𝗠𝗼𝗿𝗴𝗮𝗻
Während dem Essen steckte Cam in einem Verhör fest. Meine Onkel nahmen ihn ziemlich in die Mangel, sodass ich irgendwann aus einem Impuls heraus meine Hand auf seinen Oberschenkel gelegt habe, um ihm meine Rückendeckung spüren zu lassen. Doch als er förmlich zusammengeschreckt ist, ist mir erst wirklich bewusst geworden, dass ich meine Hand auf seinen Oberschenkel gelegt habe. Ich wollte sie so schnell es geht wieder wegziehen, doch dann war da seine Hand, die meine Finger festhielt, und mit einem dankbaren Lächeln lehnte er sich zu mir und drückte mir einen federleichten Kuss auf die Wange. Auf den ich absolut nicht vorbereitet gewesen bin. Genauso wenig auf die Schmetterlinge, die in meinem Magen empor flatterten.
Und jetzt sitze ich hier, total von Cams liebenswerter Art eingelullt, während er brav die Fragen meiner neugierigen Familie beantwortet. Unsere Finger noch immer miteinander verhakt. Mehr als nur vorgetäuscht.
Ich hätte diesen Gedanken so gerne zugelassen. So gerne hätte ich wirklich geglaubt, dass dieses Essen nicht eine komplette Farce ist, die wir meiner Familie vorspielen. Weil durch unsere dämliche Vereinbarung alles nur noch eine einzige Täuschung ist. Eine Täuschung - auch für mich. Meine Emotionen und Gefühle wissen selbst nicht mehr, wie sie das Gespielte vom Realen trennen sollen. Wenn Cams Sturmaugen diese Intensität annehmen, wenn unsere Blicke sich treffen. Wenn er mir seinen Arm um die Schultern legt. Wenn ich bloß an ihn denke und die Schmetterlinge in meinem Bauch eine Runde Achterbahn fahren! Die Tatsache, dass ich meine Gefühle für Cameron einfach nicht mehr als dumme kleine Schwärmerei abstempeln kann, ist mir seit dem Kuss klar, der eigentlich nur dem Zweck dienen sollte, Tristan auf den Schlips zu treten. Das Kribbeln, das in meinem ganzen Körper in ein Feuerwerk aufgegangen ist, als seine Lippen auf meine trafen, war der letzte Schubs, der den Stein ins Rollen gebracht hat.
Ich habe Gefühle für Cam.
Absurd, dass ich mir das erst jetzt eingestehe. Vor allem in einem so unscheinbaren Moment wie diesem, wir sitzen bloß nebeneinander beim Essen mit meiner Familie. Und doch liegt meine Hand auf seinem Oberschenkel.
»Vielen Dank für die Einladung. Das Essen war wirklich lecker.« Cams Arm berührt meine Schulter, als wir vor der offenen Eingangstür stehen und er sich mit einem charmanten Lächeln bei Tante Laurie verabschiedet. Es ist kein Wunder, dass Laurie bei diesen Grübchen ganz entzückt dreinschaut. Und auch der Rest meiner Familie scheint im Laufe des Abendessens mit ihm warm geworden zu sein. Selbst Onkel Eric hat Cam zum Abschied freundschaftlich auf den Rücken geklopft, statt ihn wie anfänglich offen zu ignorieren. Zwar ist Cameron definitiv unter der Pranke von Eric kurz zusammengezuckt, doch es zählte trotzdem.
»Du bist hier immer gerne willkommen!« Tante Laurie schlägt seine ausgestreckte Hand beiseite und zieht ihn stattdessen in ihre Arme. Über ihre Schultet sehe ich, wie seine Augenbrauen überrascht in die Höhe schießen, doch er entspannt sich schnell wieder und ich meine sogar, ihn ein kleinen wenig erröten zu sehen. Mein Herz flattert. Wieso fühlt es sich so gut an, zu sehen, wie meine Familie Cam ins Herz schließt?
Nachdem Laurie ihn freigegeben hat, schnappe ich mir seine Hand und ziehe ihn nach draußen. »Na komm, bevor sie dich noch wie einen Welpen zu adoptieren versucht.« Cam grinst auf mich herunter. Und mein dummes Herz macht einen weiteren Salto.
Bei seiner Wagentür angekommen, wird es dann plötzlich komisch. Zumindest für mich, denn wie soll ich ihn nun mit einer freundschaftlichen Geste verabschieden und so tun, als wäre da nichts zwischen uns, wenn ich doch eigentlich seine Lippen wieder auf meinen spüren möchte? Mich von ihm halten lassen und nie wieder losgelassen werden will?
Verdammtes Herz.
»Alsooo«, ziehe ich das Wort in die Länge, um irgendwie die Stille zu füllen, während ich mit dem Saum meines Kleides spiele und es vermeide, ihm in die Augen zu sehen.
»Also ...?«
Oh Gott, Morgan, sag irgendwas!
Ich greife nach dem Türgriff und ziehe die Tür auf. »Danke, dass du das für mich durchgestanden hast.«
Cam sieht zwischen mir und seinem offen stehenden Wagen hin und her. Seine Mundwinkel zucken. »Willst du mich loswerden?«
Ich reiße die Augen auf. »W-was? Nein!« Meine schrille Stimme überführt mich.
