24.

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Am Wochenende machte Mum mir Feuer unter dem Hintern, dass ich doch endlich in die Stadt gehen solle, um mir vernünftige Schuhe zu kaufen, da meine anscheinend bald auseinander zu fallen drohten. Meine derzeitige Laune lag pausenlos am Minimum und profitieren tat sie rar davon, zum Einkaufsbummel genötigt zu werden. Denn ehrlich gesagt, würde ich mich am liebsten einfach in meinem riesigen, anschmiegsamen Bett verkriechen solange ich keine Bestimmung in dem Ganzen gefunden hatte und mir der Daseinszweck abhanden war. Aber das Leben war nun mal kein Wunschkonzert und um bei der Wahrheit zu bleiben manchmal gänzlich beschissen.

So stand ich demnach am frühen Samstag vor einem Regal voller Schuhe, die alle meinen Tretern glichen, mit dem einzigen Unterschied, dass meine Gehfalten besaßen. Jedoch beschloss ich, nicht lange zu überlegen und beliebig nach einem Paar zu greifen, das mir zusprach. Einfach um dieses ganze Prozedere ein wenig zu raffen und schneller in meinem Zimmer zu sein. Ich zog in Betracht, die Schuhe gar nicht erst anzuprobieren, da sie mir groß genug erschienen und ich zugegebenermaßen zu faul war, mich extra hinzusetzen, um Latschen anzuziehen, die ich theoretisch seit Monaten unentwegt trug. Gerade suchte ich den dazugehörigen Karton mit der richtigen Größe als ich auf einmal meinen Namen von Weitem hörte und während des Stöbern pausierte, beinahe zusammenfuhr.

Vergebens betete ich, dass zufällig ein anderer Harry sich zur genau gleichen Zeit in diesem beinahe menschenleeren Geschäft befand und gleich antworten würde. Die Entgegnung blieb aber aus und die geringe Hoffnung auf andauernde Verschwiegenheit verpuffte so schnell wie sie gekommen war. Ich atmete tief ein als ich mich schwerfällig in die Richtung drehte, aus der die Stimme gekommen war. Noch mehr Personen, die mich kannten, dessen Gesichter mir jedoch keinerlei Anhaltspunkte geben würden... Bitte nicht.

Ein junges Mädchen stürmte unvermittelt auf mich zu und bevor ich sie nur richtig ansehen konnte, hatte sie ihre Arme bereits um meine Hüfte geschlungen. Ich gab mir alle Mühe, mir meine momentane Anfälligkeit nicht ansehen zu lassen, da ihr kindliches Kichern und überschwängliches Auftreten irgendetwas in mir in Gang setzten, etwas, das ich nicht recht beschreiben konnte.

Es war irgendwie süß. Das Mädchen ging mir nicht einmal bis zur Brust. "Wieso warst du so lange nicht mehr bei uns?", fragte sie fiebrig.

Ich starrte in ihre Augen als sie sich kurzerhand von mir löste und vergaß kurz das ganze Chaos in meinem Kopf- ich glaubte nie an eine gewisse Kraft von Farben beziehungsweise einem Wahrheitsgehalt hinter Farbsymbolik, aber in dem Moment schien das Blau mich mit seiner Ruhe in den Bann zu ziehen. All meine Muskeln, von denen ich nicht einmal gespürt hatte, dass sie angespannt waren, lockerten sich, die Hektik und all der Stress schienen wie vom Erdboden verschluckt. Ich sah die Ausdehnung des lichtdurchtränkten Sommerhimmels sowie die unergründliche Tiefe des Ozeans und wusste nicht, warum, aber ich war mir absolut sicher, dass ich sie kannte, sie und diese faszinierenden Augen. "Und wieso hast du deine Haare geschnitten? Ich fand sie immer so toll."

"Ich wollte die langen Haare nicht mehr.", reagierte ich endlich und tat als hätte ich ihre erste Frage überhört. Ich meine, ich wusste nicht, wie sie hieß, geschweige

denn, woher ich sie kannte, demnach konnte ich es kaum beantworten ohne ihr einen detaillierten Einblick in meine Patientenakte zu geben und darauf konnte ich gut verzichten.

Albern schüttelte sie ihren Kopf und probierte sich an einem halbherzigen Schmollen, das durch Gelächter verformt wurde. "Wärst du häufiger bei uns gewesen, hätte ich dich davon abgehalten." Das erste Mal seit Tagen zogen sich meine Mundwinkel ohne Hilfe ein Stückchen nach oben, dass man sicherlich meinen konnte, dass ich lächelte.

"Ich kann sie ja wieder wachsen lassen."

Nostalgisch schnaubte sie und ließ sich zu der Bemerkung hinreißen, dass ich unbedingt wiederkommen müsse. "Wir vermissen dich alle so, so doll, vor allem Lou."

