Ich laufe durch den Wald, folge den Trampelpfaden und breiten Wegen, die mich früher oder später wieder nach Hause bringen sollen. Die Sonne brennt auf mich herunter, lässt mir die Klamotten am Körper kleben. Die Luft ist dünn und staubtrocken und durch das sich lichtende Blätterdach sehe ich, wie sich vor mir am Horizont die ersten dunklen Wolken auftürmen.
Ein Gewitter heute Nacht, ist alles, was ich mir dazu denke und laufe geradewegs weiter auf die wolkenwand zu.
Der Rucksack auf meinem Rücken wird mit jedem Schritt schwerer und ich merke, dass die blutblase an meiner Ferse aufgeht. Ugh, ich will gar nicht wissen, wie es nachher in dem Socken aussieht.
Ich habe aber keine Zeit für dieses Wehwehchen, denn ich habe ein Ziel vor Augen. Das zu finden, worauf ich mich die nächsten, mindestens 10 Jahre kontrieren will. Etwas, das meinem Leben Sinn gibt und etwas, worauf ich meine Energie verwenden kann.
Über mir ziehen Wolken auf, verdecken die Sonnenstrahlen des späten Nachmittags und lassen mich kurzzeitig frösteln, bevor ich meine Jacke aus dem Rucksack ziehe und mich gegen den aufkommenden Wind wappne. Es wird zunehmend finsterer und ungemütlich, deswegen suche ich mir einen Unterschlupf im tieferen Wald. Ich finde einen umgestürzten Hochsitz und bin begeistert, als ich bemerke, dass ich eine meiner zwei Planen über das Gerüst spannen kann, sodass der mögliche Regen mich nicht zu kümmern braucht heute Nacht. Euphorisch breite ich die zweite Plane auf dem Boden aus und lasse mich mitsamt meinem Rucksack darauf nieder.
Mein Blick schweift durch das inzwischen nur noch schwer erkennbare Unterholz, bevor ich mich meinem Nachtlager widme und meine Decke samt Kissen hervorziehe und auf der Plane platziere. Ich ziehe mir die Schuhe von den Füßen und spüre, wie die aufgeriebene Blase, nun offene Stelle zu pulsieren beginnt. Ohje. Hoffentlich entzündet sich das nicht. Ich werde morgen früh bei gutem Licht einen Blick darauf werfen und es verbinden. Für heute Nacht ziehe ich vorsichtig den Socken ab, der wegen dem angetrocknetem Blut an der offenen Stelle festklebt und es mich doch einiges an Überwindung kostet, ihn abzustreifen.
Auf dem Rücken liegend mache ich mich bereit auf eine laute, unbequeme Nacht, um für das Schlimmste gewappnet zu sein.
Während ich hier im Dunklen liege und mit offenen Augen ins Nichts starre, während aus der Ferne das erste Donnergrollen zu hören ist, geht mir durch den Kopf, wie ich hier in dieser Situation gelandet bin.
Ich habe mich von meiner Freundin getrennt. Habe mich mit meinen Eltern gestritten und bin ausgezogen. Ich habe mit meiner besten Freundin und deren Freund in einer WG gewohnt, bis der Freund mich nach 2 Jahren rausgeschmissen hat. Mit dem bisschen angesparten Geld habe ich mir eine Garage gemietet, dort mein Zeug unterstellt, mir 2 Paar Wanderschuhe vom Besten und einen Rucksack samt minimalistischer Campingausrüstung gekauft und habe den Bus aus der Stadt raus in Richtung Berge genommen, bis mir der Abstand groß genug erschien. Ich stieg aus dem Bus und wanderte los.
Seit gut knapp 2 Monaten schlage ich mich jetzt schon durch das Gebüsch und über Felder. Ohne Handy, ohne Internet. Nur die einzelnen, verstreuten Dörfer geben mir einen Anhaltspunkt und die Möglichkeit, mir etwas zu verdienen, damit ich meine Vorräte auffüllen und weiterziehen kann.
Ich scheine nicht mehr allzu weit von der nächsten Kleinstadt entfernt zu sein, aber etwas Zeit wird es noch in Anspruch nehmen, bevor ich mir eine Wohnung und einen Job in der Zivilisation suchen kann.
Und bisher habe ich auch noch nicht das gefunden, wonach mein Herz zu suchen scheint. Enttäuscht seufze ich und lausche auf die Donner, die jetzt schon um Einiges näher gekommen sind. Die ersten Blitze erhellen für Sekunden den Wald und mir wird unwohl, wie schon so oft auf dieser Reise. Welche Geschichten hat man nicht immer erzählt bekommen, über Menschen, die sich während eines Gewitters im Wald aufhalten und von umgeknickten oder ausgewurzelten Bäumen erschlagen werden. Wie das Kind, das ich damals war, eingeschüchtert und mit solch einem Respekt vor der Macht der Natur, liege ich jetzt hier und horche auf das heraufziehende Unwetter und übergebe mich in die Hände der natürlichen Gewalt. Mehr kann ich nicht tun als darauf zu vertrauen, dass man mich nicht dafür strafen wird, zu mir selbst und zu einem besseren Ich zu finden.
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divers
Cerita PendekEin Band voller Kurzgeschichten zu den unterschiedlichsten Bereichen des Lebens der wohl unterschiedlichsten Menschen. Keine Schnulzen, nicht unbedingt happy Ends, meist offene Enden. Wer also nicht immer und immer wieder die gleichen Bücher mit de...
