11 - Wenn die Fetzen fliegen

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Lias' POV

Das einzige Gefühl, das ich empfinde, während Viana mich küsst, ist weder Glück noch Liebe. Nicht einmal die sogenannten Schmetterlinge, die von mir erschaffen wurden, spüre ich in meinem Bauch.

Die einzige Emotion, die ich gerade klar und deutlich wahrnehme, ist die Wut.

Wie kann Viana nur so unüberlegt handeln? Erst spielt sie mir den heiligen Engel vor, der sich mit guter Laune auf den Weg zu diesem Date gemacht hat, nur um dann den Teufel zeigen zu können. Spätestens jetzt ist mir nämlich bewusst, dass es von Anfang an ihre Absicht war, dieses Date zu ruinieren. Nicht eine Sekunde lang hat sie darüber nachgedacht, dass sie mit ihrem Verhalten auch andere Menschen verletzen könnte.

Es tut mir leid, das sagen zu müssen, aber Viana Jones ist nicht nur eine Gefahr für die Liebe, sondern zusätzlich verdammt egoistisch. Was auch immer in ihrer Vergangenheit vorgefallen ist – ihr heutiges Verhalten wird dadurch definitiv nicht gerechtfertigt.

Innerlich kochend vor Wut stoße ich die Brünette schließlich von mir. Anstatt so etwas wie Reue in ihrem Blick vorzufinden, erkenne ich bloß Triumph.

Viana denkt, dass sie es geschafft hat. Sie denkt, dass sie mich nun loswird.

Doch sie denkt falsch.

Alles, was sie mit dieser dämlichen Aktion bewirkt hat, ist mein Zorn – und dieser Zorn wird sich sicherlich auch in meiner weiteren Vorgehensweise widerspiegeln.

„I-Ich gehe dann ma-mal", lenkt Noel plötzlich meine Aufmerksamkeit auf sich, indem er sich verdächtig über die Augen reibt und uns dann den Rücken zukehrt. Am liebsten würde ich ihm auf der Stelle versichern, dass ich für sein Happy End kämpfen werde, aber ich bin mir sicher, dass ich gerade die letzte Person bin, mit der er reden möchte.

In seinen Augen bin ich von nun an eine Bedrohung. Ich habe ihm das weggenommen, was er liebt – Viana.

„Gott sei Dank", murmelt ebendiese erleichtert neben mir, als Noel immer weiter aus unserem Sichtfeld verschwindet. „Möchtest du nicht auch endlich gehen, Lias?" Mit einem unschuldigen Lächeln schaut Viana zu mir auf.

In diesem Moment erinnere ich mich an unsere erste Begegnung. Ich weiß noch ganz genau, wie ich gedacht habe, dass dieses Mädchen eher einem Engel statt einem Menschen gleicht, doch ich habe mich getäuscht. Das engelsgleiche Aussehen ist lediglich eine Fassade, um den inneren Teufel zu verstecken.

„Denkst du wirklich, dass ich es dir so einfach mache, Viana?", frage ich die Braunäugige spöttisch. „Tut mir leid, dich enttäuschen zu müssen, aber ich werde nicht eher gehen, bevor meine Mission nicht erfüllt ist."

„Fängst du jetzt wieder mit diesem Schwachsinn an? Liebesgott und so? Ernsthaft, Lias? Denk dir wenigstens eine glaubwürdigere Lüge aus, warum du mir die ganze Zeit am Rockzipfel klebst!"

So langsam verlässt mich auch das letzte Fünkchen Geduld.

„Du denkst, dass ich lüge? Nenne mir einen Grund, warum ich das tun sollte!", fordere ich Viana wütend auf. Es ist mir egal, dass ich dabei so laut rede, dass sie ängstlich zusammenzuckt. Sie soll endlich mal begreifen, dass mein Erscheinen auf der Erde kein dämliches Spiel ist.

„Weißt du was? Mir fallen sogar direkt hundert Gründe ein!", feuert die Brünette nicht weniger aufgebracht zurück. „Fangen wir doch einfach mal damit an, dass ich sowieso nur noch von allen Menschen verarscht werde. Es würde mich nicht einmal wundern, wenn du von Percy oder Cassy arrangiert wurdest, um mir mein Leben noch mehr zu erschweren!"

Eine Träne, gefüllt mit Kummer und Leid, kullert über Vianas Wange.

„Seit diesem dämlichen Vorfall vor zwei Jahren läuft einfach alles schief! Manchmal wünschte ich mir, dass Flocke einfach weggelaufen wäre und ich Percy niemals kennengelernt hätte!"

Percy?

Wenn ich mich recht erinnere, hat Viana diesen Namen bereits bei unserem ersten Aufeinandertreffen erwähnt. Ob Percy wohl der Junge ist, der Vianas Herz gebrochen hat? Ist er womöglich der Grund dafür, warum die Brünette nie wieder lieben möchte?

