Einen wunderschönen guten Abend ihr Lieben!
...und Überraschung!!
Nach extrem langer Wartezeit darf ich euch endlich, endlich die Fortsetzung präsentieren! Es tut mir wirklich sehr leid, dass es so lange gedauert hat, aber privat bleibt einfach nicht mehr so viel Zeit zum Schreiben wie früher. :(
Aber: auch das nächste Kapitel ist immerhin schon mal zu drei Dritteln fertig, also werdet ihr dafür ganz sicher nicht mehr so viel Geduld brauchen wie bis zu diesem! Großes Indianerehrenwort.
Dann wünsche ich euch mal ganz viel Spaß beim Lesen und danke vielmals, dass ihr so geduldig gewesen seid - ihr seid die Besten!!! <33
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~Sina~
„Nette Bude... bisschen klein, aber deiner Körpergröße angemessen. Und Marco ist ja zum Glück kein Klaustrophobiker", lautet Izous fröhlicher Kommentar, kaum, dass ich meine Tür aufgeschlossen und ihn reingebeten habe. Ich verdrehe die Augen und folge ihm in den Wohnraum; das Schuhe ausziehen spare ich mir aber, denn wir sind ja nur kurz hier, um mein Zeug zu holen.
„Kostet es dich eigentlich arg viel Mühe, deinen besonderen Charme in Gegenwart deiner Kunden im Zaum zu halten, damit sie nicht gleich wieder fluchtartig deinen Laden verlassen?", entgegne ich trocken und krame meine noch nicht oft benutzte Schwimmtasche aus dem Schrank, ehe ich im Badezimmer verschwinde und mit einem anhaltend flauen Gefühl im Magen meine Wasch- und Schminksachen einpacke. Mir ist noch kein Stückchen wohler bei dem Gedanken, dass ich in wenigen Stunden unangemeldet auf der Geburtstagsparty aufschlagen werde... und mein Wochenende dort verbringe. Aber was für eine Wahl hab ich? Der Hühner-Deal steht und allein mein Ego verbietet es mir, jetzt noch einen Rückzieher zu machen.
„Überhaupt nicht! Mein besonderer Charme ist nämlich nur für die Familie reserviert. Bei der Arbeit fällt es mir eher schwer, nicht sofort ein Arsch zu sein, wenn mir jemand auf die Nerven geht... und du ahnst ja gar nicht, wie oft gewisse Kunden meine Nerven strapazieren!", lautet seine unbekümmerte Antwort, die mich unwillkürlich glucksen lässt. Ja, das kann ich mir wiederum sehr gut vorstellen – aber das bewundere ich ja grundsätzlich bei allen Verkäuferinnen und Verkäufern, egal in welcher Branche... also dass sie unfreundlichen, penetrant-nervigen Kunden nicht einfach irgendwann nur noch einen aussagekräftigen Tritt geben. Ich finde ja, das sollte ab einer bestimmten Anzahl an Schlichtungsversuchen vertraglich erlaubt sein.
Bevor ich das Bad wieder verlasse, kann ich mir einen weiteren, höchst erfreuten Blick in den Spiegel nicht verkneifen. Izou hat den ersten Teil des Deals nämlich wie versprochen erfüllt und mich sowohl eingekleidet als auch gestylt... und verdammt, das kann er wirklich gut! Auch wenn die weiße Dreiviertelhose mit den goldenen Zierknöpfen an den Seiten und das violette, locker fallende Neckholdershirt mit Goldaufdruck lässig wirken: es sieht alles so fantastisch aus!! Genau wie das mit zwei größeren Kämmen an den Seiten locker hochgesteckte Haar und die dezente Schminke... ich liebe es wirklich. Schnell ergänze ich das Bild noch mit goldenen Ohrringen und meiner ebenfalls goldenen Lieblingskette mit dem Flügelanhänger, die ich damals schon bei dem ersten Treffen mit Marco getragen hab. An jenem ereignisreichen Tag, als er mir nur die Bibliothek zeigen wollte... was dann aber zu unserem ersten Date geworden ist.