Ehe ich ihre Worte richtig zur Kenntnis nehmen konnte, erspähte ich eine sichtbar erschöpfte Frau durch die Gänge eilen, die innehielt als unsere Blicke sich für den Bruchteil einer Sekunde kreuzten.

Ein weiteres Mal hörte ich sie meinen Namen rufen, mit dem Unterschied, dass es nicht das kleine Mädchen vor mir war, sondern jenes, das mir wohl mit demselben Enthusiasmus ihre Arme um den Bauch schlang.

Das Geklacker von Stöckelschuhen kam immer näher.

Ich schien die Welt nicht mehr zu verstehen als ich auch ihr ins Gesicht sehen konnte. Kurz dachte ich, nun endlich den Verstand zu verlieren derweil ich die Existenz von Doppelgängern bis hin zu einem Sehfehler in Betracht zog. "Ich hätte dich fast nicht erkannt.", ließ auch sie nicht unerwähnt und schien mich nahezu inspizieren zu wollen. "Ohne deine Locken siehst du so anders aus." Als sich daraufhin auch die Frau sich zu Wort meldete, konnte ich guten Gewissens behaupten, dass mein heutiges Maß an zwischenmenschlichem Kontakt bis ans Äußerste aufgebraucht war. "Jetzt überfallt ihn doch nicht so, Mädels.", besänftigte die Frau die beiden Kleinen und legte ihnen ihre Hände auf die Schulterblätter, weswegen ich in ihnen auf einmal eine Mutter mit ihren Töchtern, die sich zum Verwechseln ähnlich sahen, erkannte. Das eine Mädchen hob erfreut ihren Kopf, um ihre Mum anzusehen und verlieh ihrer guten Laune mehr Wirkung, indem sie anfing zu sprechen, wie unglaublich das denn sei, mich heute hier zu treffen. "Ich freu mich auch riesig.", meinte die Frau, um den Redefluss ihres Mädchens in Schach zu halten, fing gleichzeitig jedoch auch an zu lächeln derweil ihre Augen auf mir lagen. "Nur glaube ich, dass Harry gerade ein wenig Ruhe braucht." "Alles gut." So charmant wie ich war, konnte ich gar nicht anders als meine Verneinung mit einer Handbewegung zum Ausdruck zu bringen. Eine der Kleinen unterbreitete, dass sie mich dann ja doch zu sich einladen können, woraufhin ihr Zwilling stracks nickte und so goldig die beiden auch waren, war ich der Frau unendlich dankbar dafür, dass sie eingriff.

Im selben Augenblickt fragte ich mich, ob sie von meiner seelischen Beschaffenheit wusste- was eigentlich ziemlich unübersehbar war. Sonst hätte sie nicht ihre Töchter bestimmt nicht unterbrochen, oder? Wenn dem so sei, so stand der Fall jedoch noch offen, warum sie mich nicht besucht hatten oder wieso meine Mutter sie mit keinem Wort erwähnt hatte. Beispielsweise bin ich Wochen nach meiner körperlichen Genesung ständig Fotobücher mit meiner Mum durchgegangen, um mir all die Gesichter meiner Familie, Freunde und engeren Nachbarn bewusst zu machen und

zu probieren, mir ihre Namen zu merken. Auch wenn sie mir bekannt vorkamen, konnte ich schwören, sie in keinem der Alben gesehen zu haben. "Das hat keine Eile.", wandte die Frau ein und fügte im belehrenden Ton hinzu, dass sie außerdem noch eine Menge erledigen und einkaufen mussten, ganz gleich wie ich.

Zögerlich senkte und hob ich den Kopf, um ihr planlos zuzustimmen.

Ihre kurze Niedergeschlagenheit bereitete mir solche Bauchschmerzen, dass ich ohne langes Überlegen ergänzte, dass ich ja vielleicht mal vorbei kommen könnte- sobald ich irgendein verfluchtes Licht am Ende des Tunnels erkannte. "Du bist jederzeit herzlich eingeladen." "Danke."

Sanft lächelte sie mich an bevor sie sich ihren Kindern hingab.

"Na dann kommt."

Die Mädels wanken mir zum Abschied und ihre Euphorie hinterließ ein Kribbeln in meinen Kieferpartien.

Ich schaute ihnen hinterher.

Selbst als sie durch die Tür verschwunden waren, stand ich dort untätig rum und starrte ins Nichts.

Mit einem Schlag fiel es mir wie Schuppen von den Augen.

Ich sah das Blau ihrer Augen bildlich vor mir und das Herz in meiner Brust schwoll gemächlich an.

Lou.

Remember You I Larry StylinsonGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt