Kapitel 08

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Yoongis Angst wuchs am nächsten Tag exponentiell mit jeder Minute, in der der Sportunterricht näher rückte. Er schaffte es kaum, sich auf die Unterrichtsstunden vorher zu konzentrieren.

Während des Unterrichts starrte er auf sein Heft, ohne die Worte darauf zu sehen. Die Lehrer schienen nur verschwommene Gestalten zu sein, ihre Stimmen dumpf und weit entfernt. Die Pausen zwischen den Stunden vergingen wie im Flug, und mit jedem Glockenläuten, das eine neue Stunde ankündigte, fühlte sich Yoongi, als würde eine Schlinge um seinen Hals liegen und sich immer enger ziehen.

Als die Glocke schließlich zum Beginn der Mittagspause läutete, schoss Yoongis Herzschlag in die Höhe. Er konnte kaum atmen, geschweige denn essen. In der Cafeteria saß er still neben Hoseok und Jimin, sein Essen lag unangetastet vor ihm. Jimin, der bereits am Tag zuvor bemerkt hatte, dass etwas nicht stimmte, versuchte, ihn in ein Gespräch zu verwickeln, aber Yoongi konnte nur abwesend nicken und gemurmelte Antworten geben.

"Du wirkst echt blass, Yoongi", sagte Jimin schließlich besorgt. "Geht es dir gut?" Yoongi zuckte zusammen und zwang sich zu einem schwachen Lächeln. "Ja, mir geht's gut", log er, doch seine Stimme zitterte verräterisch. Trotzdem sagte niemand der anderen beiden ein Wort.

Die Minuten vergingen quälend langsam, bis schließlich der Moment kam, vor dem Yoongi sich so gefürchtet hatte. Die letzte Unterrichtsstunde vor dem Sportunterricht endete, und die Schüler strömten aus den Klassenzimmern in Richtung der Turnhalle. Yoongi folgte ihnen, seine Schritte schwer und schleppend, als würde er zu seiner eigenen Hinrichtung gehen.

Yoongi fühlte, wie sich sein Magen verkrampfte, als er die Turnhalle betrat. Die anderen Schüler lachten und unterhielten sich ausgelassen, während sie ihre Sporttaschen auf die Bänke in der Umkleide warfen. Für sie war dies nur eine weitere Stunde Sportunterricht, ein bisschen Spaß und Bewegung, bevor der Schultag zu Ende ging. Für Yoongi jedoch war es der reinste Albtraum.

Während die anderen anfingen, sich umzuziehen, hielt Yoongi seine Tasche fest umklammert; seine Hände zitterten leicht. Er suchte verzweifelt nach einem Plan, einem Weg, um dieser Situation zu entkommen, ohne aufzufallen. Die Vorstellung, sich vor den anderen umzuziehen und damit die Gefahr einzugehen, dass sie seinen Binder oder das Fehlen eines männlichen Körpers entdeckten, ließ sein Herz rasen.

Yoongi hatte nicht viele Optionen. Er wusste, dass die Umkleidekabinen alle belegt sein würden, und er konnte es sich nicht leisten, zu lange zu brauchen, ohne verdächtig zu wirken. Die anderen Jungs würden es bemerken, wenn er sich zu sehr zierte, sich umzuziehen. Also beschloss er, das einzig Mögliche zu tun: Er schnappte sich seine Tasche und verschwand unauffällig in Richtung der Toiletten, die sich etwas abseits der Hauptumkleide befanden.

Mit einem letzten unsicheren Blick zurück, ob jemand ihm folgte, schlüpfte Yoongi in die Toilette und verriegelte die Tür hinter sich. Die stille, abgeschottete Atmosphäre des kleinen Raumes bot ihm einen Moment des Aufatmens, auch wenn seine Brust weiterhin schmerzte vor Angst. Das gleichmäßige Tropfen des Wasserhahns hallte durch den Raum und war das einzige Geräusch, das die bedrückende Stille durchbrach.

Er stellte seine Tasche auf den Boden und öffnete sie hastig. Seine Finger waren ungeschickt, fast taub vor Nervosität, als er begann, sich umzuziehen.

Als er schließlich in seinem Sportunterrichtsoutfit in dem kleinen Raum stand, das lose genug war, um seine Figur zu verbergen, blieb sein Blick an dem Spiegel hängen, der über dem Waschbecken hing. Yoongi starrte sein eigenes Spiegelbild an, sein Gesicht bleich, seine Augen rot und glasig. Er konnte die Panik in seinem eigenen Blick sehen, die Angst, entdeckt zu werden, die immer gegenwärtig war.

"Du musst das schaffen", murmelte er zu sich selbst, seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern. Doch die Worte klangen hohl in seinen Ohren, als ob sie keine Bedeutung hätten, als ob sie ihn nicht wirklich beruhigen könnten. Mit zittrigen Händen zog er sein Shirt zurecht und atmete tief durch, bevor er die Tür öffnete.

Als er wieder in die Umkleide trat, um seine Tasche dort abzustellen, waren die meisten Schüler bereits fertig umgezogen und auf dem Weg in die Turnhalle. Niemand schien ihn bemerkt zu haben; niemand hatte seine Abwesenheit registriert. Yoongi atmete erleichtert aus, bevor er sich ihnen anschloss und hoffte, dass der Rest des Sportunterrichts schnell vorübergehen würde, ohne dass er auffiel.