Bei der Erinnerung an seinen angespannten, nervösen Blick, als er mich zum Abendessen eingeladen hat, muss ich automatisch lächeln und meine eigene Nervosität legt sich ein wenig. Damals ist mir noch nicht klar gewesen, wie viel Überwindung und Mut ihn dieser Schritt gekostet haben muss... heute weiß ich es. Und ich bin so unendlich dankbar, dass er ihn gewagt hat!! Ich wüsste nämlich nicht, ob ich mich je getraut hätte, meinen Chef auch privat irgendwie einzuladen; zumal ich auch nie geglaubt hätte, dass jemand wie er sich tatsächlich für mich interessieren könnte. Dass ich jetzt so wahnsinnig glücklich bin, hab ich also nur ihm und seinem Mut zu verdanken... also ist es jetzt doch nur fair, dasselbe auch für ihn zu tun. Jetzt bin ich dran, mutig zu sein – um ihn glücklich zu machen.
„Hat Marco dir den geschenkt?"
Aus meinen Gedanken gerissen zucke ich kurz zusammen, als Izou plötzlich neben mir steht und schmunzelnd auf den Anhänger zeigt, den ich versonnen zwischen den Fingern gehalten habe. Ich schüttle den Kopf.
„Nein, den hab ich mir selbst gekauft. Als Glücksbringer, gleich an meinem ersten Tag hier in Irland. Aber ich hab ihn getragen, als ich mich zum ersten Mal privat mit Marco verabredet hab – und wie du siehst, hat er mir ganz offensichtlich tatsächlich Glück gebracht! Sogar sehr viel mehr, als ich mir überhaupt je erhofft hab", erkläre ich ihm mit glänzenden Augen und bringe dann endlich meinen Waschbeutel zur Tasche. „Brauch ich eigentlich noch was Bestimmtes für die zwei Tage außer normaler Wechselwäsche und Waschzeug?"
„Badesachen. In letzter Zeit wars warm und es gibt einen Schwimmteich auf dem Gelände, wenn das Wetter gut bleibt, wird er sicher auch genutzt!", antwortet Izou, geht ohne Umschweife an meinen Kleiderschrank und durchforstet gut gelaunt den Inhalt.
„...tu dir übrigens keinen Zwang an", bemerke ich sarkastisch und stehe notgedrungen tatenlos neben meiner Tasche, denn er beansprucht den ganzen Platz davor. Er schenkt mir ein unverfrorenes Grinsen und verfrachtet zwei Shirts und einen leichten Pullover in die Tasche.
„Mach ich nicht, danke! Gehört zu meinem Job als potenzieller Schwager, deine Mode im Auge zu haben und mir einen Überblick zu verschaffen. Sieht aber gar nicht schlecht aus, auch wenn wir das Inventar noch gut aufstocken können", entgegnet er lässig und lässt eine kurze und eine lange Hose folgen. „Da du ja grade sowieso nur rumstehst, erzähl doch mal: wie kams eigentlich zu dem ersten Treffen? Wer hat wen gefragt und wie hat es sich allgemein weiterentwickelt? Du hast gesagt, es ging recht schnell?"
Ungläubig über diesen unverfrorenen Kerl den Kopf schüttelnd hocke ich mich auf mein Bett, obwohl ich mir ein Grinsen verkneifen muss. Solcherlei komplett zwangloses Verhalten irritiert mich auch nach den vergangenen Monaten hier immer noch ein bisschen... aber andererseits gibt es mir dieses Ehrliche, Ungezwungene auch ein gutes Gefühl. Gerade WEIL es so gegensätzlich ist zu dem, wie ich aufgewachsen bin.
„Ja, es war auch schnell... montags haben wir uns in der Praxis kennengelernt, dienstags waren wir beim ‚du' und haben uns ab da jeden Morgen vor Arbeitsbeginn bei einem Kaffee unterhalten. Naja, und am Freitag hat er mir angeboten, dass er mir am Nachmittag die Bibliothek zeigen können, nachdem ich erwähnt hatte, dass ich bisher noch keine gefunden hab. Also haben wir uns getroffen und dann in der Bibliothek festgestellt, dass wir beide gern wandern, woraufhin wir erstmal stundenlang irgendwelche Wanderguides durchgeschaut haben. Und als ich mich schon verabschieden wollte... hat er mich plötzlich gefragt, ob es als Date zählen würde, wenn er mich jetzt spontan zum Abendessen einladen würde", erzähle ich und muss dabei schon wieder lächeln. „Weißt du, ich hab schon von Anfang an für ihn geschwärmt... im Grunde schon ab dem Moment, in dem ich ihn nach seiner Rückkehr vom Urlaub in seine Praxis fast über den Haufen gelaufen hab. Darum war ich bei der Frage total aus dem Häuschen, hab sofort ja gesagt und es auch nicht bereut... der Abend war noch richtig schön. Am Sonntag hatten wir dann auch gleich unser zweites Date – er hat Stadtführer gespielt und mir Dublin gezeigt. Anschließend sind wir in Thatchs Lokal Essen gegangen und er hat ihn mir vorgestellt..."
Izou schmunzelt.
„Das ging ja wirklich schnell, hätt ich unserem sonst so durchgeplanten Commander gar nicht zugetraut. Aber vier Jahre Enthaltsamkeit haben da wohl doch eine Rolle gespielt, dass es so unkompliziert lief... oder?" Aufmerksam hält er inne, als mein Lächeln dabei ein wenig verblasst. Ich seufze.
„Ganz so unkompliziert wars leider nicht. Als er mich nach dem Date nach Hause gebracht hat, haben wir uns geküsst... oder wollten es zumindest, denn plötzlich hat Marco Panik bekommen und mich mehr oder weniger aus dem Auto geschmissen. Ich wusste damals aber noch nichts von Celine, also dachte ich, dass er es sich doch anders überlegt hat und das zwischen uns beenden will, bevor es richtig angefangen hat..."
Bedrückt und wütend zugleich verzieht Izou das Gesicht.
„Hah... wär ja auch zu schön gewesen, wenns so leicht gewesen wäre. Blödes Miststück, ich hoffe wirklich, wenigstens das Karma hat bei ihr ordentlich zugeschlagen... ich sollte mich vielleicht mal vergewissern, der würd ich nämlich kein Glück gönnen", knurrt er und seine Augen lodern förmlich, was ich ihm keineswegs verdenken kann.
„Keine schlechte Idee. Sag Bescheid, falls doch – mein Bruder ist ein toller Anwalt und könnte bei mir sicherlich auf Unzurechnungsfähigkeit plädieren", entgegne ich trocken, während ich ein Handtuch aus dem Bad hole – was ihm offensichtlich gefällt.
„Gut zu wissen, dass ich nötigenfalls eine Komplizin für meine bösen Taten hätte... sags aber niemandem, Marco würde es uns nur ausreden wollen", grinst er dunkel und zwinkert mir verschwörerisch zu, woraufhin ich mir in bester Bösewicht-Manier die Hände reibe und schurkusch lache.
„Oh, das krieg ich hin! Diese Kuh hat echt alles verdient... unsere Rache wird fürchterlich sein, Muahahaha!"
Izou prustet unvermittelt los.
„Oi, Vorsicht, Schatz – sonst bekomm am Ende ich noch Angst, dass ICH gefesselt im Horrorkeller unseres Splatterfilms lande!", gluckst er, ehe er sich wieder meinem Kleiderschrank widmet und ernster wird. „Habt ihr dieses Missverständnis wenigstens einigermaßen unkompliziert lösen können?"
