Lias' POV
Die Zeugenaussage bei dem Schuldirektor verläuft glücklicherweise reibungslos. Während Viana über ihren Schatten springt und ihre Vergangenheit offenbart, stehe ich neben ihr und halte ihre Hand.
Es ist kaum in Worte zu fassen, wie stolz ich auf die Brünette bin. Sie beweist nämlich nicht nur Mut, sondern ebenfalls Stärke.
„Danke, dass du mich begleitet hast, Lias", murmelt Viana erleichtert, sobald wir das Büro des Direktors hinter uns lassen. „Ohne dich hätte ich das niemals geschafft." Um ihren Dank zu unterstreichen, zieht sie mich kurz in eine Umarmung.
Wie immer, wenn mir die Braunäugige so nahe ist, spielen meine Gefühle verrückt.
Ich wünschte, ich wüsste, warum mein Körper so sensibel auf ihre Berührungen reagiert, aber leider bin ich vollkommen ahnungslos.
„Gerne", erwidere ich nach einer Weiler und löse mich vorsichtig aus Vianas Umarmung. „Du hast es verdient, endlich glücklich zu werden."
„Das bin ich doch schon längst, Lias."
Viana tritt einen Schritt auf mich zu und verschränkt ihre Arme in meinem Nacken. Ganz langsam kommt sie mir immer näher, bis ich ihren Atem auf meinen Lippen spüren kann.
Oh mein Gott – möchte sie mich etwa küssen?!
Alleine schon der Gedanke an Vianas weiche Lippen reicht aus, um meinen Herzschlag zu beschleunigen. Mir wird abwechselnd heiß und kalt und ich habe das Gefühl, nicht mehr richtig sehen zu können. Alles, was ich wahrnehme, sind diese kirschroten Lippen, die den meinen langsam näherkommen. Bevor sie sich jedoch zu einem leidenschaftlichen Kuss vereinen können, lässt uns eine bekannte Stimme auseinanderschrecken.
„James meinte, dass du nach mir suchen würdest?" Unschlüssig kommt Noel vor uns zum Stehen.
Seine blauen Augen funkeln unsicher und auch seine schlaffe Körperhaltung deutet darauf hin, dass er gerade lieber an einem anderen Ort wäre. Dass das nicht an Viana, sondern an der Tatsache, dass wir ein Paar sind, liegt, ist mir sofort bewusst.
„Ähm, ja", murmelt die Brünette leise. Um ehrlich zu sein wirkt sie noch ein bisschen benebelt von unserem Fast-Kuss.
„Ich wollte mich bei dir bedanken, Noel. Das, was du getan hast, rechne ich dir wirklich hoch an. Nur deinetwegen wird Leuten wie Cassy, Betty und Percy das Handwerk gelegt. Danke, dass du den Schritt gegangen bist, den ich mich selber nicht getraut habe, zu machen."
Ein ehrliches Lächeln schleicht sich auf Vianas Lippen. „Du bist ein unfassbar toller Mensch mit einem Herzen aus Gold."
„Da redest du wohl über dich selber", erwidert Noel verträumt.
An der liebevollen Art, wie er Viana anschaut, erkenne ich, dass seine Gefühle für sie immer noch nicht nachgelassen haben. Er liebt dieses Mädchen abgöttisch und deswegen tut er auch alles, damit es ihr gutgeht.
Viana und Noel haben einander verdient.
Obwohl ich anfangs alles daran gesetzt habe, dass sich die Braunäugige in Noel verliebt, breitet sich nun ein merkwürdiges Gefühl bei diesem Gedanken in meiner Magengrube aus. Irgendetwas gefällt mir nicht daran, die beiden in der Zukunft als Liebespaar zu sehen.
Aber warum denke ich plötzlich so? Was hat sich verändert?
Damit ich nicht dem wirren Strudel meiner Gedanken zum Opfer falle, lenke ich mich ab, indem ich ehrlich sage: „Auch von mir vielen Dank, Noel. Ich weiß es sehr zu schätzen, was du für Viana getan hast. Eines Tages werden deine guten Taten sicherlich mit Liebe und Glück belohnt."
Der Brillenträger nickt knapp, ehe er meint: „Ihr müsst euch nicht bedanken – wirklich nicht! Ich habe nur das getan, was ich für richtig gehalten habe."
Ich lächele. Noch nie ist mir so ein selbstloser und herzensguter Mensch wie Noel über den Weg gelaufen.
„Viel Glück noch mit eurer Beziehung", murmelt der Blauäugige ein wenig gekränkt. „Ihr seid wirklich ein schönes Paar." Ohne Viana und mir die Chance zu geben, etwas darauf zu erwidern, verschwindet er mit schnellen Schritten zurück in seinen Klassenraum.
