Ein Schatten

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Als Daryl durch die Dunkelheit in Richtung der Mühle huschte, ging gerade ein unruhiges Raunen durch die Reihen der Menschen. Die Leute aus Alexandria standen allesamt vor der Mühle. Die fünf Trooper vor ihnen zielten mit ihren Waffen auf sie. Doch sie schossen nicht. Es wirkte so, als würden sie zögern.

„Ihr müsst das nicht tun!", rief Ezekiel, „diese Welt ist kaputt, doch wir müssen nicht kaputt sein."

Daryl hatte es beinahe bis zur Mühle geschafft. Er hatte seine Armbrust bereits schussbereit erhoben. Doch gegen die fünf Trooper und den Aufseher, ganz zu schweigen von den anderen Soldaten, die sich um weitere Häftlinge aus dem Commonwealth versammelt hatten, die nicht vor dem Erschießungskommando standen, hatte er damit keine Chance.

Seine Schritte wurden langsamer und er hielt sich in der Dunkelheit. Er wartete auf den richtigen Moment. Sein Magen zog sich zusammen, vor Angst gleich seine Leute sterben sehen zu müssen. Doch da senkte einer der Trooper sein Gewehr. Die anderen folgten seinem Beispiel. Manche sofort, andere eher zögernd.

Als der Trooper sein Gewehr dann plötzlich auf den Aufseher richtete, schoss er auf einen Soldaten, der ihn daran hindern wollte. Der Aufseher reagierte schnell, packte Kelly, da diese ihm am nächsten stand, und hielt ihr seine Waffe an den Kopf. Eilig zog er sich mit ihr als Schutzschild zurück. Magna, Ezekiel und einige andere riefen wild durcheinander.

Daryl verlor keine Zeit, er hatte bereits gezielt. Er schoss dem Aufseher einen Pfeil in den Rücken. Es war kein tödlicher Treffer und das war Absicht. Lebend konnte er ihnen vielleicht noch von Nutzen sein. Der Aufseher ließ Kelly los und sackte dann bäuchlings zu Boden.

Der Armbrustschütze versuchte gar nicht erst, in Deckung zu gehen, sondern begab sich im Gegenteil sogar in den hell erleuchteten Bereich vor der Mühle. Überraschenderweise reagierte keiner der Soldaten. Sie ließen die Waffen gesenkt und auch der Trooper, der zuvor auf den Aufseher hatte schießen wollen, wirkte erleichtert und dankbar.

Da raste ein Schatten an Daryl vorbei. Es war Connie, die ihre Schwester überglücklich in den Arm nahm. Er wandte sich unterdessen an Ezekiel und ließ sich von ihm die Kurzfassung dessen erzählen, was hier überhaupt passiert war.

Offenbar hatte Negan den Plan verfolgt, hier als Märtyrer zu sterben, um die übrigen Gefangenen dazu zu motivieren, sich gegen die Soldaten und den Aufseher aufzulehnen. Der Aufseher hatte seinen Plan jedoch erkannt und deshalb auch Negans Frau vor das Erschießungskommando gezerrt. Als Reaktion darauf hatten sich die Leute aus Alexandria vor sie gestellt, um ihre Ermordung zu verhindern. Doch der Aufseher hatte daraufhin befohlen, alle zu erschießen. Damit hatte er sich sein eigenes Grab geschaufelt, denn diesen Befehl hatten die Soldaten nicht ausführen wollen und ihn deshalb verweigert.

Nun da er das wusste, war Daryl auch nicht weiter verwundert, als sich Negan den nächstbesten Stein griff, den Aufseher packte und ihn damit erschlagen wollte. In seiner Situation hätte er dasselbe getan. Daher hielt er ihn auch gar nicht erst davon ab. Doch jemand anderes tat es.

„Negan, lass ihn!", schrie Rosita.

Daryl folgte dem Klang ihrer Stimme mit seinem Blick und bemerkte sowohl Gabriel als auch Rosita, die zu ihnen gerannt kamen und sich auf den Aufseher stürzten. Negan ließ von ihm ab, und Rosita packte ihn am Kragen. Daryl stutzte.

„Wo ist meine Tochter?", wollte sie von ihm wissen, „wo sind die anderen Kinder?"

Der Armbrustschütze trat einen Schritt zurück, brauchte eine Sekunde, um diese Information zu verarbeiten.

„Wo?", brüllte Rosita, völlig außer sich vor schierer Verzweiflung.

Ein bleiernes Gefühl legte sich über Daryl, als er registrierte, dass Sam mit den Kindern noch nicht wieder bei ihm war. Rosita prügelte unterdessen auf den Aufseher ein, doch davon bekam der Armbrustschütze gar nichts mehr mit.

Die Ungebrochenen - In einer sterbenden Welt - Daryl DixonGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt