Epilog

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13 Monate später

     Nervös sah ich auf mein Handy. Seit zwei Tagen hatte Vaughn mir nicht mehr geschrieben oder mir angerufen. Beim besten Willen wusste ich nicht, was ich davon halten sollte. Ich wusste es einfach nicht. Für mich machte das absolut keinen Sinn. Denn er hatte mir versprochen immer zu schreiben.
     Auf der anderen Seite wollte ich aber nicht, dass die Zweifel in mir wuschen. Denn mir war klar, dass Vaughn mich liebte. Das hatte das letzte Jahr gezeigt. Er war sogar ab und zu vor dem Sommer für ein paar Tage hierhergekommen und hatte mir verraten, wie seine Pläne für die Zukunft aussahen.
     Er wollte hier leben und würde das auch können. Seine Firma war damit einverstanden, dass er von hier aus arbeitete, er müsste nur vielleicht ein paar Mal im Jahr dorthinfliegen. Das meiste konnte er von hier erledigen und die Firma sah darin auch eine Chance, im Ausland zu expandieren.
     Zu genau wollte ich darüber nicht nachdenken. Ich traute mich nicht. Wagte mich nicht mir zu viele Hoffnung zu machen. Aus Angst, dass sie doch zerstört werden könnten.
     Mein Blick glitt zu Dejan, der gerade bei Damir stand und sich mit ihm über Boote unterhielt. In den letzten 13 Monaten hatte er sich wieder öfter bei mir gemeldet, doch bis dato war er nicht mehr auf Rocco eingegangen.

      Im Sommer war er nicht hierhergekommen, da er gewusst hatte, dass Rocco da sein würde. Rocco war die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben gewesen, doch das hatte nichts gegeben, was ich hatte tun können. Rein Garnichts. Alles, was ich hatte tun können, war zu warten. Mehr nicht.
     Momentan putzte ich mein Boot und versuchte die Schäden des letzten Sturms zu beseitigen. Blätter, Müll und andere Dinge waren durch den Wind im Boot gelandet. Zumindest hatte ich so eine Beschäftigung.
     Meine Gedanken drehten sich trotzdem, weil ich immer wieder einen Blick auf mein Handy warf, doch es keine neue Nachricht gab. Keine neue Nachricht... das war wohle in Witz. Ich wusste nicht so recht, was ich davon halten sollte. Ich wusste es nicht.
     Stattdessen versuchte ich also mich abzulenken, was auch nicht unbedingt gut klappte. Das Putzen hielt mich zwar auf Trapp, lenkte mich aber nicht vollkommen ab. Damir und Dejan hatten mir schon sehr geholfen und nun kümmerten sie sich darum, das Verdeck zu trocken, dass auch unter den Sitzen sehr nass geworden war.
     Ich war also nicht allein. Die Arbeit schien mich dennoch nicht gut genug abzulenken, denn ich sah immer wieder zum Handy. Seufzend richtete ich mich auf, wischte mir mit der Hand den Schweiß aus dem Gesicht und sah mich um.

     In diesem Moment wankte das Boot, was mir sagte, dass es jemand betrat. Ehe ich mich umsehen konnte, lagen zwei Hände auf meinen Schultern und wirbelten mich herum. Als ich diese eisblauen Augen erblickte und diese vollen Lippen, die zu einem Lächeln verzogen waren, glaubte ich im ersten Moment zu träumen.
     Mehrmals blinzelte ich um mich zu vergewissern, dass Vaughn auch wirklich vor mir stand, weil das für mich nicht wirklich wahr sein konnte. Doch da stand er. Leibhaftig. Ein Quietschen drang über meine Lippen, ehe ich mich in seine Arme warf.
      Sein Lachen vibrierte an meinem Körper und ging mir durch Mark und Knochen. Vaughn hielt mich ganz fest umschlungen. So fest er konnte. Und ich liebte es. Liebte es, dass er mich so festhielt.

     »Ich hab dich vermisst«, hauchte ich.
     »Ich hab dich auch vermisst«, erwiderte er und drückte mich noch fester an sich.

     Sein Geruch umhüllte mich wie ei Kokont und sorgte dafür, dass ich mich sborgen fühlte. So etwas konnte nur Vaughn bei mir bewirken. Tief versuchte ich in seinem Geruch zu versinken und kuschelte mich noch enger an ihn. Seine Arme hielten mich fest umschlungen, während die anderen vermutlich irgendwo am Steg standen.
     »Hast du dich deswegen nicht gemeldet? Weil du mich überraschen wolltest?«, fragte ich leise in seine Brust.
     Wieder spürte ich sein Lachen, dann löste er sich leicht von mir, um mich ansehen zu können.
     »Also eigentlich habe ich mich nicht gemeldet, weil mein Handy kaputt ist und ich zwar ein neues habe, doch ich habe alle Nummern verloren und konnte dich nicht anrufen. Ich habe jetzt auch eine neue Nummer, weil alles im Handy Schrott war. Ist ziemlich blöd gelaufen.« Er kratzte sich am Nacken und schien für einen Moment unsicher zu sein, ob er damit nun alles kaputt gemacht hatte. Doch ich lächelte ihn nur an.
     »Das macht nichts. Wirklich nicht. Wie lange bleibst du hier?«

     Meine letzte Frage ließ ihn grinsen. »Ich bin nicht zu Besuch hier.«
     Nun war ich verwirrt und runzelte die Stirn. »Du bist nur auf der Durchreise?«
     »Nein. Ich bin nicht auf der Durchreise, Sita. Ich bleibe hier. Also vorausgesetzt ich kann heute in die Wohnung rein, die ich mir gekauft habe.«

     Ich blinzelte und starrte ihn an, als käme er vom Mond. Seine Worte hörten sich im ersten Moment an, als würden sie aus einem Traum kommen. In Kroatien eine Wohnung zu kaufen oder zu mieten war für Leute, die nicht von hier waren, nicht besonders einfach. Was bedeuten musste, dass er... dass er...
     »Du kannst hier leben? Du... du hast es geschafft?«, murmelte ich, total perplex. Vaughn aber nickte und grinste mich breit an. Noch immer konnte ich es nicht fassen. Konnte es nicht glauben.
     »Du hast mich jetzt für immer an der Backe, Sita.«
     Ein Lächeln legte sich auf meine Lippen. »Mal sehen wie lange ich es mit dir aushalte.«

     Vaughn lachte. »Hoffentlich sehr lange. Denn ich habe nicht vor wegzugehen.«
     Das Lächeln auf meinen Lippen tat bereits weh, doch es war mir egal. Stattdessen lächelte ich ihn noch breiter an.
     »Das muss ich mir noch überlegen.«
     Vaughn schüttelte lachend mit dem Kopf, dann zog er mich näher an sich heran. »Sei nicht so frech.«
     Frech, wie ich sein konnte und gewesen war, bevor Zweifel mich gepackt hatten, streckte ich ihm die Zunge raus. Kaum war sie wieder in meinem Mund verschwunden, küsste er mich. Er küsste mich und ich wusste, dass das hier nicht das Ende war, sondern erst der Anfang unserer gemeinsamen Zeit auf dieser Erde.

Das Rätsel des VertrauensWo Geschichten leben. Entdecke jetzt