In einer anderen Welt

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Samantha setzte den Blinker, verringerte die Geschwindigkeit ihres Trucks und bog in die Einfahrt ein. Neben den Zapfsäulen hielt sie an und stellte den Motor ab. Die Musik von Motörhead, die eben noch mit voller Lautstärke aus den Boxen gedröhnt hatte, verstummte mit einem Mal. Ihre Freunde regten sich immer über ihren Musikgeschmack auf, weshalb Samantha nur dann voll aufdrehte, wenn sie allein unterwegs war.

Als sie ausstieg, schlug ihr die warme Nachtluft entgegen. In Atlanta war es selbst zu dieser Jahreszeit immer noch nicht abgekühlt. Samanthas Blick glitt zu dem flackernden Neonlicht über ihr, als sie die Tür hinter sich zuschlug.

Sie ging in den Tankstellenladen und direkt zu dem Kerl, der gelangweilt auf einem Stuhl hinter der Kasse saß, die Beine am Tresen hochgelegt hatte und in irgendeiner schmuddeligen Zeitschrift blätterte. Zielstrebig nahm sie zwei Schokoriegel und legte sie auf den Tresen.

„20 auf Zapfsäule 3, bitte", sagte Samantha automatisch und hielt dem Mann ein paar Scheine hin.

Kommentarlos nahm er sie entgegen und gab ihr das Restgeld heraus. Samanthas Mundwinkel zuckte, mehr aus Höflichkeit, als aus dem wahren Bedürfnis heraus, ihn anzulächeln. Als sie sich umdrehte und auf die Tür zuging, sah sie sich den Kassenbon genauer an und legte die Stirn in Falten. Der Kerl hatte ihr zu wenig herausgegeben.

Samantha war so abgelenkt, dass sie gar nicht merkte, wie die Glocke über der Tür klingelte, als sich diese öffnete. Stattdessen ging sie einfach darauf zu, während sie überlegte, ob es sich überhaupt lohnte, wegen zwei Dollar nochmal zu dem schmierigen Kerl an der Kasse zurückzugehen.

Da prallte sie gegen eine feste Wand, die eigentlich keine war. Samantha strauchelte, fing sich jedoch schnell wieder. Sie war mit jemanden zusammengestoßen, der die Tankstelle gerade betreten hatte.

Samantha hob den Blick vom Kassenbon und starrte den dunkelhaarigen Mann an, der missmutig das Gesicht verzogen hatte. Sie blinzelte mehrmals, ehe sie sich wieder fing und murmelte dann eine Entschuldigung.

Er reagierte jedoch gar nicht, sondern ging einfach weiter. Samanthas Blick fiel auf seine ärmellose Lederweste, auf der Flügel aufgenäht waren. Beinahe hätte sie deshalb gelächelt. Auf halber Strecke warf der Mann ihr noch einen flüchtigen, fast prüfenden Blick über die Schulter zu, den Samantha nicht deuten konnte.

„Hey, Kip. Alles klar?", fragte er den Kassierer und in seiner tiefen Stimme schwang ein starker Südstaatenakzent mit.

Der Kassierer brummte irgendwas Unverständliches als Antwort. Samantha schüttelte den Kopf, als müsste sie sich wieder auf das besinnen, was sie vor diesem Zusammenstoß vorgehabt hatte. Sie ging durch die Tür auf ihren Wagen zu, vorbei an dem Motorrad, dessen schwarzer Lack im Neonlicht glänzte. Während sie tankte, beobachtete sie die Zahlen auf der elektronischen Anzeige. Dabei huschte ihr Blick jedoch immer wieder für den Bruchteil einer Sekunde zu der Tür des Tankstellenladens. Als der Tankstutzen zuckte, zog sie ihn heraus und steckte ihn zurück in die Zapfsäule.

Ihre Hand lag bereits am Türgriff, doch sie hielt inne. Ihr Blick glitt zurück zu dem Bike und schließlich zu dem Laden, den der dunkelhaarige Mann noch nicht wieder verlassen hatte. Eigentlich hätte sie nachhause fahren sollen. Sie hatte noch so viele Arbeiten zu korrigieren, dass sie ohnehin noch lange wachbleiben musste, um bis morgen alles zu schaffen.

Dennoch stieg sie nicht in ihren Wagen, sondern stand nur wie erstarrt da. Irgendwas hielt sie davon ab, einfach zurück nachhause zu fahren. Schließlich nahm sie die Hand vom Türgriff, ging zu der Zapfsäule neben dem Bike und lehnte sich dagegen. Bis auf das Zirpen der Grillen und das leise Klirren ihrer Schlüssel, mit denen sie herumspielte, um ihre Hände zu beschäftigen, war es völlig ruhig.

Die Ungebrochenen - In einer sterbenden Welt - Daryl DixonGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt