Zügig eilte ich aus der Schule während ich meine Kapuze aufsetzte und sie mir halb ins Gesicht zog, da der Wind mir kalt über die Haut peitschte. Mit meinem Tempo und dem Rumoren Mutter Naturs wär mir Louis, der versuchte Schritt zu halten, fast nicht aufgefallen. Erst als er mich mit einem atemlosen "Hey" begrüßte, fiel mein Blick auf den Jungen, dessen Haare in alle Richtungen wehten. Ich hatte nicht damit gerechnet, ihn heute noch einmal zu sehen- echt nicht. Entsprechend spürte ich auch schon, wie sich die Unruhe in mir breitmachte und mich mit ihren Erschütterungen und ihrem Gerüttel wie der Luftstrom die Bäume durchwühlen wollte.
"Hey.", antwortete ich. Die ganzen letzten Tage kamen ununterbrochen abgezehrte Bilder hoch, wobei eines überflüssiger als das nächste zu sein schien. Selbst nachts blieb es mir nicht erspart. Videosequenzen bis hin zu knisternden Tonaufnahmen schlichen sich in meinen Kopf und die Tatsache, dass sie nicht der reinen Fantasie entsprungen sein konnten, frustrierte mich. Es verärgerte mich, weil Louis Gesicht sowie Louis Stimme wohl in nahezu jedem Flashback zu sehen oder hören war. Es regte mich auf, da mein Kopf gegen mich zu arbeitete, mich provozierte, mit einzelnen Fetzen ohne Sinn und mich mit jedem augenscheinlichen Lichtblick weiter in den Wahnsinn treiben wollte und dies in gewisser Weise auch schaffte. Ich hatte immer noch keinen blassen Schimmer, wie mein Leben aussah, bevor es den Bach herunter ging und ich den Faden verlor- ich hatte nicht die leiseste Ahnung, wie sich mein Selbst am besten beschreiben ließ, genauso wenig wie wer ich überhaupt war.
Louis ließ mich wieder in der Gegebenheit ankommen als er sich zu Wort meldete. "Ich wollte fragen, ob du Zeit hast.", sagte er und blitzartig lagen meine Augen auf ihm. Ehe nur ein kleiner Zweifel aufkommen konnte, hatte mein Mundwerk sich bereits selbstständig gemacht und ohne meinen Verstand direkt bejaht. Ich sah ihm seine Verwunderung genauestens an, denn er hatte höchstwahrscheinlich damit gerechnet, dass ich ihn wieder zurückweisen würde- dennoch konnte man es ihm schwer übel nehmen, denn ich ursprünglich eigentlich auch. Die Worte, die er sich bestimmt vorher zurechtgelegt hatte, sobald er eine Abfuhr meinerseits erhalten hätte, verpufften als sein Mund sich kurzzeitig verschloss, nachdem die Sätze und Argumente stumm in der kühlen Luft hingen. Ich sah in seinem Angebot jedoch die Möglichkeit, dieses Chaos zu beseitigen anstatt weiterhin wahllos Aufnahmen ohne Hintergrund zu beleuchten und sie in das leere Buch meines Lebens zu kleben. Es kostete ihn sicherlich eine enorme Mühe, den Mund zu halten, dachte ich als sich schon ein Lächeln auf seine Lippen legte, das mich vom Gegenteil überzeugte. Er schlug vor, den naheliegenden Park aufzusuchen, da dort eine Bank stehen würde und dieser generell weniger besucht sei. "Klingt gut.", schloss ich mich an während wir nebeneinander hergingen und die Stille uns besuhlte. Das, obwohl mir doch so viele Sachen auf der Zunge brannten. Ich konnte nichts dafür, dass mein Blick den ganzen Weg über immer wieder unbewusst auf ihm lag. Für den Kontrollverlust meiner Gefühlswelt, besser gesagt für den aufkommenden Neid - konnte ich auch rein gar nichts. Seine Ruhe war wie ein Gegenstück zu meiner kontinuierlichen Zerrissenheit.
"Kann ich dich was fragen?", entwischte es mir frei heraus, ohne wirklich eine direkte Frage im Kopf zu haben. Automatisch sagte er zu als er hinzufügte, dass ich nun alles fragen konnte, was ich wollte und er lediglich antworten würde ohne großartig abzuschweifen. "Ich versuche es zumindest.", hatte er seinen Vorschlag lachend abgeschlossen, woraufhin ich zustimmend den Kopf senkte während ich all die Fragezeichen versuchte nach Wichtigkeit zu ordnen, um irgendeine Art von Struktur in dem heillosen Durcheinander zu bewahren. Vollkommen bescheuert, ich weiß.
Bevor ich mich für eine gute Einstiegsfrage entscheiden konnte, entdeckte ich vor uns einen kleineren Fluss, dessen Wasser ein trübes Grau angenommen hatte. Eine Bank, dessen Holz langsam an Farbe verlor, stand dort verlassen und schien abgeschieden. Ein rot schimmernder Zaun umkreiste den Bereich und ließ ihn nur noch abgesonderter erscheinen. Ich spürte das Scheppern meines Gedächtnisses, das versuchte, dem Ort Dinge oder Personen zuzuschreiben und nahezu krampfhaft beäugte ich den Park, auf den wir zuliefen. "Ich war schon mal hier.", entfloh es mir gedankenverloren. Meiner Aufmerksamkeit nach zu urteilen, erwartete ich, dass die Bank oder vielleicht einer der Grashalme mir antworten würde, indessen war es Louis, der ungewollt anfing zu lachen. Verwirrt schaute ich ihn an als er amüsiert feststellte, dass ich passiv gegen das Prinzip des Fragens rebellieren würde, was meiner Ratlosigkeit nicht wirklich entgegenwirkte. Bevor ich verstand, was er damit ausdrücken wollte, ging er auf den Inhalt meiner Äußerung ein. "Du warst schon häufiger hier.", vermerkte er und sah selbst zur morsch erscheinenden Bank. Er griff nach dem Türknopf eines Durchgangs, der mir bis eben noch gar nicht aufgefallen war, um eintreten zu können. Er wies mich mit einem einfachen Nicken an, vor zu gehen, weshalb ich vortrat, um mich schließlich auf die Bank zu setzen. Kurz danach hörte ich das Zuziehen des Gitters, dicht gefolgt von Schritten und dem Streifen von Louis Arm als er sich neben mir Platz nahm.
