Kapitel 39

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𝗖𝗮𝗺𝗲𝗿𝗼𝗻

Es ist fast schon komisch, wie schnell alles wieder zu seiner gewohnten Normalität gefunden hat, obwohl sich bei mir alles verändert hat. Okay - nicht alles. Scheinbar färbt Sawyers Melodramatik allmählich auf mich ab. Trotzdem ist so vieles für mich ab jetzt Neuland; Morgan ist meine Freundin. Nix mehr »vorgetäuscht«, damit Gallagher an seinem Hass erstickt und wir Morgans neu gefundenes Selbstbewusstsein nicht zerstören, indem wir durchsickern lassen, dass alles nur geschauspielert war. Aber kaum etwas war geschauspielert.
Wir sind zusammen. So richtig zusammen. Ich kann ihre Sommersprossen zählen, ohne darauf zu achten, dass sie meine Blicke nicht bemerkt. Kann sie küssen ohne der Intention, eine Show zu bieten. Sie gehört jetzt mir, und jeder Idiot soll's sehen.

»Das klingt so steinzeitlich.« Morgan zieht die Nase kraus, während sie gleichzeitig ihre Finger mit den meiner linken Hand verschränkt, die über ihrer Schulter liegt. Wir gehen gerade mit den letzten Nachzüglern in Richtung Cafeteria.

»Ich meine ja nur. Du gehörst jetzt mir. Offiziell.« Ich stupse sie mit der Hüfte an. »Keiner kann dich mir wegschnappen.« Ich zwinkere ihr zu, worauf sie leicht errötet. Fuck, sie sieht so niedlich aus.

»Du Neandertaler.« Doch sie grinst, als sie es sagt.

Kurz vorm Eingang der Cafeteria tritt plötzlich Penelope in unseren Weg und die gute Laune verfliegt. »Cam, können wir kurz reden?«

Mein ganzer Magen zieht sich vor Grauen zusammen. Morgans Schultern verspannen sich, doch als sie kurz zwischen mir und Penelope hin und her schaut, lässt sie meine Hand los und nimmt mir ihre Körperwärme. »Ich werde euch dann mal alleine l-«

»Nein, danke.«

Morgan japst überrascht auf, als ich mir ihre Hand zurückhole und zu ihr aufschließe, wobei ich Penelope keine Aufmerksamkeit schenke. Wenn sie immer noch nicht verstanden hat, dass wir keine Freunde sind und ich niemals wieder etwas mit ihr anfangen werde, kann ich ihr auch nicht helfen. Außerdem muss Morgan sich nicht unnötig mies fühlen, denn ich weiß, dass sie das tut, wenn Penelope in der Nähe ist. Ich habe nur ein Mal knapp mitbekommen, wie Penelope etwas gesagt hat, worauf Morgan ihre Gabel beiseite gelegt und für den Rest der Mittagspause ihr Essen nicht mehr angerührt hat. Morgan hat es nicht verdient, sich wegen so einer Person wie Penelope schlecht zu fühlen, die an Stärke gewinnt, wenn sie andere Leute runter macht.

Ich ziehe Morgan zurück an meine Seite und drücke ihr einen schnellen Kuss auf die Wange, während sie unschlüssig herumsteht.

»Ach, und Penelope?«

Ich kann förmlich spüren, wie sie mir vor Empörung den Hinterkopf mit ihrem Blick versenkt. »Such dir endlich einen anderen Tisch. Ich will mit niemandem essen, der gerne Leute, die mir wichtig sind, verletzt.«

Morgan drückt sich an meine Seite, als wir uns in die Schlange der Essensausgabe reihen, was ich als Danke verstehe. Mein Kuss auf ihren Scheitel ist ein nichts zu danken.

»Hey Cap! Was hast du mich eigentlich an meinem Geburtstag zu versetzen? Bist ein toller bester Freund.« Sawyer empfängt uns mit einem grimmigen Blick. Ein paar der Jungs werfen ihm feixende Bemerkungen zu. »Du warst doch viel zu dicht, um das zu bemerken!«, ruft Calvin, worauf auch er nun den grimmigen Blick kassiert.

Morgan und ich stellen unsere Tablets ab und nehmen gegenüber von Sawyer und Deacon Platz, wobei Letzterer mit einem merkwürdigen Blick in eine Ecke der Cafeteria starrt. Als ich einen flüchtigen Blick über die Schulter werfe, fällt meine Aufmerksamkeit auf Eve und ihren Freund Dan, die an einem kleinen Tisch nur zu zweit sitzen, doch so wie Dan gerade mit den Armen in der Luft fuchtelt und aufgebracht auf Eve einredet, wundert es mich nicht, dass sie nicht bei uns sitzen wollen. In mir nistet sich ein ungutes Gefühl ein. Es wird stärker, als Eve ihre Position ändert, sodass ich ihr Gesicht deutlicher sehen kann, welches tränenüberströmt ist. Der ruhige, zurückhaltende Dan und die strahlende, immer gut gelaunte Eve haben plötzlich ganz andere Rollen eingenommen. Mit einem Mal springt Eve auf und rennt aus der Cafeteria. Der große-Bruder-Instinkt kickt rein, und ich will mir Sawyer schnappen und ihr nachrennen, doch da summt plötzlich Morgans Handy, und nach einem kurzen Blick aufs Display ist sie bereits aufgesprungen und in wenigen Schritten am Ausgang.

