Japsend riss ich meine Augen auf, nachdem die Farben meines Tagtraums an Farbigkeit verloren. Meine Schläfe zog unheimlich während ich versuchte mir die Bilder von eben erneut ins Gedächtnis zu rufen. Es war wieder wie ein Fetzen einer Filmsequenz, die ich aus der Distanz betrachtete. Im nächsten Moment saß ich schon wieder im hier und jetzt, wusste nicht wo mir der Kopf stand und schien unfähig zu sein, irgendetwas mit all dem Gewirr anzufangen. Ich spürte die Hysterie und Nervosität, die sich langsam einen Weg durch meinen gesamten Körper bahnte mit all den Fragezeichen, dessen Anzahl sich wie von allein in die Höhe trieb. Die letzten fünf Minuten verwirrten mich wohl mehr als die letzten vier Wochen, obwohl ich dachte, dass dies nicht mehr zu toppen sein könnte. Ich schien so benebelt, dass ich erst beim dritten Mal verstand, dass Ashton mich unsicher anstarrte und dabei meinen Namen sagte. Instinktiv schüttelte ich meinen Kopf, um vergeblich dieses Durcheinander in mir loszuwerden. "Ich bin hier.", entwich es mir schwummrig während ich versuchte, meine Sehstärke wiederzuerlangen. Denn so sehr ich mich auch bemühte, Ashton in höchster Auflösung aufzunehmen, waren meine Augen außerstande, ihn oder irgendetwas anderes zu fokussieren. Bevor die Panik jedoch in mir aufsteigen konnte, prasselten die Fragen wie Regen auf mich herab, so dass ich eher Angst haben sollte, dass mein Kopf gleich explodiert. Denn die Erinnerung konnte doch unmöglich echt sein, es musste sich um irgendeine abgefuckte Wahnvorstellung handeln, bei der Rose kein Lächeln auf ihren roten Lippen trug und Zayns Großkotzigkeit fast schon am überschäumen war- oder? Ich hatte den Jungen und das Mädchen bisher kein einziges Mal gesehen, nicht in der Schule und auch nicht in der Nachbarschaft. Wo hatte mein Erinnerungsvermögen ihre Gesichter aufgeschnappt? Ich versuchte zu ergründen, woher ich die beiden kannte- und was noch viel wichtiger war, ich wusste nicht, warum ich nicht dazwischen gegangen war. Fiktion, hin oder her, ich wollte nicht so jemand sein. Ich wollte keiner sein, der tatenlos und passiv am Rand steht und doch schien irgendwie plötzlich alles darauf hinzudeuten. Hör auf, ermahnte ich mich streng und wünschte, es wäre so einfach. Ich hörte Ashton fragen, ob alles okay wäre und bemerkte die Skepsis in seinen Augen, ohne sie wirklich zu sehen. Der schlichte Versuch, mich in irgendeiner Weise zu ordnen, kostete mich viel Mühsal und ich schien erfolglos in seinem Gesicht nach der Lösung aller meiner Zweifel zu suchen. "Ich glaube ja.", brummte ich und war mir eigentlich ziemlich sicher, alles andere als okay zu sein. Ich quittierte ein zähes "Okay" seinerseits ehe ich mich Sekunden später dazu zwang, meinen Blick von ihm abzuwenden. Bis auf Ashton, schien es niemanden zu interessieren. Wie konnte sonst keiner meine gedankliche Absenz gemerkt haben?
Instinktiv huschte mein Blick nach unten und ich sah auf die Ananasstücke, die sich unter dem Käse versteckten und die Schinkenscheiben, die rücksichtslos auf der Tomatensoße platziert worden waren. Oh Gott, keuchte die Stimme in mir. Ich drehe gleich echt durch.
"Ey Harold.", nahm ich Alec von rechts wahr, der anscheinend doch bemerkte wie ich dort regungslos auf meine Pizza starrte. Gerade als ich mich dazu aufringen wollte, aufzusehen, fragte er: "Willst du deine Pizza nicht mehr?"
Und ich war drauf und dran, aus tiefster Inbrust aufzulachen, so falsch erschien mir diese ganze Situation und so unrichtig fühlte ich mich plötzlich, hier zu sitzen und mit all den Leuten, von denen ich nicht einmal den Nachnamen wusste und Pizza zu essen als sei es das Normalste der Welt. Tatsache war, ich kannte niemanden von ihnen nur im Geringsten. Abwesend schob ich ihm die Pizza rüber, von der ich gerade mal zwei Stücke gegessen hatte. "Du kannst sie haben.", erwiderte ich nonchalant. Mir war der Appetit vergangen.
Mir fiel es gerade so schwer mit all den Leuten, die meine Freunde sein sollten, in einem Raum zu sitzen. Klar, ich wünschte mir zurzeit nichts sehnlicher, als all meine Erinnerungen zurückzuerlangen, aber diese zeigte mir, dass Erinnerungen nicht immer gut waren und plötzlich fragte ich mich, ob es meine Vergangenheit überhaupt wert war, sie wieder rauszukramen.
"Ist das zu viel?", wollte Rose besorgt wissen und ließ mich aus Schreck zusammenzucken. Ich registrierte den Anflug von Angst in meinen Augen als ich in ihr Gesicht sah, in ihr makelloses und aus Mitgefühl verzerrtes Gesicht.
Wie konnte dieses Mädchen bitte das Mädchen aus meiner Erinnerung sein?
Ich brauchte eine Weile bis ihre Frage ganz zu mir durchdrang, da ich zunächst dachte, es würde um das Essen gehen.