"Was ist meine Lieblingsfarbe?"
Ich dachte, er würde wieder lachend und ein Kommentar ablassen, in dem er über meine Belanglosigkeit oder den geschmeidigen Themenwechsel grinste. "Orange.", sagte er bloß und bestätigte damit einer meiner Hirngespinste. Im selben Moment nahm ich mir vor, demnächst irgendetwas in der Farbe zu kaufen, vielleicht einen Pullover oder eine Wollmütze. Mir schien es suspekt, warum ich kein oranges Kleidungsstück besaß, denn darin hatte er Recht, mögen tat ich sie ungemein.
"Meine Lieblingsjahreszeit?"
"Auch wenn du es meist strikt vermieden hast, dich diesbezüglich auf einen Zeitraum festzulegen.", äußerte Louis sich während er das Gewässer mit seinen Blicken zu verschlingen schien. "Du bist irgendwie immer ein Herbstmensch gewesen. Du liebst es, wenn die Blätter der Bäume anfangen, sich bunt zu färben genauso sehr wie deine ganzen Pullis vom Dachboden zu holen."
Tatsächlich hatte meine Mum mir letztens erst gesagt, wo ich meine ganzen Sweater und Hoodies deponieren würde, dass ich schließlich mit einer ziemlich großen Tüte, die eher einem gigantischen Müllbeutel glich, die fragil aussehende Holztreppe herunter stolperte und all die Sachen mit dem wohl glücklichsten Lächeln gegen kurzärmlige Teile umgetauscht hatte.
Mich beschlich das Gefühl, dass er Recht haben würde, egal was ich ihn fragte. Es war einfach eine Art Ahnung. Ich fragte ihn, was mein Lieblingsessen war und welchen Film ich am liebsten schaute. Als ich fragte, was meine Hobbies seien, erwähnte er, dass ich gerne lesen und zeichnen würde während ich Musik hörte, was mich zufrieden lächeln ließ, da ich sofort an die unzähligen Bleistiftzeichnungen denken mussten, die sich unter meiner Schreibtischunterlage verbargen. Ich wollte wissen, was für Musik ich denn gerne hörte und von welcher Band ich am liebsten Merch haben wollen würde. Dass eine Bandname aus mehr als zwei zusammengesetzen Wörtern bestand, war mir bis zu dem Zeitpunkt fremd gewesen- obwohl drei auch noch im Bereich des Möglichen lagen, siehe Guns 'n Roses (wobei es sich meiner Meinung nach auch darüber streiten ließe, inwiefern das gekürzte and ein Wort darstelle). Doch als Louis mir erzählte, ich sei ein fanatischer Hörer eines Musikduos, das einen vollständigen Satz im Namen trage, sah ich ihn verdattert an. Zunächst nahm ich an, er hätte mich falsch verstanden und würde mir die Geschichte auftischen wollen, wie ihn seine liebsten Musiker gefunden hätten, dass es sich bei I don't know how but they found me um eine amerikanische Zwei-Mann-Band handelte, glaubte ich erst als Louis mir eins ihrer Lieder zeigte. "Du hast sie mir damals gezeigt, nachdem wir uns erst einmal gesehen hatten.", erinnerte sich Louis schief lächelnd als ich wirklich Gefallen an den fröhlichen Tönen mit irgendwie melancholischem Liedtext fand. "Du meintest, es sei eine Sünde, sie nicht zumindest einmal gehört zu haben." "Das hab ich gesagt?" Ungewollt entwich mir ein amüsiertes Lachen bei der Vorstellung daran und Louis Augen schnellten zu mir derweil seine Mundwinkel sich weiter nach oben zogen. "Das hast du gesagt.", erwiderte er. "Ich dachte, du schlägst mich mit deinen Kopfhörern als ich ein viertes Mal nachfragte, wie die Band nochmal hieß." "Berechtigt." Neckend zog ich eine Braue hoch, was ihn nur noch lauter lachen ließ und ab da wurde ich den Gedanken nicht los, dass das richtig war. Ich wurde den Gedanken nicht los, dass Louis und ich echt waren, wir uns diese Freundschaft zwischen uns. Ich war mir sicher, dass er jede meiner Fragen, von Lebenszielen und größten Ängsten bis hin zu Lieblingsavenger und meinem spirit animal beantworten konnte. So sicher, dass ich beschloss, sie auf ein anderen Tag zu verschieben und stattdessen die Katze aus dem Sack ließ und zu der wohl unangenehmsten und unschönsten Frage kam.
"Was ist bei dem Unfall passiert?"
DU LIEST GERADE
Remember You I Larry Stylinson
FanfictionEs ist schwer, jemanden zu vergessen, der dir so viel zum Erinnern gab. geschrieben von @ItsDizzy und @emuliert
