Kapitel 47

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Allies Sicht:

Es war kein langsames Erwachen wie in manchen Filmen, wo das Mädchen irgendwann total romantisch und verträumt die Augen wie in Zeitlupe aufschlägt und mit zerbrechlicher Stimme, leise und schwach, fragt, wo sie sei. Bei mir war es etwas ruckartiger. Es war, als hätte ich zuvor ewig im Schwarzen Nichts geschwebt - vielleicht irgendwo im All - und plötzlich hätte mich die Schwerkraft erfasst und mit aller Macht nach unten gezogen (oder nach oben? Ich weiß es nich. Ich weiß nicht, wo unten und wo oben waren) zurück in meinem Körper. Und dort wachte ich nicht traumhaft Sachte auf, sondern schreckte aus der Bewusstlosigkeit wie aus einem Alptraum. Mit hämmernden Herzen und rasenden Atem. Irgendwie fühlte es sich einen Moment komisch an, so schwer zu sein, nicht mehr schwerelos, doch das ignorierte ich. Ich schaute mich um. Ich lag im Krankenflügel. Warum? Ich weiß es nicht mehr genau... da war doch irgendwas mit einem Ball... In dieser Sekude hörte ich eine Stimme neben mir "Allie". Sie sagte nur meinen Namen und trotzdem löste die Stimme mindestens hunderttausend Emotionen in mir aus. Ich drehte den Kopf zur Seite und schaute in wunderschöne, blaugraue Augen. "Sirius" hauchte ich. Dann beugte ich mich einfach vor und küsste ihn. Er vergrub seine Hände in meinem Haar und erweiterte den Kuss. Und auf einmal vermisste ich das schwerelose Gefühl nicht mehr, denn seine Küsse ließen mich viel leichter fühlen als die Bewusstlosigkeit es je könnte.

Irgendwann im Laufe des Tages kamen Lily, die restlichen Rumtreiber und Dumbledore an. Lily umarmte mich sofort "Süße! Du weilst wieder unter den Lebenden?" Ich erweiterte die Umarmung lachend "Jaja. Ich dachte, euch muss ich noch ein bisschen auf die Nerven gehen". "Schön das du wieder da bist" sagte sie jetzt ernst. Ich nickte und wir umarmten uns noch eine gefühlte Ewigkeit. Irgendwann lösten wir uns voneinander und ich lächelte sie an. Jetzt trat Dunbeldore an mein Bett und schaute mich fragend an "Die wichtigste Frage: Hast du deine Magie noch?". Alle schauten mich jetzt fragend und interessiert an. Nach meinem aufwachen hatten diese Frage wohl alle total verpennt, außer Dumbledore natürlich. Aber machen wir uns nichts vor, ich meine, als ob Dumbledore sowas aus den Augen verlieren würde. Etwas beschämt schlug ich die Augen nieder. Ich hatte diese Frage auch nicht aus den Augen verloren. Obwohl ich die Antwort bereits kannte, streckte ich meine Hand aus und versuchte ein Schutzschild um sie entstehen zu lassen. Nichts passierte. Ich seufzte "Ich habe meine Energie verloren". Betroffenes Schweigen schlug mir entgegen. Im Grude war das ja was positives (diese Magie hätte mich schließlich fast getötet) aber trotzdem war ich irgendwie traurig. Sie war ein Teil von mir geworden. Ich hatte mich daran gewöhnt, immer vorsichtig zu sein. Wusste, dass sich mein Körper in eine Taschenlampe verwandeln konnte. Spürte die ständige Energie in meinem Bauch. Sah die Gefühle und Stimmungen meiner Mitmenschen. Es war wie ein sechster Sinn geworden. Und ohne ihn war die Welt seltsam farblos und trist. 'So müssen sich Blinde oder Taube fühlen' dachte ich traurig. Für mich war es nun zu wenig, wie ein normaler Mensch zu sehen und zu fühlen, weil ich mich an mehr gewöhnt hatte. Ich fühlte mich auch weniger, kleiner, schwacher. Kurz: es fühlte sich bescheuert an. Einfach zu wenig.