Er betrat die Turnhalle mit einem mulmigen Gefühl im Magen. Obwohl er sich einigermaßen beruhigt hatte, blieb die Angst in ihm. Er war der Neue, der Außenseiter, und alles, was er wollte, war, nicht aufzufallen.

Der Lehrer, ein kräftiger Mann mit einem breiten Lächeln, das seine Augen erreichte, teilte die Klasse in zwei Teams ein. "Wir spielen heute Basketball", verkündete er. Die Schüler reagierten unterschiedlich: Einige jubelten begeistert, andere stöhnten genervt. Yoongi stand still da, seine Hände in den Taschen seiner Shorts vergraben, während er hoffte, dass er irgendwo im Hintergrund verschwinden könnte.

"Yoongi, richtig?", fragte der Lehrer, als er an ihm vorbeiging. Yoongi nickte nur kurz. "Du spielst im roten Team." Der Lehrer warf ihm ein rotes Leibchen zu, und Yoongi rümpfte angewidert die Nase. In seiner alten Schule hatte es die Dinger auch gegeben und er war sich ziemlich sicher, dass sie auch hier höchstens einmal im Jahr gewaschen wurden.

Er schluckte schwer und stellte sich auf dem Feld auf, versuchte, sich möglichst wenig zu bewegen, nur das Nötigste zu tun, damit niemand auf ihn aufmerksam wurde. Doch als das Spiel begann, merkte er, dass es nicht so einfach war, sich im Hintergrund zu halten.

Die anderen Schüler rannten über das Spielfeld, dribbelten den Ball geschickt und versuchten, Körbe zu werfen. Yoongi beobachtete das Geschehen, seine Augen folgten dem Ball, seine Gedanken rasten. Er hatte früher oft Basketball gespielt, aber das war in einem anderen Leben gewesen, bevor alles so kompliziert geworden war.

Plötzlich landete der Ball direkt vor seinen Füßen. Instinktiv griff Yoongi danach und dribbelte den Ball einige Male, während die anderen Spieler des Gegnerteams auf ihn zustürmten. Er spürte, wie seine Muskeln sich daran erinnerten, was sie tun mussten, auch wenn sein Kopf noch voller Angst war. Er machte ein paar schnelle Bewegungen, um seinen Gegnern auszuweichen, und plötzlich war er frei, direkt vor dem Korb.

Ohne lange nachzudenken, sprang Yoongi hoch und warf den Ball. Er flog durch die Luft und landete perfekt im Korb. Yoongi landete wieder auf dem Boden, seine Augen weit vor Überraschung. Hatte er das gerade wirklich getan?

"Hey, nicht schlecht!", rief einer seiner Teamkameraden, ein breitschultriger Junge mit einem freundlichen Lächeln. Yoongi fühlte, wie seine Wangen heiß wurden, aber diesmal nicht aus Scham, sondern aus einer Mischung aus Freude und Stolz.

Das Spiel ging weiter, und Yoongi konnte nicht anders, als sich weiter ins Spiel zu vertiefen. Jedes Mal, wenn der Ball in seine Nähe kam, reagierte er blitzschnell, und bald schon begann sein Team, ihm den Ball absichtlich zuzuspielen. Er rannte, sprang und traf Korb um Korb, als hätte er nie etwas anderes getan. Mit jedem Punkt, den er erzielte, wuchs seine Selbstsicherheit ein Stückchen mehr. Er spürte die Augen der anderen auf sich gerichtet, aber diesmal nicht in böser Absicht. Sie sahen ihn wirklich an, nicht als den Außenseiter, sondern als jemanden, der etwas konnte.

Für diese kurze Zeit vergaß Yoongi die Angst und den Druck, der auf ihm lastete. Er vergaß den Schmerz, den er in sich trug. Er war einfach nur ein Junge, der Basketball spielte, der gut darin war, und der, wenn auch nur für einen Moment, so etwas wie Freude empfand.

Als das Spiel schließlich zu Ende ging, war Yoongi außer Atem, aber auch ein wenig erleichtert. Sein Team hatte gewonnen, und seine Teamkameraden klopften ihm anerkennend auf die Schulter. "Du hast uns den Sieg gebracht, Yoongi!", rief einer von ihnen, und die anderen stimmten ihm zu.

Yoongi lächelte, ein echtes Lächeln, das seine Augen erreichte. Zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte er sich nicht wie ein Außenseiter. Er wusste, dass diese Momente selten waren, aber für jetzt, für diesen Augenblick, ließ er sich einfach fallen und genoss das Gefühl, dazuzugehören.

A/N: Sorry für jegliche Fehler. Ich hab das Kapitel mitten in der Nacht geschrieben und mein Korrekturlesen hat deswegen vielleicht nicht viel gebracht TT

Btw, es ist so krass, wie viele Leute dieses Buch hier verfolgen. Danke euch allen. Ich hoffe, es gefällt euch <3

»𝐍𝐨𝐭 𝐀 𝐆𝐢𝐫𝐥« ˢᵒᵖᵉWo Geschichten leben. Entdecke jetzt