Auf Cams Stirn bildet sich eine leichte Falte, doch er erwähnt mein merkwürdiges Verhalten kein zweites Mal. »So schlimm war der Abend doch gar nicht. Und deine Tanten lieben mich.« Okay, er darf nicht noch einmal zwinkern, sonst durchschaut er meine Gefühle für ihn im Handumdrehen.
»Bilde dir darauf bloß nichts ein!«
»Der Coach wird mich nun dreifach durch die Mangel nehmen«, seufzt er schmunzelnd, doch auch wenn es bei ihm amüsiert klingt, erfassen mich bei seinen Worten Schuldgefühle.
Ich ziehe die Nase kraus. »Tut mir leid. Ich werde mit Onkel Hank reden und-«
»Hey.« Als mir eine Haarsträhne vors Gesicht fällt, sieht es kurz so aus, als würde er sie wegstreichen wollen, doch am Ende lehnt er sich nur gegen sein Auto und zieht einen Mundwinkel hoch. »Mach dir keinen Kopf. Außerdem Deal ist Deal.«
Deal ist Deal.
Mein Herz rutscht mir in den Magen. Na, das nenne ich doch mal eine kalte Dusche.
Ich beiße mir so heftig von innen auf die Wange, dass ich Blut schmecke. Aber eine entzündete Wange ist besser, als dass Cam sieht, wie mir Tränen in die Augen steigen und das nur zu Fragen führt, die ich auf keinen Fall beantworten kann. Oh Gott, ich benehme mich so lächerlich. Natürlich sieht er alles nur als das an, was es ist: unsere Vereinbarung. Wir sind Freunde, die sich aushelfen. Mehr nicht.
Ich trete einen Schritt zurück und kleistere mir ein Lächeln aufs Gesicht, das noch mehr schmerzt als meine Wange. »Genau. Wir sehen uns morgen, Cam.« Hastig drehe ich mich um und verschwinde im Haus, noch bevor ich überhaupt höre, wie Cam seine Wagentür zuschlägt.
Ich mag Cameron. Viel zu sehr, als dass ich sollte, denn wir sind Freunde. Er ist der aufrichtigste, fürsorglichste Freund, den ich je hatte. Er ist für mich eingestanden, hat mich vor Tristan in Schutz genommen, mein Selbstbewusstsein gestärkt und mich aufgefangen, als ich in Tränen aufgelöst war. Er hat nicht zugelassen, dass ich das alles alleine durchstehe. Ihn wegzuschubsen und die ganze Situation zu verkomplizieren, indem ich ihm meine Gefühle gestehe, würde alles ruinieren. Und ich will ihn nicht verlieren.
»Morgan?«
Ich sehe hoch, als Tante Laurie zu mir in den Flur tritt. Ihre besorgte Miene gibt mir zu verstehen, dass sie meine schimmernden Augen gesehen hat, bevor ich mir übers Gesicht fahren und sie verbergen konnte.
»Warum weinst du, Schatz?«
Ich lasse meinen Kopf sinken und ein leiser Schluchzer bricht sich aus meiner Kehle. Ich bin Tante Laurie immer dafür dankbar gewesen, dass sie mich liebt und umsorgt wie ihre eigene Tochter, und immer für mich da ist. Aber in dem Moment, indem Tristan mit mir Schluss gemacht hat, und auch jetzt, als ich realisiere, wie viel mir Cameron eigentlich bedeutet, vermisse ich meine Mom umso mehr. Ich wünsche mir, dass sie bei meinem ersten Herzschmerz da gewesen wäre. Und ich würde alles dafür geben, dass sie auch jetzt hier wäre, um mit mir dieses Gefühlschaos auf die Reihe zu bekommen. Aber das ist sie nicht. Und das muss ich akzeptieren.
Tante Laurie wird niemals Mom ersetzen können. Niemals. Aber ich weiß, dass sie ihre Rolle mit genau der selben Ernsthaftigkeit und mit vollem Herzen angetreten hat, um Mom zu ehren und ihrer Tochter eine Mutterfigur zu geben. Und ihre Sorge einfach beiseite zu schieben und sie nun weiter anzulügen, obwohl ich nichts lieber tun würde, als ihr alles zu erzählen, würde Mom sicher enttäuschen. Und mir noch viel mehr schmerzen.
»Morgan? Schätzchen?«
»Ich habe Gefühle für Cam. Und sie sind nicht gespielt«, gestehe ich mir laut ein, und wie ein Wasserfall sprudelt der Rest der Wahrheit auf einmal aus mir heraus.
Es fühlt sich zwar gut an, Laurie alles zu erzählen, doch nun, da ich es mir eingestanden habe, dass das zwischen Cam und mir nicht nur Freundschaft ist, habe ich wohl alles verkompliziert.
DU LIEST GERADE
The Pact
Novela JuvenilHorror. Der absolute Horror. Das ist es für Morgan, als sie plötzlich nicht nur von ihrem jahrelangen Freund fallengelassen wird, sondern auch noch von ihrer gesamten Clique hintergangen. Alleine muss sie sich nun dem täglichen Schulalltag und dem a...
