Für einen Moment vergaß Samantha, wie man atmete. Und auch ihr Herzschlag, schien für einen Schlag auszusetzen. Ihre Lippen formten ein stummes „Nein". Ihre Füße fühlten sich so schwer an, als wären sie aus Beton. Trotzdem zwang sie sich dazu, sich wieder in Bewegung zu setzen. Die Luft brannte in ihren Lungen und das Herz klopfte ihr bis zum Hals, aber sie weigerte sich innezuhalten.
Stattdessen warf sie sich mit ihrem ganzen Gewicht gegen die Tür und stolperte in Tomis Wohnung, die Augen weit aufgerissen, das Gesicht ein Abbild der Angst, die in ihrem Inneren wütete. Doch als sie sich dem Esstisch zuwandte, war es nicht Daryl, der dort lag.
Es war Luke. Magna und Yumiko kauerten bei ihm und weinten. Tomi trat einen Schritt zurück, um ihnen Raum zu lassen. Der Schlag traf sie schwer, doch ihre Sorge und Angst um Daryl waren immer noch so groß, dass sie es den Verlust ihres Freundes noch kaum spürte.
„Hey."
Die raue, leise Stimme ließ Samantha herumfahren. Daryl lehnte an der Wand, die Arme vor der Brust verschränkt. Samantha stürzte auf ihn zu und besann sich im letzten Moment darauf, nicht mit voller Wucht gegen ihn zu prallen. Mit Tränen in den Augen sah sie ihn an, hob ihre Hände zu seinem Gesicht und wagte kaum, ihn zu berühren. Ihr Mund öffnete sich, doch sie blieb stumm, während sie ihn musterte.
„Mir geht's gut", sagte er mit sanfter Stimme.
Er war angeschlagen und erschöpft, das konnte Samantha ihm ansehen. Doch er stand aufrecht. Und das war alles, was es brauchte, damit sie wusste, dass er es packen würde.
„Ich dachte schon, du...", hauchte sie kaum hörbar und ihre Stimme zitterte vor Erleichterung.
Weiter kam sie nicht. Denn im nächsten Moment durchzuckten die wilden Rufe von Janice und Annabeth die gedrückte Stille in Tomis Wohnung.
„Daddy!"
Die beiden liefen auf ihn zu und schlangen ihre Arme um seine Beine. Daryls Mund verzog sich zu einem breiten Lächeln. Da ihm das Bücken zu schwer fiel, ließ er sich stattdessen einfach ächzend auf die Knie sinken und nahm die Mädchen in die Arme.
Auch Negan und Ezekiel traten nun durch die Tür, die Zwillinge auf dem Arm. Paul und Rovia Daryl fingen sie an zu zappeln, sobald sie Daryl sahen. Als die beiden die Zwillinge am Boden abgesetzt hatten, schossen diese ebenfalls auf ihren Vater zu und hopsten wild um ihn herum.
Daryl musterte die Kinder ungläubig eines nach dem anderen. Bei seinem strahlenden Lächeln wurde Samantha ganz warm ums Herz und sie musste die Zähne zusammenbeißen, um zu verhindern, dass ihr der Blick verschwamm.
„Bist du verletzt?", fragte Janice und deutete auf Daryls blutiges Hemd.
Daryl zuckte nur mit den Schultern.
„Ist nichts Ernstes. Ich werd schon wieder", winkte er ab.
Für einen Moment schien die Erde für sie stillzustehen. Die Kinder lachten und sprangen herum, klammerten sich an Daryl und Samantha fest, als hätten sie Angst, dass beide im nächsten Augenblick wieder verschwinden könnten. Ein erleichtertes Lächeln schlich sich auf Samanthas Lippen. Vielleicht das erste, richtige Lächeln, seitdem die Kinder entführt worden waren.
Doch ein Schluchzen riss sie aus diesem kurzen Moment des Glücks. Ihr Blick glitt zurück zum Esstisch, wo immer noch Lukes Leichnam lag. Das Lächeln auf Samanthas Lippen erstarb augenblicklich und ein Gefühl von Trauer und Schuld schlich sich in ihr Bewusstsein. In dem Moment traf sie die Erkenntnis, dass sie ihren früheren Kollegen und langjährigen Freund verloren hatte, wie ein Vorschlaghammer. Sie musste sich auf die Zunge beißen, um die Tränen niederzukämpfen.
DU LIEST GERADE
Die Ungebrochenen - In einer sterbenden Welt - Daryl Dixon
Fan-FictionDas Leben im Gefängnis hat sich für Daryl und seine Gruppe gerade etwas entspannt. Der Govenor ist verschwunden und die Bewohner von Woodbury leben nun gemeinsam mit ihnen im Gefängnis. Samantha hingegen lebt seit dem Ausbruch allein in den Wäldern...
