Schon den ganzen Tag verfluchte ich mich und meine Dummheit. Ich war gestern zu Hause, frei vom Internat, und die Polizisten meinten, das Ryan wieder weitergezogen wäre. Es könnte gut möglich sein, dass er zurück zur Lagerhalle gekommen war. Wieso also bin ich nicht gleich nachdem ich mich von allen verabschiedet hatte, dort hingefahren, wenn ich schon einmal die Chance dazu hatte?! Das war einfach unüberlegt!
„Beca, weißt du die Antwort?“ Fragte mich Mrs. Broderson streng und sah mich durch ihre Brille, die auf ihrer krummen Nase saß an. Etwas neben der Spur sah ich auf und starrte sie einfach nur an. Stimmt, wir hatten gerade Geschichte. Ich war im Internat, und nicht zu Hause. Ich sollte langsam mal in die Realität zurück kommen...
„Beca! Ich habe dich etwas gefragt!“ Sagte sie jetzt etwas lauter und runzelte die Stirn, wobei ihre sowieso schon deutlichen Falten, noch mehr heraus stachen. Einfach nur ekelhaft.
„T-tut mir leid, ich war gerade nicht ganz da.“ Entschuldigte ich mich kleinlaut. Spöttisch sah sie mich von vorne an.
„Ach was?“ Gab sie nur von sich und fragte dann jemand anderen nach der Antwort. Ich schwöre bei Gott, wenn ich hier nicht noch ein knappes Jahr vor mir hätte, würde ich mich nicht so unterkriegen lassen! Aber da soll die alte Hexe nur mal bis zum Ende des Schuljahres warten... Die Pausenklingel erlöste die Klasse von der psychischen Quälerei, die man hier Unterricht nannte, und alle sprangen von ihren Plätzen und stürmten hinaus. Ich dagegen ließ mir Zeit, da ich in den Pausen sowieso nichts zu tun hatte. Generell war das alles hier nicht unbedingt ein spannendes Abenteuer, an das ich mich gerne zurück erinnern würde. Langsam schlenderte ich zum Vertretungsplan, der im Foyer hing und sah mir die Pläne an. Leider keine Ausfälle für mich. Gleich neben dem Plan, entdeckte ich die Liste für die nächsten Ausgangstage. Die Tage, an denen man nach Hause durfte. Voller Hoffnung überflog ich die Daten, doch leider hatte ich auch da Pech. Das nächste mal durfte ich das Internat in knapp zwei Monaten verlassen. Bis dahin wäre Ryan schon wieder weg! Also werde ich nicht nachsehen können, ob er sich vielleicht wirklich in der Lagerhalle befand. Seufzend lief ich hinaus auf den Campus und ließ mich neben einem Baum nieder. Der feuchte Rasen war mir dabei egal. Ich steckte mir Kopfhörer in die Ohren und schaltete die Musik auf volle Lautstärke an. Genüsslich schloss ich meine Augen und entspannte mich etwas. Jetzt weiß ich, wie sich Liz gefühlt haben muss, als sie frisch umgezogen war. Obwohl, ganz so schlimm war es bei ihr bestimmt nicht, da Liz deutlich offener als ich war, und man sich einfach mit ihr anfreunden musste. Völlig in Gedanken versunken, schlief ich fast ein, als mich plötzlich jemand an der Schulter antippte. Erschrocken öffnete ich die Augen und riss mir die Kopfhörer aus den Ohren. Und wen sah ich wohl vor mir in der Hocke? Tony. Genervt sah ich ihn an, während er mich nur schelmisch angrinste.
„Was willst du?!“ Zischte ich und runzelte die Stirn.
„Lass das, dass macht dich alt!“ Meinte er belustigt und zeigte auf meine Augenbrauen. Das brachte mich aber eher dazu, meine Augen zusammen zu kneifen und ihn noch böser an zu funkeln.
