Kapitel 38

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𝗠𝗼𝗿𝗴𝗮𝗻

Wie konnte ich mir jemals Gedanken machen, dass Gianna mich nicht mögen könnte? Von der ersten Sekunde an war sie herzlich und aufgeschlossen mir gegenüber. Ich konnte kaum Hallo sagen, da hatte sie mich schon in eine stürmische Umarmung gezogen und mir ein Kompliment zu meinem Kleid gemacht. Generell das ganze Essen über hat sie mich angelächelt und zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, -essen und -fächern ausgefragt, ohne zu aufdringlich zu löchern, was ich sehr begrüße. Ich bin mir nicht sicher, ob Cam sie vorher über meine Mom aufgeklärt hat, doch bisher hat sie zwar nach meiner Familie gefragt und wie es ist, mit fünf überbehüteten Onkeln aufzuwachsen, aber mit noch keinem Wort meine Mutter erwähnt, worum ich umso dankbarer bin.

»Das Chilli schmeckt wirklich lecker, Ms Mendoza.« Ich bin bereits bei meiner zweiten Portion, doch anders, als ich es vielleicht in so einer Situation wäre, fühle ich mich nicht gezwungen, mich zurückzuhalten oder mich zu schämen, mehr zu essen. Cams Mutter strahlt so eine herzliche, unbekümmerte Freundlichkeit aus, dass ich mich keine Sekunde unwohl fühle.

»Das freut mich sehr!« Um ihre grünbraunen Augen legen sich Lachfältchen. »Aber bitte nenn mich Gianna, Liebes.«

»Dein Onkel ist also Camerons Eishockey Trainer?«

Mein Lächeln kommt ein wenig ins Wanken, als mich Cams Stiefvater zum ersten Mal bei diesem Essen anspricht. Außer bei der Begrüßung hat er nichts mehr zum Gespräch beigetragen, weswegen ich ein wenig überrascht bin, dass er mich jetzt anspricht.

Ich trinke einen Schluck Wasser und nicke dann. »Ja, mein Onkel Hank. Er meckert zwar ziemlich viel über das Team, doch Cam ist einer der wenigen, über die er ab und zu mal was Gutes fallen lässt.« Ich grinse schief zu Cam hoch, der schmunzelnd die Augen verdreht. »Coach Sullivan macht nur einen auf unnahbar. Insgeheim ist er mein größter Fan.«

»Jetzt wo du seine Nichte datest bestimmt umso mehr«, wirft Auden trocken ein, und ich kann mir das überraschte Glucksen nicht verkneifen. Auch er hat bisher wenig gesagt und hauptsächlich auf seinen Teller gestarrt. Dass er jetzt ein wenig aus sich herauskommt, freut mich.

Cam zerknüllt seine Serviette und wirft sie nach seinem kleinen Bruder.

»Glaubt dein Onkel, dass Cameron eine Chance auf eine Zukunft im Eishockey hat?« Die ernüchterte Frage von Cams Stiefvater durchschneidet die zuvor erheiterte Stimmung und lässt sie abkühlen. Cams Hand auf meinem Oberschenkel ballt sich zur Faust.

Ich räuspere mich etwas verlegen. »Ähm, wenn Sie Cam spielen gesehen haben, wissen sie, dass er die hat. Er ist ein fantastischer Captain und ein noch besserer Spieler.« Und das sagt jemand, der absolut nichts mit dem Sport anfangen konnte. Zumindest früher.

»Und was ist mit dir? Hast du bereits irgendwelche College-Aussichten?«

Ich öffne den Mund, um ihm zu antworten. »Warum interessiert dich das?« Cams beißende Worte zerreißen die Luft. Alle Augen richten sich auf ihn, wobei meine sofort das Zucken in seinem Kiefer auffallen und die unterdrückte Wut, die in seinen Augen schimmert. Mir ist vorhin schon die unterkühlte Reaktion von Cam aufgefallen, als Mike sich mir vorgestellt hat, und es war wohl nur eine Frage der Zeit, bis die Sache an die Oberfläche kommt.

Ich will nach seiner Hand greifen, doch diese ist zur Faust geballt.

Cams Stiefvater lehnt sich zurück und zuckt die Schultern. »Du bist mein Stiefsohn und bringst ein Mädchen mit nach Hause, natürlich interessiert es mich, wie es da um eure Zukunft steht.«

Cam stößt ein bitteres Lachen aus, und es schmerzt, ihn so zu sehen. »Du hast dich in den letzten drei Jahren kaum um meine Existenz geschert, warum sollte dich also jetzt irgendwas an meinem Leben interessieren«, zischt Cam und erdolcht Mike mit seinem Blick.

Ohoh. Dieser schöne Abend gerät gefährlich ins Wanken.

»Cam«, meint dann Gianna und sieht ihren Sohn tadelnd an.

Cams Kopf ruckt zu ihr. »Was? Es stimmt. Er muss nicht vor Morgan so tun, als würde ihm an mir liegen«, schnappt er. Ich lege ihm eine Hand auf den Arm. Er wird es später bereuen, seine Mom so angeschnauzt zu haben, obwohl er eigentlich nur wütend auf Mike ist.

»Ich habe bereits ein paar Zusagen, die kürzlich herein geflattert kamen«, versuche ich, zu intervenieren. Das Thema College ist bei uns bisher noch nicht present gewesen, und obwohl wir die Sache zwischen uns nun offiziell gemacht haben, ist es vielleicht trotzdem noch ein bisschen zu früh dafür. Und doch ... bei Tristan war es auch nie Thema, und wir waren zwei Jahre zusammen. Vielleicht sollte es doch Thema sein.

Gianna steigt auf den Zug auf. »Das hört sich toll an, Liebes.« Sie schenkt mir ein angestrengtes Lächeln. »Wo würde es denn hingehen?«

»Ich habe mich an Universitäten in der Umgebung beworben. Ich würde gerne in der Nähe der Familie bleiben.«

Bei meinen Worten entspannen sich Giannas Schultern allmählich, und ich merke auch, wie Cam neben mir langsam wieder runterkommt. »Das ist schön, da freuen sich deine Liebsten bestimmt.« Sie sieht zu Cam, dabei füllen sich ihre Augen mit Tränen. »Ich weiß nicht, was ich tun soll, wenn er aufs College geht. Ich bin noch nicht dazu bereit, mein Baby gehen zu lassen.«

Cams Blick wird sanft, als er die Hand seiner Mutter zwischen seine nimmt. »Mom...«

»Schon gut, schon gut«, beschwichtigt sie und fächelt sich mit der freien Hand Luft zu, worauf Mike ihr seine Serviette reicht. »Danke.« Sie tupft sich die Augen. »Die Stimmung soll nicht traurig werden.« Sie stößt ein kurzes, hohes Lachen aus.

Danach erreichen wir wieder friedlichere Themengebiete und das Abendessen nimmt ein schönes Ende, als ich mit Cam, Auden und Gianna dann den Abwasch mache und Gianna ein paar weitere Geschichten aus Cams Kindheit auspackt, bei denen Cam mir plötzlich die Ohren zuhält und Gianna und ich so viel kichern müssen, dass uns nach zehn Minuten der Bauch weh tut.

»Es war so schön, dich kennenzulernen, Morgan.« Gianna drückt mich an sich und wiegt uns dabei hin und her. In ihren mütterlichen Armen bleibt einem nichts anderes übrig, als sich in die Wärme zu schmiegen.

»Vielen Dank für die Einladung. Es hat mich sehr gefreut, Sie kennenzulernen.«

Bevor ich in mein Auto steige, nimmt mir Cams Mutter noch das Versprechen ab, von nun an öfter vorbeizukommen.

An meinem Auto macht Cam für mich die Tür auf und bleibt dann im Rahmen stehen, während ich mich anschnalle. Er legt den Kopf in den Nacken und stößt einen tiefen Seufzer aus. »Das haben wir nun auch hinter uns.«

Ich kneife ihn in den Arm. »Jetzt übertreibst du. Das Abendessen lief doch gut.«

Er senkt den Kopf und hebt eine Braue.

Ich verdrehe die Augen. »Der kleine Ausrutscher zählt nicht.«

Cams Mundwinkel zucken ganz leicht. Sein Zeigefinger findet mein Kinn, während sein Daum über meine Wange streicht. »Tut mir leid dafür. Danke, dass du mich beruhigen wolltest.«

Ich lege den Kopf schief und erwidere sein Lächeln. »Natürlich.« Was auch immer da zwischen seinem Stiefvater und ihm los ist, das müssen sie unter sich klären. Doch ich werde es irgendwann noch mal ansprechen, weil ich weiß, dass er nichts tun wird, was seine Mutter verletzten könnte, und es ist offensichtlich, dass der Zorn auf Mike das tut.

Cam beugt sich zu mir und haucht einen Kuss auf meine Lippen. »Fahr vorsichtig, Mor«, murmelt er an meinen Lippen und zögert so den Kontakt hinaus. Ich lehne mich erneut vor und verschließe seinen Mund mit meinem. In meiner Brust flattert es, als seine Hand mein Gesicht umfasst und Cam den Kuss intensiviert.

Mit ihm fühlt es sich so leicht und unbeschwert an. Ich fühle mich gut. Geschätzt. Respektiert. Geliebt. Und ich weiß es zu schätzen.
Ich ziehe immer häufiger den Vergleich mit Tristan, und dieser gravierende Unterschied, den Cameron in so gut wie allem, was er tut, macht, treibt mir die Tränen in die Augen. Cam ist so ein guter Kerl, und alleine durch ihn kann ich endlich akzeptieren, dass ich nichts anderes verdiene.

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