Distanz

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Er kam nicht zum Abendessen.
Hermine starrte den leeren Stuhl ihr gegenüber an und konnte nicht klar denken.
Es war so still im Salon, dass diese Stille ihr beinahe in den Ohren weh tat.
Das Klappern ihres Bestecks unterbrach schließlich diese Stille, als sie langsam anfing, zu essen.
Sie hatte keinen Appetit. Sie hatte keinen Hunger.
Sie zwang sich trotzdem dazu, zu essen.
Immer wieder lauschte sie Richtung Tür, hoffte, dass er doch noch kam.
Er kam nicht.
Sie wusste nicht, wo er war.
Sie wusste nicht einmal, ob er überhaupt im Haus war. Vielleicht war er irgendwoanders hin appariert.
Er hatte sie geküsst.
Draco hatte sie geküsst.
Draco.
Es war ihr nicht mehr möglich, ihn mit seinem Nachnamen zu betiteln, noch nicht einmal in Gedanken. Erst recht nicht in Gedanken!
Warum hatte er das getan?
War es ein Reflex gewesen? Ein Versehen?
Fast hätte sie gelacht.
Konnte man jemanden aus Versehen küssen? So, wie er es getan hatte?
Klirrend ließ sie das Besteck auf ihren Teller fallen. Sie bekam keinen Bissen mehr herunter.
Ihr ganzer Körper spannte sich an, wenn sie an den Kuss dachte.
War es überhaupt ein richtiger Kuss gewesen?
Es waren lediglich seine Lippen auf ihren gewesen.
Nur ein Ausrutscher? War es das?
Er war so wütend gewesen. Überhaupt nicht so kontrolliert, wie sie ihn in letzter Zeit wahrgenommen hatte. Wie sie ihn eigentlich seit ihrem Wiederholungsjahr wahrgenommen hatte.
Was brodelte da unter der Oberfläche, was er zu verbergen suchte?
Oder interpretierte sie alles falsch? Gab es da gar nichts?
Sie verstand nicht, was dort im Schneeregen passiert war. Sie hatte in der langen Zeit, die sie ihn nun kannte, nicht einmal das Gefühl gehabt, er würde sich auf einer anderen Ebene für sie interessieren als auf einer freundschaftlichen. Und nach wie vor glaubte sie es nicht. Sie glaubte nicht, dass da mehr hinter diesem Kuss steckte.
Es musste ein Ausrutscher gewesen sein. Er war aufgewühlt gewesen. Und er war lange einsam. Vermutlich war das eine merkwürdige Kombination, die ihn dazu gebracht hatte, eine überschießende Handlung durchzuführen, die er sicher schon bereute.
Sie sollte mit ihm sprechen. Vielleicht half es ihm, wenn sie ihm entgegen kam. Sie würde ihm so zeigen, dass sie weiterhin normal miteinander umgehen konnten und dass sie verstand, dass er es nicht so gemeint hatte, was er getan hatte. Sie wollte ihn unbedingt als Freund behalten.
Ja, gleich morgen würde sie ihn suchen, falls er sich weiterhin verkroch, und mit ihm sprechen.
Und sie würde Ron eine Eule schicken, mit der sie ihm mitteilte, dass sie zum ersten des nächsten Monats gerne auf sein Angebot zurück kam.
Und sie würde noch jemandem schreiben.



Hermine hatte schlecht geschlafen in der letzten Nacht.
Dementsprechend müde machte sie sich zurecht und kam relativ spät zum Frühstück.
Sie hatte sich darüber gar keine Gedanken gemacht, hatte sie sowieso damit gerechnet, wieder alleine im Salon zu sitzen.
Umso überraschter war sie, dass Draco bereits am Frühstückstisch saß.
Sie hatte ihn in der Früh das Haus verlassen hören, er war wohl wie gewohnt mit Sam laufen gewesen.
Nun saß er mit feuchtem Haar am Tisch und nippte an einer Tasse Tee.
Sie stockte, als sie ihn sah, dann ging sie auf ihren Platz zu.
„Guten Morgen“, sagte sie.
Möglichst normal benehmen, Hermine, sagte sie sich.
„Guten Morgen.“ Seine Stimme war ernst, emotionslos, und er sah sie nicht an.
Sie räusperte sich.
„Draco-“, begann sie.
Er stellte seine Tasse klirrend ab.
Hatte seine Hand leicht gezittert?
„Ich... ähm... wegen gestern...“
Kurz war es still, unangenehm still.
„Ja?“, kam es dann ruhig von ihm, während er sich einen Apfel aus dem Obstkorb nahm und auf seinem Teller in Streifen schnitt.
„Ich... möchte nicht, dass du denkst, ich würde das irgendwie falsch verstehen.“ Er schnitt ruhig und konzentriert weiter, sah sie immer noch nicht an. „Es hat nichts zu bedeuten. Das ist mir klar. Bitte... lass nichts von dem, was gestern passiert ist, das kaputt machen, was sich zwischen uns entwickelt.“
Er legte das Messer ab und besah interessiert die Apfelstücke.
„Was sich entwickelt?“
„Ja... Es... es entwickelt sich so etwas wie eine Freundschaft zwischen uns, oder? Du brauchst dir keine Gedanken zu machen, dass das gestern irgendetwas daran ändert. Du meintest das nicht so. Du brauchst keine Sorge haben, dass ich jetzt nicht mehr unbefangen mit dir umgehen kann.“
Sie fand, sie hatte das ganze eigentlich ganz gut gelöst. Sie hielt ihm mit Worten die Hand hin. Er konnte den Vorfall jetzt als das abtun, was er gewesen war: Ein dummer Ausrutscher seinerseits.
„Gut“, sagte er nur, nahm ein Stück Apfel und führte es Richtung Mund, aß es aber nicht.
Das war einfacher als gedacht.
„Ok... Das heißt, dir liegt auch etwas daran, dass wir so etwas wie Freunde werden könnten, Draco?“
Sein Blick richtete sich vom Apfelstück auf sie.
Es jagte ihr einen Schauder über den Rücken.
Sie kannte diesen Blick. Er war so kühl und emotionslos wie damals im Wiederholungsjahr und wie in der ersten Zeit, als sie ihn im Mungo getroffen hatte.
„Freunde“, wiederholte er. „Ja, natürlich. Das wäre großartig.“
Sie zwang sich zu einem Lächeln.
„Ok“, sagte sie erleichtert.
Sie würde ihn nicht verlieren, und das machte ihr das Herz etwas leichter.
Sie griff zögernd nach einem Brötchen und schnitt es auf, um es zu belegen.
Er biss von dem Stück Apfel ab, kaute langsam, bedächtig.
„Was ist mit unserem Vorhaben am Wochenende?“, durchbrach sie nach einer Weile die Stille.
„Wie bitte?“
„Wir hatten überlegt, essen zu gehen.“
„Achso. Natürlich. Ich hole dich nach der Arbeit ab.“
„Prima.“
Sie versuchte, seinen Blick noch einmal einzufangen, aber es gelang ihr nicht.
Vermutlich war ihm noch unangenehm, was passiert war.
Er brauchte nur Zeit, vermutete Hermine.
Nur Zeit.
In ihrem Bauch hatte sich ein schmerzhafter Knoten gebildet.
Warum tat sein Schweigen ihr so weh?


Happiness does not wait (Dramione Story) Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt