"Mama! Mama! Ich habe Hunger!", quengelte eine hohe Stimme. Wenige Herzschläge später stürzte das kleine Mädchen aus der Höhle und warf sich mir auf den Rücken, krallte sich erbarmungslos in meinem Fell fest.
Ich winselte leise und schüttelte mich, um von der kleinen Klette freizukommen.
Meine Knochen knackten, während ich mich in einen Menschen verwandelte.
Vielleicht nicht mehr ganz so flink wie früher, aber dennoch akzeptabel.
Immerhin hatte ich die 30er-Grenze bereits lange überschritten. Lächelnd strich ich meiner Tochter über den Kopf und kniete mich vor sie.
"Willst du jagen gehen, Kleines?"
Eifrig nickte sie und kniff die Augen angestrengt zusammen. Sie ächzte, als auch ihre Knochen knackten und schließlich stand sie als kleiner Welpe vor mir. Ihre Wolfsgestalt wuchs um einiges langsamer, als die Menschenform, also würde sie wohl noch für einige Zeit ein junger hilfloser Welpe bleiben. Das hinderte mich aber nicht daran, mit ordentlichem Kampf und Jagd-Training zu beginnen. Schließlich lag ihr Schicksal in meinen Pfoten.
Alles was sie tat, alles was sie dachte, alles was sie jemals machen würde: All dies war von mir abhängig.
Ich konnte ihr weiterhelfen, sie groß und stark machen- oder aber ihr Leben beenden.
Es wäre meine Entscheidung, doch niemals könnte ich meiner kleinen Prinzessin etwas antun. Sie war mein Herz und meine Seele, alles was mich noch hier und am Leben hielt. Ohne dieses junge Kind würde mir die Motivation und das Verlangen zu überleben abhanden gekommen sein. Ich war ihr so unendlich viel schuldig. Nichts, was man wieder gut machen könnte.
Beim besten Willen nicht.
"Ich bin stolz auf dich, Kiki."
Mein Blick quoll förmlich über vor Liebe.
Chiara war so jung und so ahnungslos. Ich hatte ihr nicht erzählt, dass ich sie anfangs noch abtreiben wollte. Im Laufe der Schwangerschaft band ich mich jedoch stark an das ungeborene Kind.
Loslassen konnte ich nicht.
Loslassen wollte ich nicht.
Also entschloss ich mich dazu, klein Chiara -kurz Kiki- zu behalten. Sie sollte groß werden, eine ausgezeichnete Jägerin und außerdem ihr eigenes Rudel gründen.
Mit ihren eigenen Kräften.
Das war der einzige Wunsch, den ich hegte und jemals hegen werden würde. Solange er in Erfüllung ginge, wäre mir alles andere mehr als egal.
"Lass uns nun auf die Jagd gehen, meine kleine Prinzessin.", schnurrte ich und verwandelte mich ebenfalls wieder in meine Wolfsgestalt.
Mit einem zufriedenen Grummeln schob ich sie vor mir her in den Wald und ehe ich mich versah, war sie bereits hinter den Bäumen und Geästen verschwunden. Ich knurrte lautstark. Sie durfte sich nicht allzu weit von ihrer Mutter entfernen. Das musste die junge Wölfin immer im Hinterkopf behalten.
Als ich keine Antwort bekam, beschleunigte ich meinen Schritt, bis ich flott durch den Wald trabte. Das regelmäßige Trommeln meiner Pfoten auf dem Boden vermischte sich einklängig mit dem Trillern und Zwitschern der Waldvögel.
Ich hob den Kopf kurz und sah in die hohen Baumkronen über mir. In dieser Form schienen sie mir meilenweit entfernt. Unerreichbar und dennoch real.
Schnell schüttelte ich den Kopf und schnaubte. Für sowas sollte man nicht so viele Gedanken verlieren. Es war pure Zeitverschwendung. Das einzige was zählen sollte, war Kiki.
Nur sie allein. Bis mein Leben sich irgendwann zum Ende neigen und ich in harmonischem Frieden enden würde.
So stellte ich mir meinen Tod vor: Unvorstellbar schön. Immerhin wäre mein Traum dann letzten Endes kein Traum mehr, sondern Wirklichkeit.
