𝗠𝗼𝗿𝗴𝗮𝗻
Sobald wir Auden, von dem ich stark davon ausgehe, dass es sich bei ihm um Cams kleinen Bruder handelt, bei sich Zuhause abgeladen haben, lehnt Cameron sich über die Mittelkonsole, um von innen die Beifahrertür zu öffnen. Als er mir dann auch noch einen langen Blick zuwirft, ist mir endgültig klar, dass das ein Wink sein soll. Schließlich überwinde ich mich und gehe nach vorne.
Die Fahrt verbringen wir schweigend - wahrscheinlich weiß keiner so recht, was er sagen soll. Seit ich wach bin, grüble ich über den heutigen Ausflug. Ein Wirrwarr aus Fragen stürmt durch meinen Kopf: Wie soll ich mich verhalten? Werden seine Freunde es mir abkaufen? Wird es unangenehm werden?
Es ist nicht so, dass ich schon mal eine Beziehung vorgetäuscht habe und automatisch weiß, was zu tun ist. Klar, ich war beinahe zwei Jahre mit Tristan zusammen gewesen, doch inzwischen will ich das überhaupt nicht mehr als Vergleichsbeispiel nehmen. Also sollte man mir nachsehen, dass ich etwas nervös bin.
Als wir am See ankommen, kann ich nicht schnell genug aus dem Auto kommen. Die Stille hat mich irre gemacht.
Cam geht zur Ladefläche, während er mir den Auftrag gibt, die Kühlbox vom Rücksitz zu holen. In der Sekunde, in der ich die Wagentür wieder schließe, wird mir die Kühlbox aus der Hand geklaut. Ich wirbele zu Cam herum, der im Übrigen bereits zwei Strandstühle unterm Arm geklemmt hat.
»Vergiss es«, sage ich und will ihm die Kühlbox wieder wegnehmen, doch er hält sie aus meiner Reichweite. Mal ungeachtet, dass dabei sein Bizeps ein unglaubliches Muskelspiel zur Show stellt. Schnell richte ich meine Aufmerksamkeit wieder auf Cams Gesicht, bevor ich noch innerlich verglühe.
»Kein Ding. Ich nehme alles.«
Er will sich schon umdrehen, doch da mache ich einen Schritt vorwärts und pike ihn schamlos in die Seite. Er zuckt schreiend zusammen und lässt die Kühlbox fallen. Blitzschnell schnappe ich sie mir und gehe voraus. »Sehr ritterlich, Cameron, aber meine Arme funktionieren einwandfrei.«
Mit etwas, das sich sehr stark nach einem leisen Grummeln anhört, schließt er zu mir auf, überrascht mich dann aber damit, dass seine freie Hand plötzlich die meine ergreift. Mein Herz setzt einen Schlag aus.
»Wenn du unbedingt willst. Aber jetzt bist du selbst schuld; jetzt beginnt unsere Show schon viel früher.« Er grinst provokant, wofür er einen Schlag abbekommen hätte, hätte ich eine Hand frei gehabt.
»Blödmann«, murmele ich, worauf er mir zuzwinkert.
Noch bevor ich ihn weiter hätte beleidigen können, werden wir mit einem Mal mit einem Chor aus lauten Rufen begrüßt. Wir treten ans sandige Ufer, wo sich bereits eine große Gruppe an Eishockeyspielern mit Decken und Liegestühlen, wie wir sie mitgebracht haben, ausgebreitet hat. Ich entdecke Sawyer so wie auch Eve, die sich gerade von Deacon den Rücken eincremen lässt. Für jeden würde das total harmlos wirken, doch ich hatte bereits bemerkt, wie Deacons Blick manchmal etwas länger an Eve hängen blieb, als es bei Freunden der Fall sein sollte, oder wie seine Wangen jetzt gerade eine leichte Röte annehmen. Ich muss Cam definitiv gleich mal auf meinen Verdacht ansprechen.
»Was läuft?«, fragt Cam grinsend in die Runde, stellt unsere Sachen ab, löst unsere Finger und geht dazu über, seine Mannschaft zu begrüßen. Ich muss unwillkürlich darüber lächeln, wie Cameron mit seinem Team umgeht; er sieht so gelöst aus, schenkt jedem ein umwerfendes Lächeln und achtet darauf, wirklich jeden einzeln zu begrüßen. Er schätzt sie alle.
»Morgan!« Ich werde von einer freudestrahlenden Eve über den Haufen gerannt. Lachend erwidere ich ihre Umarmung und fühle mich gleich etwas weniger unsicher. Ich bin so glücklich, jemanden wie Eve kennengelernt zu haben; sie ist so voller Elan und ein so lieber Mensch. Vor allem tut ihre Gegenwart gut, als ich im nächsten Moment Jaycee und Chloe entdecke.
Nein.
»Oh, ja.« Eve ist meinem Blick gefolgt und verzieht genervt das Gesicht. »Leider sind die auch mit von der Partie. Aber mach dir nichts draus, sie können gerne sehen, wie sehr du aus dir herauskommst, seit du sie losgeworden bist.« Eve fasst mich an den Schultern und sieht mich entschlossen an.
