Vaughn blinzelte, als hätte ich etwas gesagt, dass keinen Sinn ergab. Vielleicht machte es keinen Sinn. Oder es machte Sinn. Für mich machte es Sinn und das musste reichen. Es musste nur für mich Sinn machen.
»Du... wieso bin ich dir noch so wichtig, wenn ich ein Arsch bin?«, fragte er und meinte es vollkommen ernst. Er schien nicht geglaubt zu haben, dass er mir wichtig sein könnte.
Und ehrlich? Ich hätte auch nie gedacht, dass er mir wieder wichtig werden würde. Denn eigentlich, so hatte ich immer behauptet, hatte ich ihn zum Mond geschossen. Ein für alle mal. So war es zumindest in meiner Vorstellung gewesen.
Deswegen hatte ich auf ihn immer so reagiert. In der Hoffnung, dass er abhauen würde, damit ich ihn vergessen konnte. Doch das konnte ich nicht. Hatte ich nie gekonnt.
»Du warst offen und ehrlich zu mir. Und wir haben gesagt, dass wir Freunde bleiben. Freunde lassen sich nicht im Stich.«
Vaughn sah mich weiter an als käme ich vom Mond. Als hätte ich einen Schlag weg. Vermutlich hatte ich das auch. Andere hätten ihn längst hinter sich gelassen. Ich konnte das nicht. Konnte ihn nicht hinter mir lassen.
Denn er war Vaughn. Vaughn Michaels und ich konnte ihn nicht einfach hinter mir lassen. Das ging einfach nicht. Das würde nie gehen. Oder?
Ich wusste es nicht. Ich wusste nur, dass ich ihm die Möglichkeit geben wollte, sich zu beweisen. Als Freund.
Nicht mehr. Das redete ich mir auch ein. Doch das, was mein Herz in seiner Nähe machte, war alles andere als freundschaftlich. Und die Art, wie er mich ansah... so sah man keine Freunde an. So sah man jemanden an, mit dem man flirtete.
»Aber ich habe dir wehgetan und wenn ich mir Dejans Verhalten ansehe und auch Damirs am ersten Tag muss es heftig gewesen sein. Sehr heftig. Wie kannst du das also hinter dir lassen?«, fragte er und klang dabei mehr als ungläubig. Als wäre ich eine Fatamorgana. Vielleicht war ich das auch. Oder etwas anderes.
In dem Moment kam Dejan aus dem Bad zurück und sah uns beide an. Sah zwischen uns hin und her. Er schien unsicher zu sein, was er davon halten sollte. Sah uns an wie... ich wusste es nicht genau. Ich wusste nur, dass er uns interessiert musterte. Uns beide. Dann lächelte er leicht.
»Störe ich euch?«, fragte er und wartete wohl auf eine Zustimmung. Ehrlich gesagt wusste ich aber nicht, was ich dazu sagen sollte. Wusste nicht, was er dachte.
»Nein«, sagte ich.
»Ja«, sagte Vaughn. Dejan hob eine Braue, dann schüttelte er den Kopf. »Wenn ihr euch nicht einig seid, dann gehe ich. Ich wollte eh gehen. Muss eh einkaufen.«
Und ehe ich sagen konnte, dass wir ihn sicher nicht hatten vertreiben wollen, verschwand er aus der Wohung. Einfach so. Und Vaughn grinste wie ein Honigkuchenpferd, ehe er mich ansah.
»Wieso hast du gesagt, dass er nicht stört?«
Einen Moment dachte ich nach und ging in mich hinein. Horchte in mich hinein. In meine Seele. Versuchte herauszufinden, wieso ich was getan hatte. Bis mir einfiel wieso.
»Weil Dejan hier lebt und wir ihn verscheucht haben. Das ist unhöflich. Und jetzt geht er bei diesem Sturm raus zum Einkaufen. Einfach so«, sagte ich und sah Vaughn an.
Nun verzog auch er den Mund. Für einen Moment hatten wir beide den Sturm vergessen. Hatte das Getöße überhört, dass draußen herrschte und hatten selbst den Wind überhört, der gegen das Haus peitschte. Einfach so.
Und ich wusste nicht, wie ich das finden sollte. Denn wir hatten ihn einfach gehen lassen. Auf der anderen Seite war Dejan alt genug um es selbst zu wissen. Er wusste es gut genug. Und der Einkaufsladen war nicht weit weg. Trotzdem wusste ich nicht, wie ich mich fühlen sollte.
»Willst du ihn wieder zurückholen?«, fragte Vaughn und sein Tonfall verriet, dass er die Frage ernst meinte. Und wie ernst er sie meinte.
»In dieser Hinsicht ist er stur. Glaub mir mal. Er wir uns Zeit lassen. Viel Zeit.« So genau hatte ich das nicht sagen wollen. Denn es erinnerte mich daran, dass Dejan bei dem Sturm lange fortbleiben würde, nur weil er uns Zeit lassen wollte. Und das war... falsch. Einfach falsch. Anders konnte man es nicht nennen.
Denn was hätte das bringen sollen? Mehr Zeit mit Vaughn alleine bedeutete nur, dass... dass ich ihm mehr und mehr verfallen konnte. Immer und immer mehr. Bis nichts mehr von meinem Herzen übrig war. Und dieser Mistkerl wusste das, oder? Vaughn wusste genau, dass ein Teil von mir ihm verfallen war und je mehr er sagte, je mehr er tat, desto mehr würde ich ihm verfallen. Desto mehr würde ich all das vergessen, was einmal war. Würde vergessen, wieso ich mich von ihm hatte fernhalten wollen.
Je mehr Zeit Vaughn mit mir verbrachte, desto besser konnte er sich von mir überzeugen. Und das... das würde für uns beide schlecht enden, nahm ich an. Für uns beide. Denn ich... denn ich wusste nicht, ob ich fähig war, das Vertrauen wieder ganz aufzubauen. Ein Vertrauen, das bis in seine Grundmauern erschüttert worden war.
DU LIEST GERADE
Das Rätsel des Vertrauens
RomanceAbgeschlossen Sita kann Vaughn nicht ausstehen. Was daran liegt, dass ein Vorfall, der in der Vergangenheit liegt, die Zukunft der beiden überschattet. Bis jetzt hat sie es ganz gut geschafft ihm aus dem Weg zu gehen, doch eine verpasste Fähre nach...
