11. Kapitel

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Nun hatte ich Zeit, um mich umzuschauen. Ich konnte noch nicht allzu viel erkennen, denn es fiel nur ein schmaler, zarter Lichtstrahl durch ein Fenster. Ich tastete nach dem Lichtschalter und fand ihn neben der Tür. Endlich war das Zimmer erleuchtet. Ich erkannte eine zartgrüne Tapete, über die sich ein gemusterter, cremefarbener Streifen zog. Der Fußboden bestand aus eichenfarbenen Laminat, auf dem ein ebenfalls grüner Teppich ausgebreitet war. Ich konnte noch einen Schuhschrank und eine große Garderobe entdecken. Der Schrank war mit unzähligen Schuhen bestückt und in der Garderobe hingen viele Jacken, Mäntel, Tücher und Schals. Jetzt betrat ich die Küche. Sie war in pastellvioletten Tönen angestrichen und die Theken waren glänzend schwarz. Ich ging weiter und als ich die nächste Tür öffnete, entdeckte ich ihr Schlafzimmer. Ich steckte meinen Kopf durch den Spalt und sah ein wunderschönes hohes und weiches Bett. Ich konnte gar nicht wegsehen, so gemütlich sah es aus. Schnell wandte ich meinen Blick ab und betrachtete den Schminktisch, auf dem tausende Lippenstifte, Nagellacke, Lidschatten, Puderdöschen und Cremes aufgereiht waren. Ich konnte es nicht lassen und starrte wieder das Bett an.

Innerlich wünschte ich, dass ich auch so eins haben könnte oder wenigstens einmal darin schlafen könnte. Ich bewegte mich zu dem Bett hin, um mal auszuprobieren, wie weich es war. Vorsichtig drückte ich auf das Bett. Es war nicht zu weich und nicht zu hart. Ich ließ meinen Po auf die Matratze sinken und seufzte. Ich wurde müde. Der Wecker zeigte 17:22 Uhr an. Nur fünf Minütchen schlafen, dachte ich und legte mich zufrieden hin. Es war gemütlich und wunderbar warm. Die Müdigkeit überkam mich, meine Augen fielen zu und ich schlief ein.

...

"Hey, aufwachen, Leo!", weckte mich eine Stimme. "Nur noch zwei Minuten, Mama. Zwei Minuten.", murmelte ich schlaftrunken und gähnte genüsslich. Die Stimme lachte schallend. "Ich bins, Alia! Und du bist nicht in deinem Bett. Und es ist auch nicht früh. Es ist dreiviertel sieben! Abends, natürlich.", erklärte die Stimme. Plötzlich schlug ich die Augen auf und war hellwach. Mir wurde alles wieder klar und ich schoss aus dem Bett. Alia, die auf der Bettkante saß, zog mich am Handgelenk zu ihr. Ich setzte mich schnell hin, denn mir wurde etwas schwindelig."Vorsicht Leo!" sagte sie. "Entschuldige, Alia.", sprach ich kleinlaut. "Wofür?", lachte sie. "Dafür, dass ich in deinem Bett geschlafen hab, ohne dass du es mir erlaubt oder angeboten hast. Sorry...", entschuldigte ich mich. Sie lachte wieder. "Was redest du da? Ich habe doch gar nichts dagegen!" - "Du bist nicht sauer?", fragte ich, doch sie schüttelte nur den Kopf. "Das Bett ist übrigens sehr bequem!", lobte ich. "Freut mich zu hören! Ich schlafe auch sehr gerne in meinem Bett!", lachte sie. Ich musterte sie misstrauisch. Ich überlegte noch einmal: sollte ich ihr Vertrauen? Doch dann lächelte sie mich an und ich entschloss mich verdrängte jegliche Zweifel

"Hey!", sagte Elias. Ich schaute ihn an. Auf seinem Schoß saß ein kleines Mädchen mit wuscheligen blonden Haaren. Das musste wohl seine Schwester Amy sein.

"Hallo, Amy!", lachte ich "Wollen wir was spielen?" Sie sprang auf und drückte mir eine Kiste mit Bausteinen in die Hand. Gemeinsam bauten wir einen Turm, den Amy dann lachend wieder umstieß. Das wiederholten wir wieder und wieder. Bis Elias sagte, dass es Zeit zum Schlafen sei. "Komm, ich bring dich ins Bett, Amy.", sprach Elias liebevoll und wollte sie auf den Arm nehmen. Sie schlang die Arme um seinen Hals und wurde davon getragen. "Schlaf gut!", rief ich ihr hinterher.

Alia und ich warteten in der Küche. "Süß, oder?", fragte Alia verträumt. "Oh ja.", antwortete ich. Doch in dem Moment fing Alia an zu lachen. "Was ist?", wollte ich grinsend wissen. "Sie oder er?" Ich wurde rot und schaute schnell weg. Beide, lag mir auf der Zunge, ich schwieg jedoch.

Sie fing an, Töpfe, Pfannen, Teller und Besteck aus den Schränken zu kramen. Ich verteilte das Besteck und sie begann zu kochen. Als Elias wieder kam, lag bereits ein köstlicher Geruch von Lasagne in der Luft.

Nach dem Essen wuschen wir alles ab und setzen uns mit einem Glas Cola an den Tisch. Mein Blick fiel auf ein Bild, welches an der Wand neben uns hing. Es zeigte Alia und Angelina, beide jünger, die Arme umeinander geschlungen während sie süß lachten. "Schönes Bild!" Alia sah auf. "Danke, Leo! Das war, als unsere Eltern noch lebten. Als wir noch wir waren." Verwirrt sah ich sie an. "Bitte?", fragte Elias. Sie seufzte. "Ich denke, ich bin es euch schuldig, Antworten zu geben. Schließlich wollt ihr mir helfen. Also gut. Unsere Eltern sind gestorben, als ich 13 war. Sie sind bei einem Autounfall umgekommen. Wir waren von da an auf uns allein gestellt. Ihr müsst wissen, wir lebten damals in London, meine Mutter war aber Deutsche. Ihr Name war Angelina. Jedenfalls, nach dem Unfall wurden wir ins Waisenhaus gesteckt. Als meine Schwester volljährig wurde, musste sie ausziehen. Da ich nicht von ihr getrennt leben wollte, wohnte ich bei ihr. Sie nahm einen Job als Kellnerin an, verdiente aber sehr wenig. Wir konnten davon gerade so unsere Wohnung bezahlen. Für Essen blieb oft wenig übrig. Häufig wollte sie mich ins Waisenhaus zurück bringen, ich wehrte mich aber dagegen. Vom Hunger geplagt, fing ich ebenfalls an zu arbeiten. Viele wollten mich nicht, da ich noch zu jung für einen Vollzeitjob neben der Schule war. Doch eines Tages geriet ich an einen Mitarbeiter von GM. Er versprach mir und meiner Schwester ein Zuhause inklusive Nahrungsmitteln und Schlafplatz. Dafür mussten wir bei ihm arbeiten. Wir mussten unsere Namen ändern, um nicht erkannt zu werden. Ellie nannte sich Angelina, zu Ehren unserer Mum, und ich hieß ab sofort Alia." Ich schluckte. Alia tat mir plötzlich furchtbar leid. Sie hatte wohl eine schlimme Zeit hinter sich. "Wie heißt du mit richtigem Namen?", wollte Elias wissen. Ein kleines Lächeln umspielte ihre Lippen. " Mein Name ist Alice."

Elias stand auf und schaute aus dem Fenster in den Regen. Er drehte sich schnell wieder um und wurde plötzlich kreidebleich.

KatzenaugenWo Geschichten leben. Entdecke jetzt