Einerseits tut es mir unfassbar leid, dass er Viana nachtrauert, aber andererseits möchte ich meinen Platz an ihrer Seite auch nicht mit ihm tauschen. Dafür ist mir die Brünette einfach zu wichtig geworden.
„Genug ernst geschaut für heute, Lias", reißt mich ebendiese in die Realität zurück. Mit einem breiten Grinsen auf den Lippen greift sie nach meiner Hand und zieht mich danach aus dem Schulgebäude.
Da der Direktor sie aufgrund der aktuellen Geschehnisse für den heutigen Schultag freigestellt hat, können wir nun den Rest des Tages so verbringen, wie wir möchten.
Und ganz ehrlich? Ich freue mich unfassbar darauf, Zeit alleine mit der Braunäugigen verbringen zu können.
„Ich kenne einen schönen Ort hier in der Nähe, zu dem wir gehen können", meint Viana, woraufhin ich bloß nicke. Es ist mir egal, was wir machen – Hauptsache ich bin bei ihr.
Nur knappe fünf Minuten später erreichen die Brünette und ich eine kleine Blumenwiese, die an einem Fluss angrenzt. Um uns herum ragen hohe Tannen in die Luft, sodass wir vor schaulustigen Augenpaaren geschützt sind.
„Als Kind bin ich oft mit Cassy hierhergekommen", beginnt Viana zu erzählen, nachdem wir uns in das Gras gesetzt haben. „Von morgens bis abends haben wir in dem Fluss gespielt. Manchmal wünschte ich, dass ich die Zeit zurückdrehen könnte, um diese sorgenlose Kindheit erneut zu erleben."
„Sag so etwas nicht. Die Zukunft wird viel schöner als die Vergangenheit, Viana", wispere ich. „Glaub mir."
Wie von selbst beuge ich mich zu ihr hinüber und platziere meine Hände an ihren Wangen. Unser Blickkontakt ist dabei so intensiv, dass es mir schauernd den Rücken hinunterläuft.
„Was machst du bloß mit mir und meinem Herzen, Viana?", frage ich sie so leise, dass ich mir nicht sicher bin, ob sie mich überhaupt verstanden hat.
In dieser kurzen Zeit, in der ich die Brünette nun schon kenne, hat sich vieles geändert – vor allem aber ich selber habe mich geändert. Neuerdings spüre ich nämlich dieses angenehme Kribbeln in meinem Magen, wenn ich Viana sehe. Sobald sie dann lacht, erwärmt sich mein Herz. Nie wieder möchte ich ohne sie sein.
Wüsste ich es nicht besser, würde ich denken, dass ich mich in sie verliebt hätte.
Aber das ist Schwachsinn! Als Gott der Liebe kann man sich schließlich nicht verlieben!
„Dasselbe, was du mit mir und meinem Herzen gemacht hast, Lias", erwidert Viana nach einigen Sekunden. „Du hast mich zum Leben erweckt und mein Herz zum Tanzen gebracht. Du bist der Farbeimer, der mein graues Leben wieder bunt gemacht hat."
Nur noch wenige Zentimeter trennen unsere Lippen voneinander.
„Obwohl wir uns erst so kurz kennen, kann ich mir nicht mehr vorstellen, von dir getrennt zu sein."
Daraufhin überbrückt Viana den letzten Abstand zwischen uns und legt vorsichtig ihre Lippen auf meine.
Sofort explodiert ein Feuerwerk der Emotionen in meinem Inneren, das mir nicht nur die Sinne vernebelt, sondern mir gleichermaßen das Gefühl vermittelt, schweben zu können.
Vianas Lippen harmonieren so perfekt mit meinen, dass es scheint, als wären sie wie füreinander gemacht worden.
Ob das wohl Schicksal ist?
Sollten Viana und ich zueinander finden?
So intensiv wie sich dieser Kuss anfühlt, lautet die Antwort auf jeden Fall „Ja!".
Wenige Sekunden später müssen sich die Brünette und ich wieder voneinander trennen, um Luft zu holen. Mir bleibt die Luft allerdings im Hals stecken, als Viana plötzlich vier magische Worte sagt.
„Ich liebe dich, Lias."
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Amor mit Basecap
FantasyEr ist der Gott der Liebe. Sie ist ein Mädchen, das der Liebe abschwören möchte. Kann Lias es schaffen, Viana ganz ohne seine Pfeile zurück zur Liebe zu verhelfen? 💘Cover: kaynothanks