Ich schaue noch eine letzte Sekunde zu meinen alten Freundinnen, die sich gerade ihren Klamotten entledigen und sie auf ihre Handtücher legen, die neben denen von Hunter und Tristan liegen, bevor ich in Eves blaue Augen sehe. Nach einem bedächtigen Atemzug, nicke ich und bringe mein Lächeln zurück. Eves Mundwinkel folgen meinen, bevor sie mich wieder fest an sich drückt.
»Du bist so stark, Morgan.«
Ich muss die Tränen unterdrücken, die mir bei ihren Worten in die Augen steigen wollen. Ich weiß nicht, wie ich ohne sie und Cam diese Stärke je hätte aufbringen können.
Irgendwann lösen wir uns wieder und ich fahre mir hastig über die Augen, bevor irgendwer das Glitzern in ihnen sehen kann. Als Eve mir hilft, die Stühle auszuklappen, fängt Cam meinen Blick ein. Er steht bei Deacon und einem anderen Kerl aus seinem Team, den ich nicht mit Namen kenne. Mit besorgter Miene legt er den Kopf schief, so als wollte er fragen, ob alles okay ist. Mit einem schiefen Lächeln nicke ich, was ihn zu erleichtern scheint.
Die Sonne steht hoch erhoben und überraschenderweise ist es wirklich warm für einen Herbsttag in Michigan. Unsere Gruppe scheint auch nicht die einzige zu sein, die das schöne Wetter ausnutzen will; das Seeufer ist voll von Familien mit ihren im Wasser spielenden Kindern und Jugendlichen, die sich auf ihren Handtüchern sonnen.
Eve ist mit ihrem Handtuch inzwischen zu mir herüber gewandert und rekelt sich in der Sonne. »Na los, Süße. Lass endlich die Klamotten fallen«, fordert sie mich grinsend auf.
Obwohl sich meine Wangen leicht röten, folge ich ihrem Befehl. Innerlich sage ich mir, dass Cameron mich bereits spärlicher bekleidet gesehen hat und der marineblaue Badeanzug sogar mehr von mir verdeckt, als es meine Unterwäsche bei der Poolparty getan hat.
Ich habe mich bereits meinem weißen Top und meinen Sneakern entledigt, und bin gerade dabei, mir meine Jeansshorts abzustreifen, als plötzlich ein Geräusch von einer fallengelassenen Dose mich aufschauen lässt. Dabei treffen meine Augen plötzlich auf das Sturmgrau von Cam, dessen Blick ausschließlich auf mir liegt.
Ein anerkennendes Pfeifen kommt von irgendwoher, gefolgt von einem »Du sollest deine Freundin besser vor uns versteckt halten, Cap.«
Camerons Kopf wirbelt zu demjenigen herum, der das soeben gesagt hat, und sein Blick ist mörderisch. Wären meine Wangen nicht bereits schon von der Sonne leicht gerötet, wären sie es nach diesem Kommentar ganz sicher. Ich bin zwar nicht prüde, aber so ganz selbstbewusst mit meinem Körper war ich auch nie wirklich. Vor allem wegen meiner dicken Oberschenkel. Ich muss nur daran denken, wie oft Tristan mich darauf hingewiesen hat, wie ungesund meine geliebten Softdrinks oder wie fettig die Pommes im Cheesy's sind, und dass es mir anzusehen ist, dass ich den Laden liebe.
Seit neustem sind es auch die Kommentare von Penelope Edwards, wenn ich das Pech habe, dass sie beim Mittagessen in meiner Nähe sitzt. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, wenn Cameron mal nicht zuhört, mir zu empfehlen, auf Salat umzusteigen, weil mir das mit meinem Oberschenkel-Problem helfen würde. Danach ist mir bisher jedes Mal der Appetit vergangen.
Als Eve ein abwertendes Schnauben von sich gibt, katapultiert sie mich wieder ins Hier und Jetzt. »Manche von ihnen sollte man einfach nicht auf die Menschheit loslassen. Aber er hat durchaus recht, der Badeanzug sieht heiß an dir aus, Morgan.« Sie schaut kurz über ihre Schulter. »Und ich bin definitiv nicht die einzige, die so denkt.« Sie zwinkert mir verschwörerisch zu.
Als ich verwirrt die Stirn runzele und versuche zu verstehen, was sie meint, stockt mir kurz der Atem, als ich Cam dabei erwische, wie er mich ansieht. Ertappt schaut er wieder zu seinem Teamkollegen, dem überhaupt nicht aufgefallen ist, dass die Aufmerksamkeit seines Captains nicht bei ihm lag, und führt eine zerbeulte Dose Dr Pepper an seine Lippen.
Ich ignoriere den wohligen Schauder, der mir über den Rücken rieselt und lege mich neben Eve. Vielleicht kann ich ja auch das Rasen meines Herzens irgendwie ignorieren.
DU LIEST GERADE
The Pact
JugendliteraturHorror. Der absolute Horror. Das ist es für Morgan, als sie plötzlich nicht nur von ihrem jahrelangen Freund fallengelassen wird, sondern auch noch von ihrer gesamten Clique hintergangen. Alleine muss sie sich nun dem täglichen Schulalltag und dem a...
