100 Sekunden - Flammen der Verdammnis

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Wenn das Telefon läutet, die Sirene erklingt, wissen wir, dass es wieder losgeht. Das Leben steht auf dem Spiel, aber wir geben uns routiniert. Retten Leben und tun unsere Pflicht, unseren Job.
Die Reifen rollen, das Blaulicht macht uns die Straßen frei bis wir am Ziel sind und in Momenten wie diesen, habe ich Angst. Das ist nichts was ich je zugeben würde, aber es ist jedes Mal aufs Neue eine Überwindung fremde Menschen zu retten und mein eigenes Leben dafür aufs Spiel zu setzen. Trotzdem kann ich mir nichts schöneres vorstellen.

1. Die Reifen kommen zum Stehen. 2. Das rote Auto stoppt und alle springen heraus. 3. Vor uns die Flammen. Heiß und gefährlich züngeln sie umher. 4. Dicke Rauchschwaden steigen auf. 5. Verpesten die Luft, versperren die Sicht. 6. „Da sind noch Menschen drin!" teilt uns eine Frau panisch mit. 7. Sie hat die Hände hochgerissen und starrt zu den Fenstern hinauf. 8. Die Leitern werden ausgefahren. 9. Das Mehrfamilienhaus wird nie mehr sein wie zuvor. 10. „Wir gehen rein!" rufe ich meinen Kollegen zu. 11. Zu fünft gehen wir hinein. 12. Wir hören keine Schreie. 13. Aber selbst wenn da welche wären, das Feuer ist zu laut. 14. Es knistert gefährlich. 15. Es ist heiß. 16. Und rauchig. 17. „Einsturz gefährdet!" ruft mir ein Kollege zu. 18. „Weiter!" befehle ich mir selbst. 19. Und befolge meinen Rat. 20. Meter für Meter kämpfen wir uns vor. 21. Eine Frau rennt uns entgegen. 22. In ihrem hellen Nachthemd sieht sie aus wie ein Engel der aus den Flammen schreitet. 23. Ein brennender Engel. 24. „Ich bringe sie raus!" werde ich informiert und dringe selber tiefer in das Gebäude ein. 25. Hier muss noch jemand sein. 26. 27. 28. 29. Irgendwo. 30. „Da oben!" ruft mein Kollege. 31. Wir sind zu fünft hier rein gegangen. 32. Jetzt sind es nur noch wir zwei. 33. Flammen um uns. 34. Und Flammen in meinem Herz. 35. Ich blicke auf. 36. Eine junge Frau. 37. Klettert höher. 38. Sieht uns nicht. 39. Ich frage mich was sie versucht zu tun. 40. „Sie da!" brülle ich. 41. Versuche gegen die knisternden Flammen anzukommen. 42. Aber sie hört mich nicht. 43. Ich folge ihr. 44. Renne. 45. Renne gegen die Zeit. 46. Und hoffe. 47. Sie zu erreichen. 48. Sie ist schnell. 49. Panische Angst bestimmen ihre Bewegungen. 50. „Wohin will sie bloß?" frage ich laut. 51. Mein Kollege schüttelt mit dem Kopf. 52. Er weiß es auch nicht. 53. Wir müssen sie retten. 54. Vor sich selbst. 55. Vor dem sicheren Tod. 56. Einer Rauchvergiftung. 57. Und vor dem Feuer. 58. Hitze. 59. Die Stufen unter uns knarzen gefährlich. 60. „Wir sollen umkehren." sagt er, aber ich schüttele bestimmt mit dem Kopf. 61. „Retten!" bringe ich hervor. 62. Er presst die Lippen aufeinander, will umkehren. 63. Folgt mir jedoch weiter. 64. Ich blicke nicht zurück. 65. Sie rennt in eine offene Wohnung hinein. 66. Wir haben sie fast eingeholt. 67. „Was tut sie da?" rufe ich fragend. 68. Die Luft wird immer dünner. 69. Dann sehe ich was sie tut. 70. Sie springt. 71. Aus dem Fenster. 72. Und ist in Sicherheit. 73. Ein Balken kracht vor mir. 74. Versperrt den Durchgang. 75. Den sichersten Durchgang. 76. Denn als ich mich umdrehe, sehe ich, dass wir nicht mehr zurück können. 77. Die Flammen reichen die Treppe hoch. 78. „Gefangen." flüstere ich panisch. 79. „Hier muss es noch einen anderen Weg geben!" ruft er, mein Kollege, mein bester Freund. 80. Ich schaue mich um. 81. Renne zur Seite. 82. Nach vorne, nach hinten. 83. Noch ein Balken kracht. 84. Kracht auf sein Bein. 85. „Nein!" schreie ich, will ich schreien. 86. Doch die Luft ist zu dünn zum schreien. 87. Blut. 88. Sein schmerzverzerrtes Gesicht. 89. Panik. 90. Kein Ausweg. 91. Gefangen in den Flammen. 92. Ich knie mich nieder, will ihm helfen. 93. Er schließt die Augen. 94. Verliert das Bewusstsein. 95. „Weiter!" dringt aus meiner Kehle. 96. Schweiß läuft, aber nicht genug um die Flammen zu bekämpfen. 97. Er bewegt sich nicht mehr. 98. Wacht nicht mehr auf, aber ich bin bei vollem Bewusstsein und spüre die Schuld auf mir lasten. 99. Den eigenen Tod stirbt man, mit dem Tod eines anderen muss man leben, erinnere ich mich. 100. Die Flammen kommen immer näher und rauben mir alles, Luft und Leben.

100 SekundenGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt