Mit weitaufgerissenen Augen starrte die alte Frau auf die weiße Flüssigkeit, die dort in der Kuhle der ausgestreckten Hand vor ihr in der Sonne glitzerte.
"Was ist das Melanie?"
hatte sie gefragt und abwartend die ältere Frau betrachtet, die ihre Hand ergriffen hatte, ihren Zeigefinger kurz hineintunkte und diesen sich dann in den Mund steckte.
"Das....Engelchen......ist ein Wunder! Komm mit...!"
forderte sie die junge Frau auf die, von deren Aufregung angesteckt,...ihr verwirrt, aber lächelnd hinterherlief.
So schnell es ihre müden Beine zuließen, eilte die alte Frau zur Scheune und wurde kurz vorm Eingang derselben, noch von den besonders zappeligen Ziegen überholt, denen es plötzlich gar nicht schnell genug gehen konnte.
Mit etwas Mühe, weil ihre steifen Finger nicht ganz so schnell waren wie sie es wollte,....gelang es ihr endlich den provisorischen Drahtverschluß zu lösen und das Tor zu öffnen.
Als die Türen aufschwangen und die Sicht auf das Innere der Scheune freigaben,....verharrte sie für einen Moment und starrte Wortlos auf die Stelle, wo der zerbrochene Balken lag, während sich die Ziegen eiligst an ihr vorbeidrängten.
Der Balken,...an dem sie vor gut einer Woche noch, ihr Leid ein und für allemal beenden wollte.
Ein Zittern durchfuhr sie und ihr Atem ging in schnellen, kurzen Stößen.....während sie weiterhin auf diese unsägliche Stelle starrte.
Die Bilder, vom Ursprung ihres finalen Entschlusses,....zogen in immer schnellerer Folge an ihrem inneren Auge vorbei,....
Ihr...Foto in der Zeitung und die Erinnerungen an Früher.
Ihr....wunderschönes Lächeln...
All die Menschen, die von Ihr Abschied genommen hatten....
Die vielen, vielen Blumen die zu Ihren Ehren abgelegt worden waren....
Ihr unvergleichliches Lächeln,....welches sich all die Jahre über, kein bisschen verändert hatte und absolut rein gar nichts von seinem Zauber eingebüßt hatte.
Sie spürte schon die ersten Tränen aufsteigen, als sich eine Wärme wie ein weicher Umhang, um ihre Schultern legte und sie einhüllte.
Die langen Arme der blonden, jungen Frau,...umfingen sie sanft, aber bestimmt,....hielten sie sicher, stützten sie.....und alsbald ließ auch ihr Zittern nach und sie lehnte sich mit einem erleichterten Seufzen in die beruhigende Umarmung hinein.
"Ich helfe dir Melanie!" sagte die große Frau leise und rieb ihre Wange sanft an die, der älteren Frau vor ihr.
"J....ja....das....das tust du...!" erwiderte diese ebenso leise und nach einigen tiefen Atemzügen, löste sie sich schließlich aus der Umarmung, strich der jungen Frau flüchtig über deren Wange, wandte sich um und blickte in die Himmelblauen Augen die sie besorgt betrachteten.
Betont energisch, stemmte sie ihre Hände in ihre Hüften und grinste sie schief an.
"Komm mit.....ich zeige dir jetzt mal, wie man Ziegen melkt. Dann gibt es zur Abwechslung mal Milch, statt Wasser zu trinken!"
Eifrig und voll neugefundener Energie, zog sie die junge Frau hinter sich her in die Scheune und hin zu der Stelle, die bis letzten Freitag noch der Stall der beiden Ziegen gewesen war.
Für einen kurzen Moment lang überkam sie ein beklemmendes Gefühl, als sie den dreibeinigen Schemel in die Hand nahm und zurechtrückte.....!
Bevor sie sich jedoch weiter in den Gedanken von letzter Woche verlieren konnte, brachte sich Marianne laut kreischend zurück in Erinnerung und mit einem bestimmten Kopfschütteln, wischte sie diesen trüben Gedanken beiseite und nahm Platz.
****
Wieder einmal stellte die alte Frau erstaunt fest, wie schnell ihr junger Gast lernte und wie geschickt sie sich dabei anstellte.
Nachdem sie ihr mit Marianne demonstriert hatte wie das Melken einer Ziege funktionierte, tauschten sie anschließend den Platz und die große Blondine versuchte ihr Glück mit Louise, die Heukauend sie auf Ziegenart anlächelte.
Nach anfänglicher Hilfestellung der alten Frau, hatte sie nicht nur recht schnell den Bogen raus, sondern den Eimer auch fix voll und lachte sie voller Stolz an als sie sich schließlich, nachdem auch Louise abgemolken war, aufstand.
DU LIEST GERADE
Amor Celeste BAND 14 (Karma Teil 1)
RomanceDas sich diese beiden Frauen begegnen, konnte man wohl als divine Intervention bezeichnen. Eine jede aus ihrer jeweiligen Gesellschaft ausgestoßen, führt der Zufall, oder das Schicksal, oder wer weiß schon wer, die beiden zusammen. Sich gegenseitig...
