Kapitel 26

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𝗖𝗮𝗺𝗲𝗿𝗼𝗻

Ich habe es zu weit getrieben.

Es ist bereits zehn Minuten her, dass Morgan mich voller Hitze hat sitzen lassen und im Wasser verschwunden ist. Die Panik, die ich ihren Augen ablesen konnte, als sie sich von mir entfernt hat, war wie ein bitterer Geschmack im Mund. Wie konnte ich nur so weit gehen und ihren Hals küssen?

Nicht einmal bei Tristans verärgertem Gesicht kann ich mir ein Gefühl von Triumph abgewinnen, denn ich habe es zu weit getrieben. Morgan einfach so zu überfallen, ohne sie zu fragen, ob es okay ist, ihr so nahe zu kommen. Doch es war wie ein Rausch; sobald meine Lippen ihre weiche Haut berührt hatten, wollte ich mehr. Morgans blumiges Parfüm umfing mich - berauschte mich -, ihr leises Seufzen, als mein Mund ihren rasenden Puls berührte, ihre Finger in meinem Haar, die meine ganze Kopfhaut zum Kribbeln brachten.

Fuck!

Mit einem Fluch fahre ich mir übers Gesicht. Scheinbar hat uns jeder um uns herum die Nummer abgekauft, immerhin haben Zeke und Calvin bereits zur Genüge Bemerkungen abgegeben, mit denen ich mich allerdings jetzt gerade nicht befassen kann.

Unsere Nummer. Das ist es doch, oder nicht? Ein Schauspiel, eine Lüge, die wir allen um uns herum auftischen, um Tristan auf die Palme zu bringen. Und es hat geklappt, seine kleine rothaarige Freundin versucht seit geschlagenen Minuten die Aufmerksamkeit von ihrem Freund auf sich zu ziehen, doch dieser ist damit beschäftigt, mich mit Blicken zu erdolchen. Auch seine anderen Freunde schauen verstimmt zwischen mir und Morgan hin und her. Wobei Morgan das höchstwahrscheinlich gar nicht bemerkt; sie ist immer noch im Wasser und versucht Abstand zwischen sich und mich zu bringen. Verdammt.

Nur eine Nummer.

Und trotz unserer Regeln fühlt es sich absolut nicht wie eine Nummer an. Ich wollte nicht aufhören. Noch nie habe ich mich so wohl gefühlt in der Gegenwart eines Mädchens. Noch nie habe ich dieses Kribbeln verspürt, das meinen kompletten Körper eingenommen hat. Noch nie habe ich so ein Verlangen nach mehr, mehr, mehr! gehabt. Noch nie wollte ich etwas so sehr, wie sie. Es hat sich angefühlt, als wären Morgan und ich ganz woanders gewesen; kein See, keine Freunde, keine Penelope. Nur Morgan und ich. Und ich wollte nicht, dass es endet.

Scheiße.

Tief in meinem Inneren will sich ein Gedanke freikämpfen und die Oberfläche durchbrechen, doch für den Sturm, den dieser Gedanke verursachen wird, bin ich noch lange nicht bereit.

•••

𝗠𝗼𝗿𝗴𝗮𝗻

»Oh mein Gott! Du musst halb erfroren sein.«

Bibbernd trete ich aus dem See heraus; meine Lippen müssen inzwischen so blau wie mein Badeanzug sein.

Eve kommt mit großen, sorgenvollen Augen auf mich zu, doch meine Augen verweilen nicht lange auf ihr, sondern wandern rüber zu der Stelle, an der ich Cameron zurückgelassen habe. Allerdings fehlt von ihm jede Spur.

Ich will mich gerade nach ihm umsehen, als mir auf einmal von hinten ein gigantisches Handtuch umgelegt wird. Überrascht begegne ich Cams Sturmaugen.

»Ich dachte, das könntest du gebrauchen.« Bevor ich seine Worte überhaupt verarbeiten kann, ist er auch schon um mich herum und strebt eine Gruppe von Mannschaftskameraden an, bei der auch Deacon mit von der Partie ist.

Langsam schließe ich meinen Mund wieder, allerdings verbleiben meine Augen auf Cams Rücken.