»Äh ... was war das denn?« Sawyers Mozzarella-Stick schwebt vergessen vor seinem Mund.

Mit einem kurzen Seitenblick zu Deacon wende ich mich meinem besten Freund zu. »Weißt du, ob alles gut mit Eve ist? Hat sie zur Zeit Streit mit Dan?«

Deacons Kopf ruckt wie erwartet in meine Richtung. Ich ignoriere ihn. Sawyer schiebt sich den Mozzarella-Stick in den Mund und legt beim Nachdenken die Stirn in Falten. Sein lautes Schmatzen mal wieder deutlich zu hören, um mich zu reizen. »Nicht, dass ich wüsste. Soweit du mich fragst, wissen die beiden überhaupt nicht, was Streiten heißt. Dan macht nichts anderes, als meiner Schwester wie ein liebestoller Welpe hinterherzulaufen.«

Sawyer merkt es vielleicht nicht, doch ich habe das Zucken in Deacons Kiefer auf jeden Fall bemerkt.

Mein Handy vibriert in meiner Hosentasche.

𝗠𝗼𝗿𝗴𝗮𝗻: 𝗪𝗮𝗿𝘁𝗲 𝗻𝗶𝗰𝗵𝘁 𝗮𝘂𝗳 𝗺𝗶𝗰𝗵. 𝗠𝘂𝘀𝘀 𝗵𝗶𝗲𝗿 𝗳𝗶𝘅 𝗲𝗶𝗻𝗲𝗻 𝗕𝗿𝗮𝗻𝗱 𝗹𝗼̈𝘀𝗰𝗵𝗲𝗻.

Ich habe bereits vermutet, dass die eingegangene Nachricht an Morgan von Eve war. Ich tippe eine Antwort.

𝗜𝗰𝗵: 𝗔𝗹𝗹𝗲𝘀 𝗸𝗹𝗮𝗿.
𝗜𝗰𝗵: 𝗚𝗲𝗵𝘁 𝗲𝘀 𝗘𝘃𝗲 𝗴𝘂𝘁?

Morgans Antwort lässt auf sich warten, erst als es zur nächsten Stunde klingelt und somit die Mittagspause ihr Ende findet, vibriert mein Handy erneut.

𝗠𝗼𝗿𝗴𝗮𝗻: 𝗗𝗮𝘀 𝘄𝗶𝗿𝗱 𝘀𝗰𝗵𝗼𝗻 𝘄𝗶𝗲𝗱𝗲𝗿.

•••

Ich habe Morgan den restlichen Tag nicht mehr gesehen, doch was ich gesehen habe, war Deacons Unaufmerksamkeit; bei der Tabletrückgabe, als ihm sein ganzes Essenstablet kurz vor der Ablage aus den Händen auf den Boden gefallen ist; im Unterricht, als unser Physiklehrer ihn drei mal ansprechen musste, bevor er reagiert hat; und zuletzt beim Training, wie er hauptsächlich übers Eis geschlittert ist, andauernd Pässe verpasst hat und mehr als einmal von den Füßen gefegt wurde. Coach Sullivan hat ihn irgendwann auf die Bank verfrachtet, als er es nicht mehr ausgehalten hat.

Als wir nun zur Umkleide stiefeln, ist Deacon der erste, der unter die Dusche verschwindet. Ich entledige mich flott meiner Ausrüstung und dusche dann genauso schnell. Allerdings ist Deacon noch schneller.

»Hey, Mann, warte!« Nur mit Jeans und Socken und noch komplett nassem Oberkörper laufe ich nach draußen in die Kälte der Halle. Deacon bleibt nicht stehen. »Deacon, verdammt! Bleib stehen!«, rufe ich und benutze dabei meine Kapitänen-Stimme. Deacon friert zur Salzsäule, dreht sich allerdings nicht zu mir um.

»Rede mit mir. Was ist mit Eve los?«

Endlich auszusprechen, dass Deacon mehr mit Eve privat zu tun hat, als man meinen sollte, ist gleichzeitig befreiend und beängstigend. Eve ist wie eine kleine Schwester und gleichzeitig ist Deacon wie mein Bruder. Dass Deacon sich da in irgendwas verstrickt haben könnte, gefällt mir gar nicht.

Es sieht kurz so aus, als würde Deacon sich zu mir umdrehen, doch dann strafft er plötzlich nur seine Schultern und stakst einfach weiter, ohne ein Wort zu sagen, bis er den Ausgang erreicht hat und aus der Arena verschwunden ist. Meine Rufe ignoriert er einfach.

Verdammt. Was ist da nur los?

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⏰ Letzte Aktualisierung: Feb 07 ⏰

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