~Kapitel 42~

60 11 14
                                        

Der Wald wurde von einer unangenehmen Jahreszeit geplagt; es war Winter.
Bisher konnte mein Rudel keine Spur von den Eindringlingen finden, die uns vor wenigen Monaten noch heimgesucht hatten.
Ich machte mir Sorgen; die Gefahr ruhte zwar, aber sie war noch nicht vorbei.
Mein Blick glitt durch den Wald, entlang an den mit sauberem Schnee überzogenen Bäumen und Gebüschen. Irgendwann würde dieses fremde Rudel zurückkommen, es würde uns angreifen -vielleicht sogar aus dem Hinterhalt. Es würde einen nach dem anderen töten und stände dann vor mir, der Luna der Wölfe.
Da stellt sich die Frage: Was würde ich dann tun? Alleine. Verlassen. Bedroht.
Fliehen? Niemals.
Kämpfen? Das würde den Tod bedeuten.
Nach Hause? Mein Vater würde mir eigenhändig das Blut aussaugen.
Alleine rumstreunen? Das Rudel würde mich finden.
Es gab keine Möglichkeit außer mit meinem Rudel zusammen zu kämpfen. Alleine war ich den Feinden ausgesetzt. Finster schweifte mein Blick weiter durch die Nacht, Nebel machte sich allmählich breit.
"Meine Wölfe hungern...", murmelte ich leise. "Sie sind nicht stark genug." Schließlich wandte ich mich ab, mit bloßem Herumstehen würde ich nicht viel erreichen. Als Anführerin dieser Tiere musste ich ihnen helfen, ganz egal, wie schwer es war.
Mit großen Sprüngen fetzte ich durch die hohe Schneeschicht, versuchte so, etwas schneller zu sein. Nach wenigen Minuten stummen Dahinrasens witterte ich einen seltenen Duft.
Bär.
Meine Nasenflügel weiteten sich und ein Feuer flammte in mir auf. Ein Feuer, von dem ich gedacht hatte, dass es schon lange erschloschen wäre, doch das war es nicht.
Mit neuem Mut, neuer Kraft, neuer Entschlossenheit, raste ich an den Bäumen vorbei und hielt mich geschickt gegen die Windrichtung, um den Duft der mächtigen Tiere zu wittern, ohne, dass sie meinen bemerken.
Bären waren mächtige Wesen und außerdem nicht gerade dumm. Die Jagd war immer gefährlich und auf eigene Gefahr, das Rudel würde mir hier nicht weiterhelfen. Jedenfalls nicht aus freiem Willen. Aber nachhelfen konnte ich sowieso nicht, wenn ich im Sterben lag.
Und so trabte ich weiter, meine Beine bewegten sich in harmonischen Bewegungen, ein Schritt nach dem anderen. Der Hunger trieb mich vorwärts, ließ meine tief vergrabenen Instinkte herauskommen und leitete mich in die richtige Richtung.
Ich wusste nicht, ob es Stunden oder Minuten gewesen sind, die nun in dem schnellen Tempo
verstrichen waren, aber endlich konnte ich das dunkle Fell der Bärin in dem stechenden Weiß des Schnees ausmachen.
Sie spürte die Gefahr auf sich zukommen.
Und diese Gefahr war ich.
Ich fragte mich in meinem Heißhunger nicht, was ein Bär mitten in der Zeit des Winterschlafes hier, im Wolfsgebiet, suchte; ich jagte einfach.
An einem guten Versteck verlangsamte ich meinen Gang und spitzte die Ohren, mein Bauch striff den Boden und mein schönes Fell versank bereits bis zur Schulter im tiefen Schnee.
Herzschlag für Herzschlag verharrte ich so, ebenso wie die Bärin, und dann sprang ich vor, riss das Maul auf und mit einem Knall schnappten meine Zähne knapp neben dem Bärenhals zusammen.
Ich hatte meine Beute verfehlt.
Die Bärin bäumte sich bereits auf, stieg auf die kräftigen Hinterbeine und kam drohend auf mich zu. Ihre unzähmbare Wut war nicht zu übersehen, doch ich ließ mich nicht verunsichern. Blitzschnell richtete ich mich auf und knurrte tief, das Feuer in meinen Augen strahlte und auch die Bärin schien das zu bemerken, denn als ich ihr selbstbewusst näherkam, wich sie zurück, wollte sich umentscheiden und vor der komischen Luna, vor mir, fliehen.
Zwecklos.
Ich  sprang los, genau auf die Brust des Tieres und biss in ihren warmen Hals. Sofort floss das dunkle Blut und ein metallisches salziges Aroma füllte mein Maul.
Brüllend windete sich die Bärin, schrie nach Hilfe, als sie merkte, dass ich ebenso unzähmbar war, doch keiner kam; kein anderes dieser Tiere half ihr.
Langsam schwindeten unsere Kräfte, lange würde ich das nicht mehr aushalten.
Ein lauter Knall durchbrach meine Gedanken.
Und dann war es still.

WOLFSRUF: Die Luna Der Wölfe | #PlatinAward2017Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt