Blicken aus, setzte aber ein offenherziges Lächeln auf. »Andre und Jan. Guten Morgen.«

Seine Begrüßung blieb unbeantwortet. Andre, der größere von den beiden, musterte ihn knapp von Kopf bis Fuß, während der andere, Jan, sich das Fahrrad ansah. Anschließend blickten sich die beiden Jungs in die Augen und grinsten dümmlich. Während Merlin sein Fahrrad abschloss, äffte Jan seine Bewegungen nach. Lorraine amüsierte sich innerlich darüber. Typisch Jan.

»Gehst du jetzt mit meiner Schwester?« Chesters Stimme schnitt unüberhörbar durch die Luft. Er schlenderte mit geschwollener Brust auf seine Freunde zu und behielt Merlin im Blick. »Magic Man, ich rede mit dir.«

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