»Warum zum Teufel gehst du in dieses Eisbad?« Eves Gesicht taucht vor meinem auf und versperrt mir die Sicht auf die Person, die bei mir allein durch ihre Präsenz eine Gänsehaut verursacht.

Eve packt die Enden des Handtuchs und wickelt es noch enger um mich. »Mein Gott, Morgan. Deine Haut ist eiskalt.« Bestimmend legt sie mir einen Arm um die Schultern und dirigiert mich in Richtung Decke.

Die Sonne ist kurz vorm Untergehen, ein dunkles oranges Licht liegt über dem Wasser, und während Eve sich auf unserem Platz eng an mich kuschelt und mir davon erzählt, wie ein paar der Jungs Sawyer vorhin in den See geworfen haben, zünden Calvin und ein paar andere ein Lagerfeuer in der Nähe unserer Decke an, dessen Knistern die Stille durchbricht.

»Wer hat Bock auf S'Morses!«, ruft Sawyer und reckt eine XXL-Packung voll mit Marshmallows in die Luft.

Kichernd holt Eve für sich und mich zwei Stöcke, steckt Marshmallows an die Enden und wärmt sie am Feuer. Es gleicht beinahe Ironie, dass, genau als mir durch den Kopf schießt, dass ich nun den Gedanken an Cam ausgeliefert bin, lässt sich besagte Person auch schon neben mich auf die Decke fallen.

»Hier.« Als ich zur Seite schaue, hält er mir einen perfekt gerösteten S'More vor die Nase. Als ich keine Anstalten mache, ihn zu ergreifen, stupst er mich mit seiner Schulter an. »Na komm, ich habe ihn nicht um sonst für dich gemacht.« Oh je, mein Herz.

»Danke«, murmle ich, nehme den S'More und beiße ab. Die Süße des Marshmallows mit der Schokolade legt sich auf meine Zunge, ungeachtet dessen, dass ich mir beinahe den Mund verbrenne. »Mhmm«, stöhne ich völlig schamlos.

Neben mir höre ich Cameron leise lachen. »Verdammt, du bist so eine Naschkatze.«

»Ohne etwas Süßem wäre das Leben einfach nur bitter«, gebe ich kauend zurück, worauf Cam nur noch mehr lacht. Allerdings verstummt er augenblicklich, als unsere Blicke sich begegnen. Der Moment von vorhin spielt sich stumm zwischen uns ab.

»Morgan, es tut mir leid wegen vorhin...«

»Hey! Wofür habe ich mir überhaupt die Finger klebrig gemacht?« Eve kommt mit zwei S'Mores in den gespreizten Fingern an, und hätte sie nicht die Hände voll, hätte sie sie sicher in die Hüften gestemmt.

»Also ich habe nichts gegen noch einen«, sage ich kauend, der letzte Rest des S'Mores, den Cam mir mitgebracht hat, ist inzwischen in meinem Bauch. »Deine sind bestimmt viel besser als seine.« Ich deute auf Cam. Dieser schnaubt, und was auch immer er gerade sagen wollte, ist nun verloren.

»Darauf kannst du wetten.«

Eve kuschelt sich wieder neben mich, unsere S'Mores essend lauschen wir den lustigen Geschichten, die Cams Teammitglieder von sich geben. Irgendwann zwischen meinem vierten S'More stand Cam plötzlich über mir und hat mir seinen Hoodie hingehalten.

»Ich will nicht das du krank wirst«, war das Einzige gewesen, was er gesagt hat, bevor er mich mit einem Nicken dazu aufforderte, meine Arme zu heben, und mir den Stoff übergezogen hat.

Mein Herz hat inzwischen kapituliert; die Panik wegen vorhin ist zwar immer noch da, doch Cams Fürsorge macht es mir unendlich schwer, mich nicht nach seiner Nähe zu sehnen. Mein Herz weiß etwas, was mein Verstand noch nicht ganz zulassen will. Jedoch konsumiert Cameron inzwischen beinahe jeden Winkel meiner Gedanken, sodass mein Gehirn wohl bald die weiße Fahne hissen muss.

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