4. Kapitel

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     Die Stille weitete sich aus und die Zeit wurde bleiern und schwer. Die Zeiger auf Vaughns Armbanduhr schienen sich nicht mehr zu drehen. Ich wusste nicht, was ich sagen sollte. Wusste nicht, wie ich jemals vergessen konnte, was geschehen war. Denn ich sah Lila noch immer vor mir, hörte ihre Schreie selbst manchmal nachts und wünschte mir, es wäre alles anders gewesen.
     »Sie-«, ich musste Luft holen, um das Zittern in meiner Stimme zu unterdrücken und meinen Körper dazu zu bringen, sich zu entspannen. »Sie ist gestorben und hat gedacht, du hättest sie vergessen. Der Arzt hatte kein Recht das zu sagen. Sie hätte dich gebraucht.«
     Ich wusste, dass ich ihm keine Vorwürfe mehr machen sollte, doch auch ich musste sagen, was ich empfunden hatte. Damit er verstand. Damit er verstand, wie ich mich dabei gefühlt hatte.
     »Ich... ich dachte nur, sie würde mich nie wieder sehen wollen und du auch nicht. Und ich wollte sie nicht noch wütender machen.«
     Ich schüttelte den Kopf und spürte, wie eine heiße Träne sich aus meinem Augenwinkel löste. »Das hättest du nicht. Verstehst du das nicht? Sie hat dich mit ihrer ganzen Seele geliebt und hätte dir vergeben. Hauptsache sie hätte dich noch einmal sehen können. Der Arzt hatte kein Recht dazu. Sie hätte dir vergeben und dich so geliebt wie vorher. Sie wollte immer nur dich sehen. Du warst ihr Licht, Vaughn. Und dann hast du das Licht ausgemacht und sie im Dunklen zurückgelassen.«

     Die Bitterkeit meiner Worte schmeckte ich auf der Zunge. Hör auf, tadelte ich mich. Streu nicht noch mehr Salz in die Wunde. Auf der anderen Seite aber tat es gut ihm einmal zu sagen, wie es für mich gewesen war. Für Lila und mich.
     Sie hatte sich jeden Abend in den Schlaf geweint. Die letzten Tage ihres Lebens hatte sie nur geweint, weil sie ihn noch einmal hatte sehen wollen. Weil er e war, der ihr Licht gegeben hatte. Nicht ich. Ich war der kleine Funke für sie gewesen, doch Vaughn das Licht. Mehr hatte ich nicht tun können.
     Und Vaughn war nicht gekommen. Ich hatte ihn nie erreichen können. Egal wie oft ich es versucht hatte. Egal wie oft. Es hatte nicht geklappt.
     Meine Gedanken drohten sich zu überschlagen, während Vaughn vor mir saß und den Tränen freien Lauf ließ.
     Meine Worte hatten ihn getroffen. Meine Worte warfen Messer gewesen, die ich nach ihm geworfen hatte und sie alle hatten ihr Ziel - sein Herz – getroffen.
     »Ich weiß... ich dachte nur, dass er recht hat. Ich dachte, er wüsste, was das Beste für sie wäre. Und ich hatte Angst. Angst die Enttäuschung in ihren Augen zu sehen. Denn das hätte ich nie gewollt. Niemals. Es tut mir leid. Du musst mir nicht vergeben. Ich weiß, dass ich auch dir etwas versprochen hatte und mich nicht daran gehalten habe. Ich habe dich nicht aufgefangen, als es zu viel wurde. Ich habe deinen Körper nicht zusammengehalten und das tut mir leid. Es wird mir immer leidtun. Ich will nur nicht, dass du mich hasst. Ich... ich... es ist egoistisch aber ich kann mir ein Leben ohne dich nicht vorstellen. Ich brauche dich in meinem Leben. Irgendwie. Als Freundin.«

     Der Hoffnungsschimmer in seinen Augen erstrahlte unter der glasigen Schicht aus Tränen. Die Trauer in seinen Augen schnürte mir die Luft zum Atmen ab. Verdammt. Nur er... nur er schaffte das. Nur er konnte meine Gefühle so beeinflussen.
     Mein Herz, das eigentlich hinter harten Stahlwänden versteckt war und das mich seit Monaten, ja seit Jahren nicht mehr erreicht hatte, wisperte mir jetzt zu: Lass ihn rein. Tritt ihn nicht weiter und lass ihn rein.
     Den Teufel würde ich tun. Vaughn wieder in mein Herz zu lassen wäre, als würde ich einen Vertrag unterschreiben, mein Herz zum Zersplittern freizugeben. Dabei wollte ich das nicht. Nein. Ich wollte es nicht. Ich würde und wollte nicht, dass Vaughn diese Macht erneut über mein Herz hatte. Das würde ich nicht überleben. Konnte es nicht überleben. Vaughn würde nie wieder diese Macht über mich bekommen.
     Aber ich war gewillt ihm eine Chance zu geben sich als Freund zu beweisen. Nicht als mein bester Freund, aber als Freund, dem man ab und an mal schrieb und sich mit ihm zum Eisessen traf. Mehr nicht.

     »Okay. Ich gebe dir die Chance dich als Freund zu beweisen. Dann können wir flüchtig in Kontakt bleiben und uns ab und an schreiben, aber zu mehr bin ich nicht bereit.«
     Obwohl meine Worte ihn hätten niederschlagen sollen, lächelte Vaughn, als hätte ich ihm das Universum versprochen. Als hätte ich ihm alles versprochen. Als hätte ich... als hätte ich gesagt, dass morgen Weihnachten wäre.
     »Danke, Sita. Ich weiß nicht, ob ich deine Vergebung verdiene oder deine Nähe. Ich weiß nur, dass ich dich schrecklich vermisst habe.«
     Mein Herz flüsterte: Ich habe dich auch vermisst, mein Mund sagte: »Von Vergebung war noch keine Rede. Ich werde dir die Chance geben dich zu beweisen. Vergeben ist es deswegen nicht und vergessen auch nicht.«
     Vaughn schluckte, nickte dann aber. »Natürlich.«
     Stille senkte sich erneut zwischen uns, wurde aber von einem lauten Donnergroll durchbrochen. Erschrocken stellte ich fest, dass die Wolkentürme rasch näher gekommen waren. Dunkel und grau zogen sich über den orangenen Himmel und verdeckten in kürzester Zeit den schönen Sonnenuntergang. Kurz darauf war nur noch ein graues Wolkenmeer zu sehen, was von Blitzen erhellt wurde.

Das Rätsel des VertrauensGeschichten, die süchtig machen. Entdecke jetzt