Der Wind wurde immer stärker und stärker. Der Regen nahm zu und man erkannte die Hand vor Augen kaum. Vaughn fuhr langsam eine Bucht an, die Laut Navigationssystem gleich in der Nähe war. Das Seewetterdienste zeigten nun etwas ganz anderes an als heute Morgen noch.
Regen und Sturm. Überall. Wir steuerten also die größere Bucht an, in der Hoffnung, dort für eine Weile Schutz finden zu können. Denn das brauchten wir dringend. Schutz. Man erkannte nichts. Nur Grau um einen herum. Man konnte nicht mal mehr den Himmel vom Meer richtig unterscheiden, so stark regnete es.
Die anderen sahen ebenfalls besorgt aus den Fenstern. Wir wurden langsamer und alle gingen auf ihre Positionen. Irgendwo hatten sie Regencapes her, um sich vor den Wassermassen zu schützen. Wobei ich sagen musste, dass es wohl nicht viel helfen würde. Zumindest war das meine Meinung.
Das Wasser kam im Strömen vom Himmel und war nicht aufzuhalten. Egal, wie man sich anstrengte. Vaughn drehte die Yacht ich hörte dumpf, dass sie Befehle über Deck brüllten oder per Walkietakie sich unterhielten.
Dann, irgendwann, nach einer gefühlten Stunde, war der Motor endlich aus und alles legte sich langsam zur Ruhe. So kam es mir zumindest vor. Schritte erklangen und Vaughn kam von oben herunter. Seine Haltung wirkte angespannt, doch da lag ein kleines, wenn auch feines Lächeln auf seinen Lippen.
»Tut mir leid, dass es länger dauert. Du möchtest sicher zu deinem Kumpel.«
Da lag Reue in seinem Blick. Dabei konnte er am wenigstens dafür. Er war losgefahren, in dem Wissen, dass das hier hatte passieren können, doch er hatte es für mich getan.
»Ist schon in Ordnung. Das Wetter kann niemand beeinflussen. Na ja... indirekt tun wir alle das ja aber wir können es nicht ändern, wenn ein Sturm aufzieht.«
Vaughn nickte und schenkte mir wieder ein kleines Lächeln, das leicht gezwungen wirkte. Zumindest hatte es auf mich diese Wirkung, als wäre er sich nicht sicher, wie er mich anlächeln sollte.
»Von hier aus ist es eigentlich nicht mehr so weit, aber ich kann nichts sehen und möchte nichts riskieren. Der Wellengang ist sehr gefährlich.«
»Du musst dich mir nicht erklären. Ich weiß, wie das ist.«
Und wie ich das wusste. Schon öfter war ich an Bord gewesen, während sich ein Regenguss über mich ergossen hatte und ich nichts mehr gesehen hatte. Also war ich in die nächstbeste Bucht gefahren, in der Hoffnung, dass ich niemanden übersah und mich niemand übersah. Es hatte funktioniert.
Bis der Regen nachgelassen hatte und man wieder etwas hatte sehen konnte. Von daher wusste ich, was Vaughn meinte. Es war nun mal gefährlich und man wusste nicht, ob spitze Felsen warteten oder andere Dinge.
Denn das war durchaus möglich. Selbst das Radar, dass Vaughn andere Schiffe anzeigte und sein Tiefenmesser konnten einem manchmal nicht helfen. Es waren kleine Hilfen, die aber auf Dauer nicht alles retten konnten.
»Ich weiß es ist nur... ich wünschte, ich hätte meinen Zeitplan einhalten können, weil ich es dir versprochen hatte.«
Da lag etwas Unausgesprochenes in seinen Augen. Auch so wusste ich, was es war und es versetzte mir einen leichten Stich.
»Du konntest es ja nicht vorhersehen, Vaughn.«
Und es stimmte. Vaughn hatte es nicht voraussehen können. Niemand hatte das können. Natürlich hätte er es mir vielleicht nicht versprechen dürfen, aber er hatte es eben nicht erwartet. Das war kein Grund, sauer auf ihn zu sein.
»Ja aber trotzdem. Vielleicht hätte ich dich auch einfach mit der Fähre fahren lassen sollen.« Und da waren sie. Die Zweifel, die ich erwartet hatte, aber nicht verstand. Diese Zweifel kamen nicht von dem Vaughn, den ich einst gekannt hatte. Stattdessen war das ein komplett neuer Typ. Ein Mann, den ich nicht ganz einordnen konnte.
Auf seinen Schultern schien die Last der Vergangenheit zu ruhen und ich konnte sie ihm nicht nehmen. Jedenfalls nicht ganz. Ein Teil in mir, ein großer Teil, befürchtete, dass Vaughn an dieser Last zerbrechen würde und plötzlich fühlte ich Reue. Reue, weil ich ihn dazu gebracht hatte, so zu denken. Reue, weil ich ihn die ganze Zeit über... als den „Bösen" betrachtet hatte, obwohl er selbst zu kämpfen hatte.
Der Mann, der vor mir stand, war plötzlich nur ein Schatten von Vaughn. Nicht ganz er selbst, aber auch nicht ganz fremd. Ich wusste nicht, wie ich es beschreiben sollte. Ich wusste es wirklich nicht.
Der Vaughn, den ich gekannt hatte, war nicht so gewesen. Niemals. Das zeigte nur, dass ihm der Tod von Lila wirklich zugesetzt hatte und das konnte ich ihm nicht mal verübeln. Mir hatte er auch zugesetzt. Eine lange Zeit hatte ich niemanden an mich herangelassen und hatte nicht gewagt eine enge Bindung zu jemanden aufzubauen, aus Angst, den gleichen Schmerz wieder zu empfinden.
All das, was ich eigentlich hätte tun sollen. All das, was mir eigentlich hätte helfen sollen. Denn der Kontakt zu anderen, der half wirklich. Doch ich hatte es nicht zugelassen. Hatte alle anderen von mir ferngehalten, bis Damir mich aus diesem Loch gezogen hatte und bis heute war ich ihm dafür dankbar. Denn das war das, was mich gerettet hatte. Damir hatte mich gerettet. Damir hatte mir geholfen.
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Das Rätsel des Vertrauens
RomanceAbgeschlossen Sita kann Vaughn nicht ausstehen. Was daran liegt, dass ein Vorfall, der in der Vergangenheit liegt, die Zukunft der beiden überschattet. Bis jetzt hat sie es ganz gut geschafft ihm aus dem Weg zu gehen, doch eine verpasste Fähre nach...