„Mehr oder weniger... zugegebenermaßen hab ich mich zuerst ziemlich unreif verhalten und bin ihm aus dem Weg gegangen, weil ich echt Schiss vor einer Abfuhr hatte, aber ein paar Tage später stand er auf einmal vor meiner Tür und hat mir alles erklärt. An dem Abend haben wir uns dann zum ersten Mal richtig geküsst... und er hat mich auf unser drittes Date eingeladen: eine Wanderung samt Picknick", berichte ich weiter, was mein Herz gleich wieder schneller schlagen lässt bei der Erinnerung „Und oh man, dieses Picknick hättest du sehen sollen!! Er hat sich solche Mühe damit gegeben... sowas unglaublich Liebes hat noch nie jemand für mich gemacht. Tja... und seit diesem Tag sind wir zusammen!"
„Naw... ja, das klingt nach Marco. Wenn er was macht, dann immer mit Herzblut. Schöne Geschichte, gefällt mir! Und wird ganz bestimmt auch dem Rest der Irren gefallen... ha, ich hoffe, du bist auf Andrang vorbereitet!", lacht er heiter, was mich sofort wieder ziemlich nervös das Gesicht verziehen lässt.
„Nein... nicht wirklich...", murmle ich unruhig, während ich noch ein paar Schmuckstücke in meinen Kulturbeutel lege und festere Schuhe, falls sich das Wetter doch verschlechtern sollte und meine Sandalen mir kalte Füße bescheren würden. Was vielleicht jetzt schon keine schlechte Idee wäre, obwohl diese kalten Füße grade eher nicht wetterbedingt sind. Allerdings würde Izou mich wohl lynchen, wenn ich zu seinem Outfit in meine Turnschuhe schlüpfen würde. „Wie sind eure übrigen Brüder denn so? Neben Thatch und Ace hab ich immerhin auch Vista schon mal kurz getroffen... es wird mich keiner fressen, oder?", füge ich die nur halb scherzhafte Frage hinzu, was meinen potenziellen Schwager erheitert prusten lässt.
„Och, keine Sorge. Alles Idioten, aber von der guten Sorte! Keiner wird dich fressen und mit keinem wirst du irgendwelche Probleme bekommen... ich sollte dich allerdings warnen, manche sind etwas grobmotorisch und besitzen wenig Feingefühl; bevor dir also einer im Überschwang seiner Gefühle die Rippen bricht oder anderweitig Grenzen überschreitet, sag es ihnen. Deutlich bitte, nicht irgendwie zwischen den Zeilen. Aber sonst brauchst du weder von denen noch vor Pops Angst haben... und falls du doch irgendwie Panik bekommen solltest, stell sie dir doch alle einfach nackig und nur mit diesem schicken Teil hier bekleidet vor!" Feixend hält er meinen pfirsichfarbenen, stilvoll berüschten Tanga hoch. „Guter Geschmack übrigens in Punkto Dessous..."
Marcos Brüder – und Vater – in meinem Tanga?!?!
Dieses absolut entsetzliche Kopfkino lässt mich vor lauter explodierendem Gelächter fast in die Knie gehen, während mir zugleich vor lauter Verlegenheit die Hitze ins Gesicht steigt und ich ihm ganz schnell das Wäschestück aus der Hand reiße.
„Du... Blödmann...!", japse ich und schubse ihn zugleich energisch von meinem Kleiderschrank und meiner Unterwäscheschublade weg. „Was sagtest du grade zum Thema ‚Grenzen überschreiten'...? Pfoten weg!" Mit hochrotem Kopf, aber noch immer kichernd, stecke ich meine Wechselunterwäsche plus Bikini selber in die Tasche und mache sie schnell zu. Gott, ich darf mir das auf gar keinen Fall später vorstellen!! Das wäre ja ein toller erster Eindruck, wenn ich ohne Grund plötzlich drauf loskichere...
Immerhin muss auch Izou lachen, während er sich betont langsam trollt.
„Was denn? Das war doch nur ein kleiner Test... und gleichzeitig eine nett gemeinte Hilfestellung für den Notfall!", erwidert er reuelos und wartet an der Tür auf mich, bis ich mit Jacke und Gepäck abreisebereit bin. „So, dann stürzen wir uns mal ins Vergnügen, oder?"
„Juhuuu...", seufze ich eher kläglich und folge ihm wieder nach draußen.