"Nein.", schoss es aus mir heraus und ich sprang kurzerhand auf. "Ich brauche nur kurz frische Luft."
Ohne irgendeine Antwort abzuwarten, eilte ich mit etwas wackligen Beinen, die Pudding glichen zum Flur, um die Tür aufzureißen. Der Wind bließ mir die kalte Luft entgegen ehe ich einen Schritt nach draußen machen konnte und im nächsten Moment hatte ich die Tür hinter mir zugezogen. Es war als würde mein Körper auf einen Schlag realisieren, wie ausgelaugt ich war und die Dessertcreme in meinen Gliedmaßen schien wie tiefgefroren, so dass ich mich auf den Stufen nierderließ, um der Versteifung entgegenzuwirken.
Die Schmerzempfindung im Bereich des Kopfes war weiterhin existent, doch rückte sie bei jedem meiner Atemzüge, bei dem sich ein Nebelschleier vor meinem Gesicht bildete, ein wenig mehr in den Hintergrund. Gerade als ich meine Augen geschlossen hatte, erschrak ich so sehr, dass sie nun wohl doppelt so groß waren als normalerweise. Die Tür wurde erneut zugeschlagen und mein Blick schnellte über meine Schulter, wo ich in Ashtons Gesicht sah, das so eine Ruhe ausstrahlte, die man nur beneiden konnte. Fast schon lässig setzte er sich im Schneidersitz neben mich und lächelte mich leicht an. Seine Unbefangenheit schien mir aber positiver Natur, insoweit das einen Sinn ergibt. Während ich zum Beispiel bei Alec das Gefühl hatte, dass sein lockeres Auftreten eher aus Nachlässigkeit und dem Wunsch des Ansehens resultiert, empfinde ich Ashtons Erscheinung als feste Charaktereigenschaft- so als würde die Ruhe einfach zu ihm gehören und das mochte ich. Ich mochte, wie auch ich kurzzeitig einen Funken seiner Ausgeglichenheit in mir vernahm ehe ich zu meinen Füßen schaute. "Irgendwas war gerade.", begann Ash ungehemmt zu reden. "Irgendwas, was dich aus der Bahn geworfen hat." Ohne hinzublicken wusste ich, dass er mich ansah, jedoch störte es mich bei ihm gerade irgendwie gar nicht.
"Du musst nicht reden.", fuhr er fort. "Ich weiß, dass man manchmal einfach Zeit um sich zu finden und seine Gedanken irgendwie zu ordnen- sie auf einen Nenner zu bringen. Nur weiß ich auch, dass Einsamkeit in solchen Situationen manchmal schwer, fast unerträglich ist."
Gegen das leise Seufzen, das meinen Lippen entkroch, konnte ich nichts tun. Genauso wenig für den nächsten Satz, der ungewollt aus mir herausplatzte.
"Ich wünschte, ich wäre wieder im Koma.", wisperte ich und sog harsch die Luft ein als ich zu realisieren schien, was ich da gerade gesagt hatte. Im Bruchteil einer Sekunde überrannte mich dieses Unbehagen und ich fühlte mich mies, Ashton diesen Satz gerade in gewisser Weise aufzubürden. Ehrlich gesagt, hätte ich es ihm gerne erspart, denn es musste schrecklich sein, solche Worte aus dem Mund eines Freundes zu hören und doch war es die Wahrheit- ich sollte mich schämen allein nur an derartige Sachen zu denken. Aber es hatte sich unglaublich leicht angefühlt, nichts zu fühlen.
Sein Lächeln bröckelte, so dass seine Lippen eine lange, gerade Linie ergaben, sein Blick jedoch blieb standhaft.
"Harry, glaub mir, wenn ich dir sage, dass jeder Anfang schwer ist und dich das Alles hier ungeheuer verwirren muss- das ist okay.", meinte er unmissverständlich, dass ich mich augenblicklich fragte, ob er sich je so unbeholfen gefühlt hatte, wie ich es gerade tat. "Aber ich weiß, dass du das schaffst, weil ich dich kenne, Harry Styles." Ich bemerkte zunächst nicht, wie seine Worte tief unter meine Schale gingen ehe sich mein Kopf wie von alleine hob.
"Ich mich aber nicht."
"Dann musst du mir eben glauben, dass ich dich so gut kenne, um behaupten zu können, dass du das schon herausfindest."
Ich fuhr mir durch meine krausen Haare, die der Wind mittlerweile in alle Himmelsrichtungen standen und mir mit einem Mal zu lang vorkamen. Vielleicht sollte ich sie mir bei Gelegenheit abschneiden.
"Warum erzählst du mir nicht einfach alles?", schnaubte ich müde und musterte erneut die Dampfwolke vor meiner Nase. "Warum muss dieser scheiß Typ alles kaputt gemacht haben?" Ich sah ihn aus den Augenwinkeln an, ohne mein Gesicht zu drehen und konnte genau erkennen wie Ashton die Worte auf der Zunge brannten, er sie sich jedoch verkniff und runterschluckte. Ich hätte ihm am liebsten an seine Schultern gepackt und ihn durchgeschüttelt, bis die Worte wieder hochkommen, verkniff es mir aber und schluckte es runter.
"Irgendwann ergibt alles einen Sinn."
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Remember You I Larry Stylinson
Fiksi PenggemarEs ist schwer, jemanden zu vergessen, der dir so viel zum Erinnern gab. geschrieben von @ItsDizzy und @emuliert
