ERIN
"Entschuldigung, das Sekretariat hat meine Pläne verlegt und dann mussten sie die nochmal ausdrucken." Mein Blick wanderte durch die Bankreihen, fast alle Plätze waren besetzt mit Schülern, die mich alle schamlos anstarrten. Der Lehrer räusperte sich und kam auf mich zu gestapft.
"Und wer sind sie, Miss-"
"Rynfield. Ahm, Erin. Ich bin neu hier." Der pummelige, ältere Mann beäugte mich prüfend. Im Moment starrten mich ungefähr 30 Leute an und das wurde von Sekunde zu Sekunde unangenehmer. Ich verlagerte mein Gewicht von einem Fuß auf den anderen.
"Ja, das kann ich sehen", murmelte der Lehrer vor sich hin, während er seine Hände hinter dem Rücken kreuzte und auf seinen Tisch zu ging. Ich senkte den Kopf und rückte meine Brille zurecht.
"Könnte ich mich dann hinsetzte?" Ich lächelte ihn höflich an und er rümpfte die Nase. Verunsichert schulterte ich meine Tasche neu.
"Natürlich. Suchen sie sich einen Platz aus. Wie sie sehen, ist die Auswahl eingeschränkt. Dies wäre nicht der Fall, wenn sie pünktlich gekommen wären, Miss Rynfield." Ich nickte langsam. Elliott hatte wohl recht gehabt. Wie gewöhnlich.
"Rynfield wie der Lehrer hier?", fragte ein Mädchen aus der dritten Reihe. Ich sah kurz zu Mister Franklyn, der mich ebenfalls erwartungsvoll ansah. Angespannt holte ich Luft und nickte wieder.
"Ja, Elliott ist mein Bruder", antwortete ich zögerlich. Das Mädchen sah mich beeindruckt an und die anderen fingen alle sofort an sich halb laut zu unterhalten. War das jetzt gut oder schlecht? Ich beschloss die Unruhe dafür zu nutzen, mir endlich einen Platz zu suchen und mich aus dem Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit zu befreien. Langsam ging ich nach hinten, wo noch zwei Sitze frei waren. Wie ich relativ schnell heraus fand, war der Grund dafür, dass beide Stühle vermutlich innerhalb der nächsten Minuten zusammen brechen würden. Leider hatte ich aber keine andere Wahl, als mich an den weniger wackeligen Tisch zu setzten. Ich setzte mich so vorsichtig wie möglich und legte meine Umhängetasche auf den Tisch vor mir.
"Dein Bruder, huh?" Ein schmieriger Typ mit fettigen Haaren drehte sich zu mir um und stützte seine Arme auf meinem Tisch ab. Ich starrte ihn wortlos an. Wie sagt man jemandem höflich, dass er einen in Ruhe lassen soll?
"Gott, Teddy! Lass das arme Mädchen in Ruhe." Mein Blick fiel auf das Mädchen neben mir. Sie zeichnete etwas auf ihrem Block, aber ihre honigblonden Haare verdeckten mir die Sicht, sodass ich weder ihr Gesicht noch das was sie malte, sehen konnte.
"Halt die Fresse, Reece." Der Kerl verzog angewidert das Gesicht und Reece zeigte ihm den Mittelfinger, ohne den Kopf vom Blatt zu heben. Ich zog verwirrt die Augenbrauen zusammen.
"Was ist?" Das Mädchen hob nun doch den Kopf und zwei ozeanblaue Augen starrten mich müde an.
"Was malst du da?" Unsicher zeigte ich auf ihr Blatt. Reece fing an zu grinsen und schob mir den Block hin, damit ich ihre Zeichnung ansehen konnte. Es war ein Cartoon. Einer von denen, die manchmal in der Zeitung sind, wo die Menschen besonders große Köpfe oder sowas haben. Zwar hatte sie offensichtlich erst damit angefangen, aber man konnte jetzt schon deutlich Mister Franklyn erkennen.
"Das ist echt gut." Überrascht betrachtete ich das Bild. Dann sah ich zu Reece, die stolz nickte. Ich erwischte mich dabei, wie ich mich fragte in was für eine Schicht sie gehörte. Mit ihren blonden Haaren und der tollen Figur, auf die ich um ehrlich zu sein verdammt neidisch war, hätte ich sie wohl eher zu den Cheerleadern gezählt. Wegen dem geblümten Sommerkleid, welches sie mit Springerstiefeln und einem gestreiften Cardigan zusammen trug, würde ich sie aber doch ganz wo anders einordnen. Vielleicht hätte ich Lucia besser zuhören sollen, als sie mir das "System" erklärt hatte.
*****
Nach einer Stunde Geschichte, in der ich mich mehr oder weniger mit Reece angefreundet hatte und mein Stuhl erfreulicher Weise nicht zusammen gebrochen war, hatte sie mir gesagt wo ich den Sozialkunderaum finden würde. Als ich diese besondere Art der Folter dann auch endlich überstanden hatte, beschloss ich nach meinem Spind zu suchen.
"Da bist du ja!" Lucia lehnte an meinem Spind und sah mich ungeduldig an.
"Was meinst du?" Verwirrt ging ich auf sie zu, während die anderen Schüler um uns herum schwärmten und sich auf den Weg zur Cafeteria machten.
"Du antwortest einfach nicht auf meine Nachrichten. Das tut weh, Erin. Genau hier." Sie legte ihre rechte Hand auf ihr Herz und schniefte. Ich rollte ebenfalls gespielt genervt mit den Augen.
"Witzig. Ich wollte nur meine Tasche aufräumen bevor ich dich suchen gehe." Wir hatten eigentlich abgemacht, dass wir uns in der Mensa treffen würde. Ich traute es mir zu, wenigstens die ohne Hilfe zu finden.
"Jetzt ist es auch schon zu spät. Ich erwarte eine große Entschuldigung." Ich schüttelte lachend den Kopf. Nachdem ich meine Tasche in meinem Schrank verstaut hatte, gingen wir zusammen zur Cafeteria. Lucia warnte mich vor dem Schokopudding. Ich wollte nicht einmal nachfragen wieso, da ich vermutete, diese Antwort gar nicht erst hören zu wollen.
*****
Wir hatten uns an einen Tisch zu drei weiteren Leuten gesetzt. Das waren Elvis, der mit absoluter Sicherheit schwul war. Sam, eine langbeinige rothaarige, die lautstark erzählte, was sie mit einem Jungen names Andrew auf der Jungstoilette getrieben hatte und Mark. Über Mark gab es bis jetzt noch nichts interessantes zu sagen. Ich war gerade dabei, zum gefühlt 20ten mal heute, die "ich komme aus Chicago, weil..." Story zu erzählen, als sich plötzlich Hunter zu uns an den Tisch setzte. Mein Herz blieb stehen. Alle im Raum schienen augenblicklich stiller geworden zu sein. Ein Hunter gehörte wohl nicht in die "Drama Club" Schicht des Easton High Codes. Er starrte mir direkt in die Augen und ich wäre fast an Ort und Stelle gestorben, dann wandte er aber den Blick ab und sah zu Lucia.
"Wegen heute Morgen." Totenstille. Alle wollten hören was er zu sagen hatte. Vermutlich dachten sie Hunter und Lucia hätten es irgendwo getrieben und er wollte sie jetzt bloß stellen. Aber halt stop, nein, das war ja ich gewesen. Ich versuchte mich zu beruhigen und verstärkte den Griff um meine Plastikgabel.
"Ich werd dir jetzt mal das sagen, wozu mein Freund hier-" Er zeigte auf den Typen von heute morgen, der Lucia den Parkplatz geklaut hatte, jetzt hinter Hunter stand und mir mit den Augen auswich.
"- nicht in der Lage war, weil er eine verdammte Pussy ist." Ich zog die Augenbrauen zusammen. Was für ein Arschloch. Seine Augen wurden dunkel und er verschränkte die Arme vor der Brust.
"Wenn du auch nur einen Kratzer an mein Auto gemacht hast, bist du tot. Verstanden, Espinoza?" Er schien sehr zufrieden mit sich zu sein, als einige geistlose Wesen erschrocken den Atem anhielten. So war Lucia aber nicht. Eher im Gegenteil. Während Hunter gesprochen hatte, waren ihre Augenbrauen immer weiter hoch gerutscht und sie setzte sich aufrecht hin.
"Hunter, mir ist scheiß egal, ob deinem Vater diese Schule gehört oder nicht. Wenn du oder deine Pussy von Freund da neben dir, sich wie verdammte infantile Volldeppen aufführen, werde ich euch darauf aufmerksam machen. Und jetzt verpiss dich, sonst werf ich meinen verseuchten Pudding nach dir!" Ein lautes Knacken hallte durch die Mensa und ich hielt zwei Teile meiner zerbrochenen Gabel in der Hand.
*****
Ich weiß, ich hab gesagt heute kommt nichts mehr, aber 2000 Reads!!!! Thank you so much. I'm fucking crying. Thank you.
Goodnight.
adorablemalia
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PLAYING PRETEND
Roman pour AdolescentsJeder Mensch macht Fehler. Ich hatte nur nicht erwartet, dass meiner Hunter heißen würde. Da schläft man einmal (mehrmals) mit einem (dem) Typen und schon ist dein ganzer Ruf am Arsch. Oder viel mehr wäre dein Ruf am Arsch, wenn er und alle anderen...