„Wer-"

„Nein!", werde ich direkt harsch unterbrochen. „Ich erzähle dir nicht, was damals vorgefallen ist – und auch nicht, wer Percy ist. Lass mich bitte einfach in Ruhe, Lias!" Mit jedem Wort, das Vianas Lippen verlässt, wird ihre Stimme trauriger und flehender. Fast schon bekomme ich Mitleid mit ihr – aber auch nur fast.

„Ich kann dich nicht in Ruhe lassen", murmele ich leise. „Aber wenn du dich nicht so sehr gegen mich wehren würdest, wäre ich schon wieder in ein paar Tagen verschwunden."

Daraufhin runzelt Viana nachdenklich die Stirn. Zwar scheint sie mir immer noch nicht zu glauben, dass ich der Gott der Liebe bin, aber wenigstens kommt sie zur Vernunft und denkt ernsthaft darüber nach, sich nicht länger gegen mich aufzulehnen. Damit verschwendet sie sowieso nur unnötig Energie.

„Was genau möchtest du überhaupt von mir?", fragt die Brünette nach einigen Sekunden vorsichtig. Tatsächlich wagt sie es dabei nicht, mir in die Augen zu schauen.

„Ich möchte dir helfen, zurück zur Liebe zu finden."

Erst wirkt Viana irritiert, doch dann bricht sie in schallendes Gelächter aus. „Du möchtest mir helfen, dass ich mich wieder verliebe? Danke, aber nein danke!", lacht sie spöttisch. „Als ich gesagt habe, dass ich nie wieder lieben möchte, habe ich das auch so gemeint. Die Liebe ist doch sowieso nur eine dämliche Illusion. Am Ende bleibt eh nichts weiter als ein gebrochenes Herz zurück."

Vianas Worte bohren sich wie scharfe Krallen durch meine Haut und zehren danach an meinem Herzen. Es tut mir weh, dass sie so schlecht über die Liebe denkt.

„Wenn du mich lässt, zeige ich dir, wie dein Herz wieder heilen kann."

„Das soll es doch gar nicht, Lias!", erwidert meine Gegenüber sofort. „Ein gebrochenes Herz hält mich von der Liebe fern. Ich schütze mich doch bloß selber. Ist das denn so falsch?"

Ich nicke. Natürlich ist es nur menschlich, wenn man sich selber schützen möchte, aber der Liebe auszuweichen, ist einfach nur dumm. Damit schützt man sich nicht – damit macht man sich selber kaputt.

„Du musst dein Herz nicht beschützen, Viana. Nicht, wenn es in den richtigen Händen liegt", wispere ich beinahe tonlos, während ich mich langsam ihrer Schulter nähere. „Hör auf damit, etwas für richtig zu halten, was eigentlich falsch ist."

Sobald diese Sätze über meine Lippen gehen, lege ich meine Hand auf Vianas Schulter und wiederhole gedanklich mit zusammengekniffenen Augen immerzu einen Namen.

Percy.

Es dauert nicht lange, da finde ich mich in Vianas Kopf wieder.

Ich sehe einen weißen Hund.

Ich sehe, wie sich dieser Hund von der Leine losreißt und davonläuft.

Ich sehe eine weinende Viana.

Und ich sehe einen schwarzhaarigen Jungen, der Viana den Hund zurückbringt.

„Lass das!", faucht die Brünette plötzlich wütend und schüttelt meine Hand ab. „Du sollst mich nicht ständig berühren."

„Und du sollst mich nicht ständig aus deinen Gedanken verbannen!", murre ich genervt.

Wie soll ich Viana helfen, wenn ich nicht einmal weiß, wo ich ansetzen muss? Normalerweise kann ich mir alle Informationen, die ich benötige, mittels Körperkontaktes beschaffen. Nur bei Viana funktioniert das nicht. Wahrscheinlich wehrt sie sich so vehement gegen die Liebe, dass sie sich auch automatisch gegen mich zur Wehr setzt.

„Du klingst schon wieder wie ein Freak!"

„Ach ja?! Du klingst wie eine verbitterte Hexe, die alleine und ungeliebt sterben möchte!"

Erst im Nachhinein bemerke ich, wie verletzend das klingt. „Tut mir leid", entschuldige ich mich schnell. „So war das nicht gemeint."

„Lüg mich nicht an, Lias. Du hast es genauso gemeint, wie du es gesagt hast", stellt Viana enttäuscht fest. „Du bist wirklich keinen Deut besser als Percy Kingston!"

Ich möchte die Braunäugige gerade am Handgelenk zurückhalten und ihr erneut versichern, dass ich meine Aussage nicht böse gemeint habe, da sorgt auch schon eine andere Stimme dafür, dass Viana ganz von alleine stehenbleibt.

„Ich habe meinen Namen gehört?!"

Amor mit BasecapWo Geschichten leben. Entdecke jetzt