Zwei Tage später (an einem Samstag) wurde ich entlassen. Fazit: Ich bin geheilt, habe aber meine Magie nicht mehr. Es fühlte sich komisch an, doch alle waren überzeugt, dass ich mich wieder daran gewöhnen werde und das es so besser ist. Das ich so nicht mehr in Gefahr sei. Geich am benannten Samstag steig ich wieder mit ins Quidditchtraining ein, am kommenden Samstag würden wir gegen Hufflepuff spielen. Ich merkte das ich durch die Zeit des fehlenden Trainings mich verschlechtert hatte und wollte ab jetzt härter trainieren. Auch insgesamt kehrte eher Alltag ein. Sirius und ich waren (und verhielten uns) wie ein normales, frisch verliebtes Pärchen. Lily und ich waren ganz normale beste Freunde. Remus war für mich eine Art Großer-Bruder-Ersatz solange Max nicht da ist und vorallem ein sehr guter Nachhilfelehrer. Durch meine lange Zeit im Krankenflügel hatte ich viel verpasst und das musste natürlich alles nachgeholt werden. So hing ich mich in den Schulstoff und ins Quidditchtraining und nutze jede freie Minute mit Sirius oder Lily. Langsam aber sicher wurde es auch wärmer und die ersten Anläufe des Sommers machten sich bemerkbar. Es war wirklich alles ganz normal - fast zu normal für meinen Geschmack. Ich wartete schon auf die nächste Katastrophe oder auf das nächste Drama. Und wie das in meinem Leben so ist, lässt das nicht lange auf sich warten. Denn am Donnerstag vor dem Quidditchspiel saß plötzlich mein treuer Uhu Phex auf dem Fenstersims in unserem Schlafsaal und hielt einen Brief im Schnabel. Interessiert ging ich auf ihn zu, nahm ihm den Brief ab und gab ihm zur Belohnung einen Krecker. Dann betrachtete ich den Brief genauer bis ich den Absender las. Ich schloss kurz die Augen. Nein, bitte nicht schon wieder.

Damian. Schwarz auf Weiß stand es auf dem Papier. Neugierig, was er wieder von mir wollte öffnete ich den Umschlag. Auf leicht zerknitterten Pergament stand:

Liebe Allie,

Leider musste ich abreisen, aber wie ich hörte, geht es dir jetzt wieder soweit gut. Es tut mir leid, dass du deine Magie verloren hast. Du scheinst sehr an ihr gehangen zu haben. Aber so ist es besser, glaub mir. Falls du dich über diesen Brief wunderst, ich hab ja gesagt, dass ich dir schreiben werde. Es ist einfacher, zu schreiben, als es einem persönlich zu sagen: Ich liebe dich, Allie. Ja, ich habe mich wirder in dich verliebt. Ich habe es bemerkt, als ich spürte, wie eifersüchtig und sauer ich auf Sirius war. Das er dich küssen durfte, mit deinen Haaren spielen durfte, einfach dein Freund sein durfte und darf. Ich wollte das sein. Ich weiß, ich habe dir sehr weh getan, aber er wird dir auch wehtun. Das lässt sich nicht vermeiden, wenn man zusammen ist. Deswegen bitte ich dich, nochmal nachzudenken, ob er wirklich der ist, den du willst. Du musst meine Gefühle nicht sofort erwidern. Alles, was ich momentan will, ist eine Antwort auf diesen Brief. Und das fände ich nur fair, da ich dir gerade meine Gefühle gestanden habe und das nicht kommentarlos bleiben sollte.

Also bitte melde dich!

In Liebe

Damian

Ich weiß nicht aber irgendwie empfand ich es als meine Pflicht, zurück zu schreiben. Ich mein, irgendwie hatte er ja schon recht, er hatte mir eben seine Gefühle gestanden, also begann ich auf Pergament zu schreiben:

Lieber Damian,

Es tut mir leid, aber ich kann es nicht ändern. Ich liebe nun mal Sirius. Inmer wenn ich dich sehe oder von dir höre muss ich wieder an jene schreckliche Nacht denken. Du hast dich inzwischen tausend mal entschuldigt, aber das kann nichts ändern. Egal was passiert, ich werde mich immer erinnern. Also vergiss mich, lass mich, finde ein Mädchen, dass dich von ganzem Herzen liebt. Ich bin definitiv die Falsche.