Der Weg die Treppe runter bis in sein Auto hat dabei etwas beunruhigend Endgültiges an sich und bei allem guten Willen, um Marcos Willen mutig sein zu wollen: mir ist schon ein bisschen flau im Magen, als ich auf dem Beifahrersitz platznehme und Izou kurz darauf den Motor startet.
Oh, man... jetzt gibt es eindeutig kein Zurück mehr, oder? Hab ich mir das echt gut überlegt? Will ich wirklich unangemeldet auf dieser Feier auftauchen und da Marcos Vater unter die Augen treten? Oder soll ich mich vielleicht doch einfach kopfüber aus dem fahrenden Wagen...
Das Klicken der Zentralverriegelung lässt mich zusammenzucken.
Perplex schaue ich zu meinem Fahrer, der soeben den Finger von dem entsprechenden Knopf nimmt und breit grinst.
„Nur für alle Fälle... ich will ja nicht, dass du dir was brichst, falls dein inneres Hühnchen doch die Oberhand gewinnt und du Dummheiten machst! Denn wenn du dir dabei was brichst, müsste ich wohl umgehend ins Zeugenschutzprogramm und das Land verlassen, um vor Marcos Rache sicher zu sein!", erklärt er todernst, ehe er verschmitzt zu mir rüberlinst. „Wie hoch sind wir denn schon auf der Chicken-Run-Skala? Noch alle Federn dran oder rennen wir schon panisch gackernd im Kreis und verlieren dabei die ersten Eier?"
Mit hochgezogenen Brauen und ohne zu blinzeln starre ich ihn an. Was ihm angesichts seines unverfrorenen Grinsens vollkommen bewusst ist, obwohl er sich grade ganz, GANZ stark auf den Verkehr vor ihm konzentrieren muss. Erstaunlich, dass er das noch kann – eigentlich müsste er tot umfallen.
Schade.
„Dein strategisches Denken ist bewundernswert – und es funktioniert wirklich! Auf wundersame Weise hab ich überhaupt keine Angst mehr vor deinen Brüdern, obwohl ich sie nach wie vor nicht kenne. Aber dank deiner Bemühungen weiß ich jetzt schon, dass keiner in mir auch nur ansatzweise solche Gewaltfantasien auslösen wird wie du, Schatz!", entgegne ich süßlich.
„Oh, das Kompliment bedeutet mir viel... vor allem, weil ich ganz genau weiß, dass du mich zwischen all diesen Gewaltfantasien auch magst. Ich würde sagen, das ist der Beginn einer wundervollen Beziehung... es geht doch schließlich nichts über eine gut gepflegte Hassliebe!", antwortet er schmachtend und wirft mir eine Kusshand zu, die ich zwar auffange, aber dem imaginären Küsschen in der Hand erst mal eine liebevolle Faust gönne, bevor ich es mir ans Herz drücke – was ihn endgültig in heiteres Gelächter ausbrechen lässt. Und mich damit auch noch ansteckt.
Aber Herrgott, er ist wirklich so ein Arsch!! Ein Arsch, den ich blöderweise tatsächlich mag, wenn ich ihn nicht grade wie einen Truthahn würgen will. In gespielter Verzweiflung werfe ich die Hände hoch und lasse mich dann in den Sitz zurücksinken.
„Marco hätte mich echt vor dir warnen sollen... dafür bekommt er definitiv noch eine Ansage. Und einen Tritt! Oder drei...", grummle ich gespielt leidend, was ihn glucksen lässt.
„Mach das! Aber... wenn du so gütig wärst: bitte erst nachdem Marco hoffentlich wieder mit mir spricht, ja? Ich glaube, es würde die falschen Vibes erzeugen, wenn wir zusammen da aufkreuzen und du ihn direkt tätlich angreifst...", entgegnet er grinsend, doch der nervöse Unterton entgeht mir nicht. Ha, er ist also genauso wenig locker wie ich!
