aufsehen

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Ist das ein gesellschaftliches Problem? Eines von vielen?

Ich saß im Zug und fuhr nach Hause, neben mir ein Mann in den Dreißigern. Vermutlich verheiratet, wie man dem Ring an seinem Ringfinger entnehmen konnte. Ein Baby als Handyhintergrund. Ein Vater. Gebrochenes Deutsch, aber er unterhält sich mit mir über mein Buch, das ich ihm am Ende seiner Zugfahrt empfehle. Er gibt zu, ein paar Blicke hineingeworfen zu haben, während ich gelesen habe, und erkennt, dass es nicht allzu einfach geschrieben ist. Auf Englisch. Über uns. Über Anxiety, die Gesellschaft. Interessant. Notes on a nervous planet, ohne Werbung machen zu wollen. Empfehlenswert.

Wir sitzen über drei Stunden Zugfahrt nebeneinander, ich lesend und Mitmenschen beobachtend, er Musik hörend und … ja. Jetzt kommen wir zum eigentlichen Thema. Als er die erste Flasche aus seinem Rucksack zieht, Bier mit Hochprozentigem, sie öffnet und den Verschluss im Abfall auf dem Tisch entsorgt, denke ich mir nicht viel dabei. Viele laufen heute mit den Flaschen in den Taschen oder in den Händen durch den Bahnhof, sitzen trinkend im Zug oder im Bus oder an der Haltestelle. So traurig wie es ist, ist es nichts Außergewöhnliches mehr. Er trinkt die Flasche auf eine halbe Stunde aus. Die leere Flasche bleibt auf dem Tisch stehen und er verschwindet, vermutlich auf die Toilette. Er kommt wieder, verstaut die leere Flasche in seinem Rucksack. Und holt eine neue Flasche hervor. Wieder das gleiche Prozedere. Flasche öffnen, Deckel im Abfall entsorgen, Trinken. Die nächste halbe Stunde steht die Flasche auf dem Tisch, ihr Inhalt leert sich zusehens. Kaum ist sie leer, verschwindet er wieder, vermutlich auf die Toilette. Er kommt wieder und wiederholt diesen Vorgang. Noch vier Mal, bis er aussteigt. Unterdessen sehen die Mitfahrenden am Nachbartisch schon von ihren Strick- und Lesebeschäftigungen auf, wenn er sich wieder ein neues Bier öffnet.

Aber. Keiner sagt etwas. Nichts. Nur Blicke. Abwertende. Schätzende. Mitfühlende.

Und jetzt meine Frage.

Ist das ein gesellschaftliches Problem?

Nicht das Trinken. Dass das ein Problem ist, gesellschaftsübergreifend, ist mir in den letzten Jahren deutlich geworden. Dass viele in die Sucht abrutschen, keinen Halt mehr im Alltag oder an den Mitmenschen finden und ihren Frust, die Verzweiflung, Angst oder Wut in dieser leichten Droge ertränken, wird immer klarer. Vor allem nach knapp zwei Jahren der Covid-19-Pandemie. Die psychische Angeschlagenheit der Bevölkerung schlägt sich im Konsum von Alkohol und allgemein Rauschmitteln nieder.

Nein, ich meine das Problem-Nicht-Ansprechen. Das Nur-Blicke-Zuwerfen-Und-Nichts-Sagen. Das Sich-Nicht-In-Die-Angelegenheiten-Anderer-Einmischen. Das Nicht-Nachfragen-Ob-Alles-In-Ordnung-Ist. Er wirkte nicht betrunken, torkelte nicht, sprach verständlich. Seine Kleidung war ordentlich.

Ich saß drei Stunden neben ihm, starrte abwechselnd in mein Buch und auf die Flasche auf dem Tisch und grübelte. Meine Erziehung verbot es mir, ihm gegenüber etwas in die Richtung anzumerken. Es anzusprechen, dass er in drei Stunden mindestens fünf Biermischungen trinkt. Hochprozentige. Ob er ein Problem hat. Ob er darüber sprechen möchte. Ob ich ihm helfen kann. Meine Erziehung, meine Kultur, die Gesellschaft, in der ich aufgewachsen bin und in der ich lebe, verbietet es mir schon fast. Mich in die Sachen anderer Menschen einzumischen. Mich aufzudrängen. Meine Hilfe anzubieten, wenn sie nicht eindeutig verlangt wird. Freigiebig meine Hilfe anzubieten, sein scheinbares Alkoholproblem anzusprechen, würde als unhöflich verstanden, als aufdringlich, als unmöglich. Vermutlich hätte eine Frage, warum er denn so viel trinke, mehr Aufsehen erregt, als sein Alkoholkonsum allein.

Also frage ich mich: Ist das ein gesellschaftliches Problem? Dass wir uns so schwer tun, aus freien Stücken und ungefragt unsere Hilfe anzubieten? Um Hilfe zu bitten, weil wir Angst vor Ablehnung, Verachtung oder noch Schlimmeren haben? Kann das gesund sein? Für uns? Für die Gesellschaft? Was sagt das über uns aus?

Vielleicht muss jeder einmal selbst darüber nachdenken. Hättest du geholfen? Wie hättest du es angegangen?

Ich wünschte, ich könnte mit gutem Beispiel vorangehen. Ich wünschte, ich könnte euch sagen, dass ich ihn darauf angesprochen habe. Dass ich ihm meine Hilfe angeboten habe. Ein Gespräch angeboten habe. Aber nein. Ich konnte nicht über meinen Schatten springen. Und das verfolgt mich bis jetzt. Noch Wochen später denke ich an diesen Mann, der vielleicht Hilfe braucht. Vielleicht auch nicht, aber das weiß ich nicht, weil ich nicht gefragt habe. Im Nachhinein hätte ich sogar die Ablehnung seinerseits in Kauf genommen, nur um mich selbst überwunden und ihn darauf angesprochen zu haben.

Was lerne ich daraus? Mir öfter an meine Nase fassen und hinterfragen, warum ich mich so verhalte, wie ich mich verhalte, wenn es doch so klar meinen Interessen und meinen Gefühlen dabei widerspricht. Öfter das tun, was mein Instinkt mir rät. Nicht so viel darauf geben, was andere denken könnten. Dann starren sie halt, na und? Wenn ich damit einem einzelnen Menschen etwas Gutes tun kann, weil ich mir die Probleme anhöre, die dieses Individuum hat, dann ist es mir das wert.

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