Langsam hob ich meine schmale Schnauze zum Himmel und stieß ein wohlklingendes tiefes Jaulen aus. Meine Stimme vermischte sich mit den harmonischen Klängen des Waldes, das mehrtönige Zwitschern der Vögel wurde eins mit dem Geheul eines Wolfes.
Ich rief meine kleine Welpentochter lange.
Eine Minute verging, die Luft wurde langsam knapp. Doch ich hörte nicht auf. Nicht, bevor Chiara zu mir fand. Trotzig heulte ich weiter und ignorierte stur, dass mein Ton immer erstickter und verzweifelter -immer unschöner- wurde.
Noch eine Minute verging.
Und noch eine.
Keine Anwort.
Zögernd und atemlos verstummte ich. Mein Körper bebte unkontrolliert. Erleichtert spürte ich, wie der Sauerstoff wieder durch meine Lungen gepumpt wurde, mein Herz schlug schnell.
Wo war sie nur?
So viele Jahre waren friedlich vergangen- eine so lange Zeit, in der ich glücklich und sorglos mit meiner Tochter leben und sie aufziehen konnte. Es war die unbeschwerlichste Zeit meines gesamten Lebens. Beinahe 40 Jahre lebte ich nun schon. Und dennoch war es die beste Zeit meines Lebens- nie würde ich etwas an meiner Vergangenheit ändern wollen.
Manchmal musste ich daran denken, was wohl geschehen wäre, wenn es dieses Feuer nicht gegeben hätte.
Manchmal musste ich daran denken, was wohl geschehen wäre, wenn mein Rudel mich nicht mit Aiden verlassen hätte.
Manchmal musste ich daran denken, was wohl geschehen wäre, wenn ich nicht auf Teufel- oder Lucifer- reingefallen wäre.
Manchmal musste ich daran denken, was wohl geschehen wäre, wenn ich Diamond und das Rudel nicht getroffen hätte.
Und manchmal musste ich auch daran denken, was wohl geschehen wäre, wenn mein Vater kein hirnloser kalter Vampir wäre.
Gäbe es Chiara- meine kleine süße Tochter- dann trotzdem?
Wahrscheinlich nicht.
Wenn ich zurückdachte, war ich doch jedem dankbar, dem ich in meiner Vergangenheit über den Weg gelaufen war. Sowohl den guten Menschen, als auch den Schlechten. Und auch den guten und schlechten Wölfen.
Schnell rannte ich durch den Wald.
Ich durfte jetzt nicht so viel nachdenken. Nicht über die Vergangenheit und nicht über die Zukunft. Nur über die Gegenwart.
Und diese Gegenwart war meine kleine Tochter Kiki, die mir gerade eben verloren gegangen ist.
Ich musste sie finden.
Undzwar schnell.
Und das, bevor es ein anderer tat.
Denn es gab in diesen Wäldern noch immer Hexen und böse Wölfe, Jäger und böse Menschen. Und all diese Lebewesen würden Jagd auf das kleine Mädchen machen, wenn ich jetzt nichts unternahm.
Also rannte ich los- so schnell wie ich noch nie gerannt war.
Ich ignorierte die scharfen Äste, die meinen Körper peitschten, und die scharfen Dornenranken, die sich in meinem Fell verankerten.
Das einzig Wichtige war Kiki. Kiki und nichts anderes. Auf ewig.
____________________________________________________________
Hallo, meine Lieben!
Heute mal ein Kapitel von ca. 1000 Wörtern :3
Ich hoffe ihr hattet Spaß beim Lesen, bis zum nächsten Mal!
Man sieht sich, ihr tollen Menschen <3
DU LIEST GERADE
WOLFSRUF: Die Luna Der Wölfe | #PlatinAward2017
Werewolf(vorsicht: Das Buch wurde von meinem 14-Jährigen Ich geschrieben und ist teilweise fehlerhaft :,D ) Jung und genervt. Das sind die zwei Wörter, die Lina im Moment am besten beschreiben. Seit ihre Mutter gestorben ist, gehen Gerüchte um; jeden Tag sc...
