HUNTER
Ich drehte den Anhänger um und fuhr mit dem Daumen über die winzige Gravur. Yesterday you said tomorrow. Nachdenklich presste ich meine Lippen aufeinander.
"Hunter!" Ich schloss meine Augen und atmete tief durch. Dann legte ich die Kette wieder in die Schublade zurück, wo ich sie immer aufbewahrte, zusammen mit dem Brief von Allison und anderen Dingen, die mir tatsächlich etwas bedeuteten und verließ mein Zimmer, um zu sehen, was mein Vater wollte. Eigentlich konnte ich es mir ja sowieso schon denken.
"Ja?" Ich lehnte mich an den Rahmen der Tür zu seinem Arbeitszimmer und verschränkte die Arme vor der Brust. Mein Vater drehte sich in seinem Bürostuhl um und musterte mich ausdruckslos.
"Eine Schlägerei?" Er sah gelangweilt aus, aber ich wusste wie wütend er war, weil er seine Hände zu Fäusten geballt hatte.
"Du bist ein Hayes, was fällt dir ein?" Langsam erhob er sich aus seinem Stuhl und kam auf mich zu. Ich schluckte hart, blieb aber in meiner momentanen Position, um ihm nicht zu zeigen, dass er mich einschüchterte.
"Du bist eine Schande", zischte er durch zusammen gepresste Zähne hindurch. Mein Blick wanderte zur Decke und ich versuchte mich zusammen zu reißen.
"Leider Gottes bin ich aber auch dein Sohn, also wirst du dich noch ein bisschen mit mir abgeben müssen, Dad", er widerte ich, wobei ich das "Dad" künstlich betonte. Ich machte auf dem Absatz kehrt und steuerte direkt den Trainingsraum an. Ich war wütend. Ich war immer so wütend. Also boxte ich. Oder ging schwimmen. Oder tat sonst irgendwas, um meine Aggressionen nicht an Leuten auszulassen die es nicht verdienten. An Leuten wie Erin. Zur Hölle, sogar Lucia hatte es nicht verdient.
Ich trat die Tür auf und griff nach den Boxhandschuhen auf dem Regal daneben. Mit schnellen Schritten ging auf die Bank in der Mitte des Raums zu und zog mein T-Shirt aus. Dann zog ich die Handschuhe an und ging auf den großen Boxsack zu, der von der Decke hing. Der erste Schlag fühlte sich fantastisch an. Der zweite ebenso. Aber mit jedem Schlag wich die Wut weiter aus meinem Körper und ich fing an mich leer zu fühlen. An manchen Tagen war Wut alles was ich hatte, also was tun wenn sogar sie mich verließ? Ein letztes Mal schmetterte ich meine geballte Faust nochmal auf die Stelle, wo ich mir den Kopf meines Vaters vorstellte, und dann fing ich den Sack ab, bevor er anfing zu schwingen. Mein Atem war schwer und ich schloss meine Augen. Langsam legte ich meine Stirn an das kühle Leder und hielt den Boxsack fest. Bis auf meinen Herzschlag war in mir alles still.
ERIN
Was ich am meisten an Lucias Familie liebte, war, wie schnell sie mich als Teil dieser aufgenommen hatten. In den Ferien hatten Elliott und Nora für ein paar Tage ihre Familie in Portland besucht und Lucias Mom hatte angeboten, dass sie auf mich aufpassen konnten, bis sie wieder zurück waren. Elliott hatte zwar gemeint, dass sie sich keine Umstände machen müsste, da ich schon 18 war, aber Sophia hatte trotzdem jeden Tag extra für mich mit gekocht. Julio war wie der zweite große Bruder, nach dem ich nie gefragt hatte und der mich, obwohl wir nicht verwandt waten, trotzdem wie seine kleine Schwester behandelte. Die Zwillinge waren die niedlichsten kleinen Mädchen, die ich je getroffen hatten und sie umarmten mich immer stürmisch, wenn ich ihr Apartment betrat. Im Moment flechteten sie gerade meine Haare und kicherten.
"Wie sehe ich aus?", fragte ich amüsiert.
"Comó una princesa", quiekte Elena und Amelia nickte heftig mit dem Kopf. Lucia versuchte sich ein Lachen zu verkneifen.
"Wunderschön, Erin. Wirklich." Ich warf ein Kissen von der Couch nach ihr und streckte ihr die Zunge raus.
"Fertig." Amelia reichte mir einen kleinen pinken Handspiegel, der mein Gesicht verzerrte. Auf meinem Kopf konnte man vage eine Kreation aus aufgetürmten Haaren, Klammern und ein paar geflochtenen Zöpfen erkennen. Ich presste meine Lippen aufeinander, um nicht zu lachen, während meine Freundin sich nicht so viel Mühe gab. Sie lag vor Lachen schon fast auf dem Boden und hielt sich den Bauch.
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PLAYING PRETEND
Fiksi RemajaJeder Mensch macht Fehler. Ich hatte nur nicht erwartet, dass meiner Hunter heißen würde. Da schläft man einmal (mehrmals) mit einem (dem) Typen und schon ist dein ganzer Ruf am Arsch. Oder viel mehr wäre dein Ruf am Arsch, wenn er und alle anderen...
