Kapitel 29

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𝗠𝗼𝗿𝗴𝗮𝗻

Als das letzte Drittel beginnt, kommen die Jungs mit neuem Elan aufs Eis gestürmt. Sie sind plötzlich flinker, schneller und agieren viel mehr als Team, als dass sie es in den ersten beiden Dritteln getan haben. In Minute 18:52 fällt unser erstes Tor, geschossen von Zeke mit Hilfe von Camerons Vorlage. 48 Sekunden später ertönen erneut die Sirene und es ist Cam, der die Siegesrunde an seinem Team vorbeifährt. Ich schreie mir die Seele aus dem Hals, und Eve neben mir tut das selbe.

Als Cam mit dem letzten aus seiner Mannschaft abgeklatscht hat und zurück in die Mitte fährt, hebt er den Kopf und begegnet meinem Blick. Als er mir zunickt und dann auf das gegnerische Tor zeigt, weiß ich, dass das meiner Nachricht von vorhin gilt. Meine Wangen sind bestimmt extrem rot, doch das ist mir im Moment total egal, denn ich grinse so breit wie ein Honigkuchenpferd.

Eve lacht sich prustend über mich kaputt, als in Minute 12:34 ein Tor für die gegnerische Mannschaft fällt und ich so laut Buh rufe, dass sich vor uns ein paar Köpfe zu uns umdrehen.

Ich bin noch nie ein Eishockey-Fan gewesen, auch nicht während meiner Beziehung mit Tristan, aber ich habe ihn trotzdem unterstützt, den Wirbel um diesen Sport aber nicht ganz verstanden. Doch wo ich jetzt hier sitze und Cam auf dem Eis anfeuere, spüre ich das Adrenalin und die Aufregung, die dieses schnelle Spiel mit sich bringt.

Allerdings bin ich gerade etwas verstimmt, weil Cam schon seit drei Minuten auf der Bank sitzt. Der Center, der zurzeit auf dem Eis ist spielt zwar nicht schlecht, aber er ist eben auch nicht Cam.

Als wir nur noch neuen Minuten zu spielen haben, wird Cam endlich wieder eingesetzt, gefolgt von Hunter und Calvin als Flügelstürmer und Deacon und ein Kerl, den ich nicht kenne, in der Verteidigung.

Mein ganzer Körper kribbelt wieder vor Aufregung, als Cam und Calvin einen Passwechsel an den gegnerischen Verteidigern vorbei spielen, geradewegs aufs Tor zu.

Eve krallt sich neben mich in meinen Arm, während sich ununterbrochen »OhmeinGottohmeinGottohmeinGott« murmelt.

Kurz bevor Cameron zum Schuss aufs Tor ausholen will, wird er mit einem heftigen Ruck von den Füßen gerissen und gegen das Plexiglas geschleudert.

Mir entfährt ein geschocktes Aufkeuchen, und die ganze Seite der Hillsdale High ist verstummt.

Bitte steh auf. Bitte steh auf. Bitte steh auf.

Ich sinke erleichtert in mich zusammen, als Cameron Deacons ausgestreckte Hand nimmt und sich aufrappelt. Jubel brandet in der Arena auf.

»Heilige Scheiße, hat der mich erschreckt.« Eve starrt zu Cam hinunter.

Der Spieler, der Cam gebodycheckt hat, wird auf die Strafbank geführt, womit wir nun ein Power-Play haben, also wir in der Überzahl sind. Leider pfeift mein Onkel Cam wieder zurück auf die Bank, worauf Zeke wieder seine Chance kriegt.

»Oh Mann, Onkel Hank!«, motze ich und stampfe auf wie ein kleines Kind.

Nach drei Minuten ist der gegnerische Spieler wieder zurück auf dem Eis und es stehen wieder gleiche Chancen. Eve verpasst mir beinahe einen Tinnitus, als Sawyer den gegnerischen Goalie austrickst, indem er zuerst nach oben in die Ecke antäuscht, nur um dann mitten zwischen seine Beine zu schießen, worauf die Sirenen wieder ertönen.

Die letzten fünf Minuten laufen ab, und ich stoße ein erfreutes Quietschen aus, als Cameron wieder eingesetzt wird und sofort einen Torversuch wagt, der aber leider vom Goalie gehalten wird.

Gerade als ich noch auf die Anzeigetafel gesehen habe, stand es noch 3:4 für unsere Gegner, doch plötzlich ertönen erneut die Sirenen und Hunter feiert sich den Arsch ab. Ein paar Reihen vor uns springt Chloe kreischend in die Höhe und Hunter macht ein paar vulgäre Bewegungen in ihre Richtung.

»Igitt«, kommt es von Eve, und ihre angewiderte Miene spiegelt meine haargenau wider. »Wie kann man auf sowas stehen?«

»Ehrlich, ich habe keine Ahnung.« Aber wenigstens haben wir nun Gleichstand - auch wenn es dank Chloes Neandertaler-Freund passiert ist.

»Das musste ja passieren«, stöhnt Eve, als Hunter im nächsten Moment auf die Strafbank geschickt wird wegen unsportlichem Verhalten. Na toll. Nun sind wir in der Unterzahl und es sind nur noch knapp zwei Minuten zu spielen.

»Komm schon«, murmle ich, mein Blick auf die Nummer 68 fixiert. Komm schon, Cam.

Die letzte Minute tickt runter, und Eve und ich klammern uns buchstäblich aneinander fest, so angespannt sind wir. Es war ein ständiges Hin und Her des Pucks, und schlussendlich sind meine Nerven so zum Zerreißen gespannt, dass ich kapitulierend meine Augen schließe.

»Sag mir, wenn es vorbei ist.«

Die Arena bricht in lautes Gebrüll aus, als die Sirenen ertönen.

»Ist es vorbei?«, frage ich aufgeregt, immer noch mit geschlossenen Augen.

»Mach die Augen auf«, kreischt mir Eve ins Ohr, und ich kann gerade noch sehen, wie Sawyer Cam in die Arme springt, der scheinbar unser Siegestor geschossen hat.

Und obwohl man im Eishockey nie sicher sein kann, dass nicht noch ein Tor fallen kann, dass das Spiel wieder komplett auf den Kopf stellt, jubele ich mir die Seele aus dem Hals.

Als drei Sekunden später dann die Schlusssirene ertönt, rastet die Zuschauermenge der Hillsdale komplett aus.

Ich liebe Eishockey.

•••

»Du warst unglaublich!« Mein Körper und mein Verstand haben die Verbindung verloren, als ich, ohne groß darüber zu überlegen, Cameron in die Arme springe, als er aus den Umkleiden kommt.

Lachend fängt er mich auf und wirbelt mich im Kreis herum. Mein Herz hüpft, springt und tanzt in meiner Brust.

»Wie du über das Eis geflitzt bist und diese Tore geschossen hast ... Wow! Es war so aufregend, dich spielen zu sehen.« Meine Wangen schmerzen, so breit grinse ich.

Schließlich setzt Cam mich wieder auf meinen Füßen ab und fährt sich verlegen durch noch feuchte Haar. Die Enden kräuseln sich mal wieder.

»Danke.« Er schenkt mir ein schiefes Lächeln. »Und danke für den kleinen Anreiz in der Pause.«

»Klar doch, Babe.« Ich zwinkere ihm zu. Allerdings wandern meine Augenbrauen überrascht nach oben, als ich sehe, wie Cams Wangen sich röten.

Oh mein Gott, ist er etwa nervös?

Bei der Nachricht habe ich erst hinterher wirklich realisiert, dass das Babe auch falsch interpretiert werden könnte, aber dann dachte ich daran, dass wir immerhin ein Schauspiel aufrecht erhalten wollen und kleiner Scherz ja nicht schaden kann.

Ich öffne gerade den Mund, um mich herauszureden, als mich eine Stimme erstarren lässt.

»Schnepfe«, zischt Jaycee, als sie und Chloe an Cameron und mir vorbei in Richtung Kabineneingang gehen.

Ich blinzele das schwache Aufflammen von Schmerz weg, als ich auch schon an eine breite Brust gezogen werde. Ich schaue hoch und sehe, wie Cameron den beiden einen mörderischen Blick zuwirft.

»Cam«, flüstere ich, worauf sein Kopf wieder zu mir schnellt. Seine Hand liegt plötzlich unter meinem Kinn und hebt es hoch.

»Sollen sie doch eifersüchtig sein. Sie werden niemals so toll, schön und mutig sein wie du, und dass regt sie so sehr auf.« Sein linker Mundwinkel wandert nach oben, und mein Herz macht gleich drei Salti.

Toll, schön und mutig.

Es wie damals im Einkaufszentrum, als ich mich in Cams Blick verloren habe und unsere Gesichter sich unweigerlich näher gekommen sind, und auf einmal will ich diese blöde Fake-Beziehung und alles, was damit zusammenhängt, über den Haufen werfen und ihm küssen.

Hinter uns geht eine Tür auf und wieder zu und die Stimmen, die ich da höre, vertreiben das Kribbeln in meinem Körper und lassen ihn zu Eis erstarren.

»Ignorier sie einfach. Du bist stärker als das, was sie dir angetan haben, und dafür bewundere ich dich«, flüstert Cam und lehnt sich zu mir runter, seine sturmgrauen Augen in meinen verhakt. Und was er da sieht, bestärkt ihn in dem, was er als nächstes tut; nämlich seine Lippen auf meine zu pressen.

The PactWo Geschichten leben. Entdecke jetzt