Lebe wohl

Allie

Ich gab den Brief meinem Uhu Phex und ließ ihn damit losfliegen. Schweren Herzens schaute ich ihm nach. Tat ich wirklich das Richtige? Ich mein, ich weiß wie es ist, unglücklich verliebt zu sein. Jemanden zu lieben, der deine Liebe nicht erwidert. Jeder kennt das doch, oder? Dieser einem Person hoffnungslos verfallen zu sein... Damals auf der Lacrimata war das einmal der Fall gewesen. Irgendwann, nach einem Jahr mit gebrochenen Herzen, gab ich es auf. Und jetzt war ich selber dabei, einer Person das Herz zu brechen. Okay, er hatte mir damals wirklich weh getan, aber im Grunde war ich jetzt nicht besser als alle anderen, oder? Bin ich jetzt ein schlechter Mensch? Lass ich mich auf das selbe Niveau wie Damian und all die anderen Herzensbrecher herab? Andererseits bin ich ja bereits verliebt... Ach, was mach ich hier nur?

In den nächsten Tagen kamen immer mehr Briefe von Damian. In ihnen sanden Sachen wie '...aber ich liebe dich doch...', '...aus uns kann noch was werden...', '...ist er wirklich der, den du willst...', '...vergiss Sirius...' oder '...bitte antworte...'. Doch ich antwortete nicht. Ich ignorierte seine Briefe vollkommen. Teilweise öffnete ich sie nicht mal mehr, sondern warf sie sofort ins Feuer. Während ich das tat, wurde ich wie taub. Seine Briefe wirkten immer verzweifelter. Teilweise konnte man sie durch Wassertropfen - Tränen - nicht mal mehr richtig lesen, da die Tinte verwischte. Jeder seiner Briefe dokumentiere ganz genau, wie ich ihm langsam und qualvoll das Herz brach. Kein kurzer Stich, kein schnelles Ende. Nein, langsam und qualvoll ließ ich ihn ausbluten. Wenn in hundert Jahren jemand diese Briefe finden und lesen würde, würde er sagen 'Was für ein schreckliches, gefühlsloses Mädchen tut einem verliebten Jungen sowas an?! Sie hat keinen Jungen der Welt verdient'. Und wenn ich daneben stehen könnte und mit diesem Jemand reden könnte würde ich sagen 'Ja, sie haben absolut recht'. Ich habe nämlich wirklich keinen Jungen verdient. Keinen Damian der seine Finger für mich wund schreibt und erst recht keinen Sirius, der tagtäglich alles für mich gibt, mir am Laufband seine Liebe gesteht. Er war bis jetzt mein einziger Vertauter, doch mit ihm kann ich nicht reden. Was soll ich denn sagen 'Hey Sirius, Damian schickt mir übrigens minütlich Briefe, in denen er sagt ich soll dich vergessen'. Klar, Sirius würde auf der Stelle Schluss machen. Mit Lily kann ich auch nicht reden, weil ich jetzt schon weiß, was sie sagen wird 'Lass ihn Briefe schreiben, so viele er will. Erinnerst du dich nicht an jene Nacht?! Soll er ruhig leiden, du hast ja auch gelitten'. Das stimmt, das war ja auch von Anfang an so von mir geplant, aber je mehr Briefe ankamen, desto falscher fühlte sich dieser Entschluss an. Und mit allen anderen kann ich nicht reden, weil sie nicht die ganze Geschichte kennen. Außer Sirius und Lily hab ich ja niemandem davon erzählt, was Damian mir angetan hat, also würde auch keiner die Situation verstehen. Außerdem möchte ich es nicht nochmal erzählen, es ist jedes mal so verdammt Schmerzhaft. Also bin ich auf mich alleine gestellt. Mal wieder. Wie immer.

Von Magie und LiebeWo Geschichten leben. Entdecke jetzt