~Kapitel 47~

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Eine frische Brise zauste die langen Haare der jungen Anführerin, welche - tief in Gedanken versunken- auf ihrem Felsen saß. Ihre schlanken Beine baumelten locker herab während ihr warmer Blick über ihre Gefährten glitt.
Vor Jahren hatte sie mit ihrem Rudel begonnen, andere auszurotten und mittlerweile galt ihres als die größte Wolfsfamilie landweit. Sie wurden gefürchtet, aber auch verehrt. Obwohl kein Außenstehender wusste, was sich in dem glorreichen Rudel abspielte, kursierten viele Gerüchte um die Luna und ein gewöhnliches Wolfsmännchen; Aiden.
Oft genug sah man sie zusammen.
So oft, dass Aiden mehr als ihr Beta wusste.
Insgeheim musste sie sich eingestehen, dass ihr Mate viel mehr taugen würde, als ihr jetztiger Beta, doch das verschwieg sie aus einem wichtigen Grund. Wenn Aiden Beta werden wollen würde, müsste er gegen den jetzigen Kämpfen. Auf Leben und Tod.
So hatte sie ihre Entscheidung gefällt:
Egal welcher von beiden sie nun als Stellvertreter unterstützte, Aiden würde sie alles erzählen. Wirklich alles.
Langsam erhob sie sich und strich ihre Mähne zurück, die ihr dank der gesunden Ernährung mittlerweile beinahe bis zu den Kniekehlen  reichte. Andere Mädchen würden ihre Haare vergöttern, doch Luna nicht. Sie würde sie gerne einige Zentimeter kürzen, aber dafür war sie dann doch zu faul.
Das hübsche Mädchen nickte einigen ihrer Wölfe zu, als diese ihr grüßten. Ein Lächeln lag auf ihren vollen Lippen.
Geschickt schlängelte sie sich durch einige Barrieren und befand sich schließlich auf einer kleinen hellen Lichtung. Mit einem wehmütigen Seufzer ließ sie sich auf den Boden sinken.
25 Jahre zählte sie schon.
25 Jahre, die mal gut und mal schlecht verlaufen waren.
Und nun hatte sie ihr eigenes Rudel, ihren eigenen Mate und eine große Familie. Dabei konnte ja keiner ahnen, was die Anführerin sich wahrlich wünschte.
Wie auch?
Luna konnte es schließlich keinem erzählen. Wenn sie es Aiden beichtete, würde er sie sofort drängen.
Das wollte das unerfahrene Mädchen nicht.
"Warum muss das Leben nur so kompliziert sein?", seufzte sie leise. Der süße Klang ihrer Stimme schien Freunde anzulocken, denn sobald sie leise weitermurmelte, landete ein kleiner hübscher Vogel neben ihr.
"Wäre ich doch nur wie du...", fuhr sie fort. "Ich könnte fliegen, so hoch und so weit, wie ich möchte. Wohin ich möchte. Wann ich möchte."
Sie streckte ihre zarte Hand aus.
Das Vögelchen hüpfte ohne das winzigste Zögern darauf. Seine dunklen Augen schienen vor Weisheit zu glühen. Sein Blick bohrte sich in ihre Seele.
Ohne es zu merken hielt Luna den Atem an.
Noch nie hatte sie ein solches Wesen gesehen.
So magisch, so weise, so unglaublich allwissend.
Als der Vogel auf ihre Schulter sprang und sich mit dem winzigen Kopf an dem ihren rieb, wusste sie sofort, dass es nicht normal war.
Und sie wusste, dass sie es niemals wieder sehen würde.
Dieser Vogel repräsentierte ihr neues Ich. Mit der Berührung beider Köpfe schienen Funken aufzustoben und plötzlich wurde der Anführerin so vieles klarer, als jemals zuvor.
Keuchend krallte sie eine Hand in das Moos.
Mehr Energie übertrug sich auf sie.
Mehr Wissen legte sich wie Balsam auf ihre zerschundene Seele.
Mehr Freude ließ ihre schönen Augen noch heller leuchten.
Und dann atmete sie lange aus.
Der Vogel war bereits in den tiefen des Waldes verschwunden, doch Luna würde ihn nie vergessen. Im Stillen gab sie diesem Tier einen Namen.
"Eo.", flüsterte sie.
Das hieß übersetzt 'Ich'.
Der Name passte, denn das Mädchen war sich sicher; dieser Vogel war sie gewesen.
"Lebe wohl, Eo."

Etwas traurig lehnte Luna sich an einen Baum, sank wieder in ihre tiefgründigen Gedanken.
Das Mädchen war so abgelenkt, dass sie nicht bemerkte, wie jemand auf ihre Lichtung trat.
"Hallo, Kleine.", raunte Aiden auch schon und sah auf sie herab. Seine dunklen Haare fielen in sein kantiges Gesicht, was ihn ziemlich böse wirken ließ, doch Luna wusste es besser.
Mit einem spitzbübischen Grinsen reichte er ihr die Hand und zog sie auf die Füße.
"Was machst du hier?", fragte Luna erstaunt. Er lachte sein kehliges tiefes Lachen.
"Darf man denn nicht mehr zu seiner Mate?"
"Doch, sicherlich."
Unsicher blickte sie ihn an. Dieser eine Gedanke nagte noch immer an ihr. Sollte sie es ihm sagen?
Unschlüssig druckste sie herum, wich seinem forschenden Blick aus.
"Hey...", murmelte er sanft. "Was ist los? Hab ich was falsch gemacht."
Aiden ging einen Schritt auf sie zu, legte die linke Hand um ihre schmale Hüfte und die andere an ihr zartes Gesicht.
"Nein, Aiden.", flüsterte seine Mate und schlug die Augen nieder. Sie konnte es einfach nicht sagen.
Plötzlich ließ er sie los.
"Es stimmt also?", knurrte er. Wut lag in seinem sonst so liebevollen Blick.
Er erhob die Stimme zu einem Brüllen.
"Ich dachte, das wären Gerüchte, Luna! Ich habe dir vertraut!"
Mit den Worten machte er kehrt.
Und verschwand in den Fängen der Finsternis.

WOLFSRUF: Die Luna Der Wölfe | #PlatinAward2017Geschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt