Kapitel 20

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𝗖𝗮𝗺𝗲𝗿𝗼𝗻

Ich habe mein Chemiebuch vergessen.

Natürlich ist mir das erst aufgefallen, als ich schon auf meinem Platz saß. Doch jetzt bin ich froh darüber, noch mal los zu müssen, als ich um die Ecke biege und sehe, wie Tristan Morgan in die Enge drängt.

»Fuck, nein.«

Ohne eine Sekunde zu zögern, stürme ich auf die beiden zu. Ich bekomme gerade noch Gallaghers letzte Worte mit: »Sag schon. Was bist du für ihn? Lieferst du ihm Infos über mich? Oder bist du bloß gut genug zum Vögeln, huh?«

Ich werde ihn umbringen.

»Sie ist meine Freundin«, sage ich kühl und trete an den Wichser heran.

Tristan fährt zu mir herum, sodass ich endlich einen besseren Blick auf Morgans Gesicht habe. Doch als ich die Tränen sehe, die in ihren Augen schimmern, verliere ich vollkommen die Kontrolle.

Ich packe Gallaghers Kragen und ramme ihn an die nächstbeste Wand. Er hat nicht damit gerechnet, weswegen er wie ein nasser Sack zu Boden gleitet. Im Handumdrehen bin ich bei Morgan und ziehe sie in meine Arme.

»Alles gut bei dir?«

Ihr kleiner Körper zittert an meinem, und allein dafür will ich Gallagher noch mal schlagen.

Ich spüre, wie sie an meiner Brust nickt, und dann, wie ihre angespannte Haltung ein wenig nachlässt und sie sich an mich schmiegt.

»Danke«, höre ich sie murmeln. Die Verletzlichkeit in ihrer Stimme bricht mir das Herz.

Als ich Tristan hinter mir fluchen höre, wirbele ich zu ihm herum, und drücke dabei Morgans Körper an meine Seite.

»Lass sie verdammt noch mal in Ruhe, Gallagher, ich warne dich.« Ich beiße mir auf die Wange, um mich daran zu hindern, mich auf ihn zu stürzen.

Gallagher lacht abfällig. »Was willst du dann tun, huh? Mich schlagen?«

Ich ziehe unbeeindruckt eine Braue hoch. »Hat ja gerade auch funktioniert, oder nicht?«

Gallagher presst die Lippen aufeinander und rappelt sich auf. Dann zeigt er zwischen uns. »Das ist es jetzt also zwischen euch, huh? Du springst von einem Kerl zum nächsten.«

»Pack dir verdammt noch mal an die eigene Nase«, belle ich und will auf ihn zu gehen, doch Morgan hält mich urplötzlich zurück. Ich sehe zu ihr runter, doch sie schüttelt nur den Kopf. »Versuch es erst gar nicht. Er hat noch nie etwas von Selbsterkenntnis gehört.« Als sie die Nase kraus zieht, weiß ich, dass sie klar kommen wird.

Ich ändere meinen Griff um sie, indem ich ihr nun meinen Arm um die Schultern lege. Morgan lehnt sich an meine Seite und mir wird augenblicklich warm.

Tristan wirft Morgan einen bösen Blick zu. »Tu nicht so, als würdest du mich kennen!«, spuckt er aus.

»Du hast recht, ich kenne dich nicht, Tristan. Anscheinend war alles, was ich glaubte über dich zu wissen, nur eine Lüge. In Wahrheit bist du nämlich ein ekeliges Arschloch, das nicht locker lassen kann.« Sie löst sich von mir und geht einen Schritt auf Tristan zu, Kopf hoch erhoben. »Lass mich in Frieden. Ich bin längst über dich hinweg.«

Auch wenn ich unglaublich stolz auf ihre Stärke bin, weiß ich ganz genau, dass sie noch nicht abgeschlossen hat.
Ja, über Tristan ist sie vielleicht hinweg, aber das was er ihr angetan hat? Wie er sie auch während ihrer Beziehung behandelt hat? Und was mit ihren Freunden passiert ist? Da hat sie noch eine Menge zu verarbeiten. Aber ich werde für sie da sein, wenn sie mich lässt.

Ich verenge die Augen, als Tristan abfällig schnaubt. »Wenn du das meinst. Tröste dich ruhig mit ihm, aber denk an meine Worte.« Er zischt wie ein Schlange. »Am Ende kommst du angekrochen.«

»Niemals«, flüstert Morgan, doch Gallagher ist schon um die Ecke gestakst

Wir verharren für einen Moment auf der Stelle, ohne, dass jemand ein Wort sagt. Ich bekomme mit, wie sie einmal tief durchatmet und sich über die Wangen wischt. Ich will am liebsten nachhaken darüber, was er noch alles zu ihr gesagt hat, bevor ich gekommen bin. Aber ich merke daran, wie die Anspannung in ihre Schultern zurückkehrt, dass sie ihre Mauern wieder hochfährt. Sie wird alles tun, nur nicht darüber reden.

Ich sehe zu ihr. »Bist du wirklich okay?« Ich muss es einfach noch mal von ihr hören.

Morgan löst sich aus meinen Armen und geht ein paar Schritte auf Abstand. Zögerlich nickt sie. »Ja, wirklich.« Sie hält inne und sieht dann zu Boden. »Ich ... Ich hasse ihn einfach.« Ihre letzten Worte kommen nur noch als Flüstern über ihre Lippen.

Der Drang sie erneut in die Arme zu nehmen, ist beinahe überwältigend, doch ich bleibe, wo ich bin. Stattdessen bücke ich mich nach ihrem Rucksack.

»Danke für deine Rettung.« Sie nimmt mir ihre Tasche entgegen und wirft sie sich über die Schulter. Sie schenkt mir ein schwaches Lächeln. »Irgendwann musste es ja so kommen. Es wundert mich, dass er so lange gebraucht hat.«

Was hat er sonst noch gesagt?, liegt mir auf der Zunge, doch die Niedergeschlagenheit, die ihr aus jeder Pore tropft, lässt mich meinen Mund wieder schließen.

»Ich glaube, ich melde mich für die letzte Stunde krank. Noch mal danke, Cam.« Sie hebt ihre Mundwinkel ein letztes Mal, dann geht sie an mir vorbei, und ich halte sie nicht auf.

»Fuck!« Ich fahre mir übers Gesicht und blicke ihre nach.

Die letzten zwei Wochen liefen so gut. Morgan ist richtig aufgetaut unter meinen Freunden. Sie saß die ganzen letzten Tage an unserem Tisch in der Cafeteria und hat weder Gallagher noch irgendwen ihrer alten Freunde eines Blickes gewürdigt.

Dann kommt dieser Wichser an, redet sie klein und macht mit einem Schlag alles kaputt.

Und ich habe keine Ahnung, wie ich sie wieder zum Lächeln bringen soll.

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