Beim Essen hatte zum Glück niemand bemerkt, wie es in mir aussah. Meine Gefühle waren versteckt geblieben. Zumindest für die meisten. Vaughn hatte seit dem auch nicht mehr die Hand auf meinen Schenkel gelegt.
Vielleicht wusste auch er, welche Auswirkungen es haben würde, sollten wir das wirklich tun. Immer wieder hatte ich nachgesehen, ob er einen Beweis für unsere Lust aufwies, doch zum Glück war dieser Beweis noch während dem Essen verschwunden.
Mein Blick war auch immer wieder zu Dec und Rocco gefallen. Etwas hatte sich erneut zwischen den beiden geändert. Dejan wich seinem Blick öfter aus, als ihn wirklich anzusehen und Rocco schien nicht zu wissen, was er verbrochen hatte. Bei Dejan konnte man das manchmal nicht wissen.
Er tat Dinge, weil er sie tun wollte, nicht weil sie unbedingt Sinn ergaben. Manchmal waren seine Reaktionen mehr als komisch. Das gab ich zu. Dejan musste allerdings selbst wissen, was gut für ihn war und was nicht. Das musste er einfach.
Zumindest lenkte es mich von der Lust ab, die sich langsam wieder zurückzog und anderen Gefühlen in meinem Körper wieder Platz ließ. Besonders, da ich wusste, dass wir nicht mehr lange bleiben könnten.
Denn ja, es gäbe hier Kajüten für Dec und mich, doch ich wusste, dass Dejan sicher nicht vorhatte hierzubleiben und ich eigentlich ja auch nicht. Auf der anderen Seite klang der Gedanke, in meiner Kajüte zu schlafen, mehr als verlockend.
Nun saß ich zwischen zwei Stühlen. Hin und her gerissen von dem, was richtig war und was nicht. Mein Herz sagte mir, dass ich hier schlafen sollte, mein Kopf sagte mir, dass es dafür noch viel zu früh war und die Reaktion meines Körpers zeigte, dass ich nicht auf diese Idee kommen sollte, weil man mir noch nicht vertrauen konnte.
Nach dem Essen, so schwer es mir auch fiel, entschied ich mich dafür, mit Dejan mitzugehen. Er wirkte genauso überrascht wie ich, denn er blinzelte ein paar Mal, ehe er nickte.
Vaughn und die anderen schienen nichts anderes erwartet zu haben. Vaughns Mund allerdings war zu einer schmalen Linie verzogen und in seinen eisblauen Augen schien Enttäuschung aufzuflackern. Auch etwas, was ich ihm nicht verübeln konnte. Ich konnte es ihm nicht verübeln.
Der Gedanke, ihn jetzt so hier zu lassen, gefiel meinem Herzen nicht, doch womöglich war es so gut, denn sonst würde die Lust wieder aus ihrem Schlaf erwachen und Dinge tun, für die ich vielleicht doch noch nicht bereit war.
Das kleine, schlagende Etwas in meiner Brust krampfte sich zusammen, wand sich und schmerzte bei diesen Gedanken. Aber ich musste es tun. Weil ich noch nicht bereit war. Tief in mir wusste ich, wieso ich noch nicht wirklich bereit war.
Da waren Dinge, die ich vorher erledigen musste. Dinge, mit denen ich mich vorher auseinandersetzen musste. Diese Dunkelheit in mir kam durch die anderen und ihre Worte. Sie beeinträchtigte mich und ich musste es ohne Vaughn schaffen, mich schön zu fühlen. Mich sexy zu fühlen.
In dieser Hinsicht musste ich das für mich selbst tun. Alleine. Musste vergessen, was die anderen über mich gesagt hatten und musste es hinter mir lassen. Und ich wusste auch schon den ersten Schritt.
Zurück in der Wohnung kramte ich entschlossen ein Papier hervor, setzte mich an den Tisch, schnappte mir einen Stift und begann zu schreiben. Die Spitze kratzte schnell über das Papier, während die Worte wie in einer Flut aus mir herausflossen.
All die Gedanken, all die Worte, die ich die ganze Zeit über ihnen gegenüber hinuntergeschluckt hatte, wollten hinaus und obwohl dies nicht in eine Kündigung gehörte, schrieb ich sie auf den Zettel. Nicht für sie. Sondern für mich. Weil ich sie loswerden musste. Musste sie aus dem Pulverfass entfernen, in dem sie gelandet waren.
Je mehr die Spitze über das Papier kratze und je mehr tintenblaue Wörter entstanden, desto besser fühlte ich mich. Desto freier fühlte ich mich. Die Welt war in diesen Momenten heller geworden. Besser. Freundlicher.
Die Sonne war zwar bereits vom Himmel verschwunden und tauchte die Welt schon in ein dunkles Licht, doch für mich war es wunderbar hell. In meinem Inneren schien ein Druck zu fehlen. Stattdessen fühlte ich mich sonderbar befreit. Es fühlte sich gut an. Zu schön, um wahr zu sein.
Wortlos reichte mir Dejan einen Umschlag, den ich beschriftete. Ich wusste, dass die Kündigung erst in einem Monat in Kraft treten könnte. Wusste, dass ich nur dann wirklich gehen konnte.
Dumm aber war ich nicht. Sie mussten mich auszahlen, weswegen ich mich auch einfach noch einmal krankmelden konnte. Zudem hatte ich noch genug Reserven, die mich retten würden. Von daher machte ich mir keine Sorgen darüber, ob das Geld fehlen würde oder nicht. Es war mir so gut wie egal.
Lang genug hatten sie mich nun gemobbt, waren auf mir herumgetrampelt, egal was ich getan hatte. Meine Leistung war nie gut genug gewesen.
Jetzt hatte ich einen Schlussstrich gezogen. Hatte dieses Kapitel beendet. Und morgen würde ich den Brief zur Post bringen. Jetzt war damit Schluss. Nie wieder würden sie so auf mir herumtrampeln und nie wieder würde ich das zulassen.
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Das Rätsel des Vertrauens
RomanceAbgeschlossen Sita kann Vaughn nicht ausstehen. Was daran liegt, dass ein Vorfall, der in der Vergangenheit liegt, die Zukunft der beiden überschattet. Bis jetzt hat sie es ganz gut geschafft ihm aus dem Weg zu gehen, doch eine verpasste Fähre nach...