„Ach, das wird schon... nur keine Angst, ich bin doch bei dir! Und falls DEINE Chicken-Run-Skala ihr Limit erreicht, wenn du vor ihm stehst: stell ihn dir doch einfach in meinem Tanga vor!", gebe ich seine Hilfestellung in mütterlichem Ton zurück und bringe ihn damit erneut zum Prusten.
„AH! Shit, dieses Bild werd ich so schnell nicht mehr los... ich sollte besser aufpassen, was ich in deiner Gegenwart so von mir gebe...", gluckst er zufriedenstellend selbstkritisch, doch dann wird er wieder ernst und seufzt. „Schiss hab ich aber schon die ganze Zeit. Auch wenn du gesagt hast, dass ER sich entschuldigen will und mir überhaupt nicht sauer ist, obwohl ich das wirklich verdient hätte... ich hab offen gestanden trotzdem Angst, dass selbst mit Versöhnung irgendwas zwischen uns unwiederbringlich kaputt gegangen ist. Dass unser Verhältnis nie mehr das wird, was es mal war, wenn du verstehst, was ich meine..."
Schon wieder überrascht von seiner unerwarteten Ehrlichkeit mir gegenüber sehe ich ihn besorgt von der Seite an. Sein Blick ist unverwandt auf die Straße gerichtet, aber sein Ausdruck hat etwas Bitteres und seine Hände umfassen das Lenkrad ein wenig fester als nötig. Und ich kann wirklich verstehen, wie er sich fühlt... ich kenne diese Angst des Zurückgewiesen werdens ja nur zu gut; genau deshalb hab ich doch nie versucht, mit Sabo Kontakt aufzunehmen. Weil ich dachte, dass er mir meine Worte nie wirklich verzeihen könnte, selbst wenn ich ihm erklärt hätte, warum ich sie überhaupt aussprechen musste. Aber zu meinem Glück haben sich meine Ängste als unbegründet erwiesen: Sabo hat mich von Anfang an verstanden und war einfach nur froh, mich wiederzuhaben – und genauso wird es auch bei Marco sein, da bin ich absolut sicher.
„Das glaube ich nicht", erwidere ich deshalb leise, aber bestimmt. Auf seinen skeptischen Blick hin lächle ich ihn aufrichtig an. „Marco vermisst dich in seinem Leben genauso sehr wie du ihn – er wünscht sich euer Verhältnis doch genauso zurück! Außerdem bezweifle ich doch sehr, dass er sich mit weniger zufrieden geben würde... wie wir gesagt haben: die Familie ist für ihn doch das Wichtigste. Von daher mache ich mir da ehrlich gesagt keine Sorgen!"
Izou, der mir aufmerksam zugehört hat, schmunzelt nun verhalten und lehnt sich immerhin ein wenig entspannter auf dem Fahrersitz zurück.
„Das ist schön zu hören... danke", entgegnet er aufrichtig, ehe sein Ausdruck wieder eindeutig schelmisch wird. „Sorgen solltest du dir allerdings trotzdem machen. Wenn du Recht behältst, heißt das nämlich, dass du mich in Zukunft noch sehr viel öfter an der Backe hast als nur während unserer vorübergehenden Zusammenarbeit in meinem Atelier! Glaubst du wirklich, du hast die Nerven dafür?" Mit bedeutungsvoll wackelnder Augenbraue sieht er mich an, während wir an einer Ampel auf Grün warten.
„Oh..." In gespieltem Entsetzen lege ich kurz die Hand vor meinen Mund. „Verdammt, das hatte ich nicht bedacht! Nein, ich fürchte, das ist keine gute Idee – ich weiß nicht, wie oft ein Richter die Sache mit der Unzurechnungsfähigkeit tolerieren würde. Verdammt, aber drum rum werd ich wirklich nicht kommen, oder? Obwohl – doch. Weißt du was? Am besten planen wir direkt feste Betreuungszeiten! Ich überlasse dir Marco jedes zweite Wochenende für einen halben Tag, außerdem einen der Weihnachtsfeiertage UND du hast das Besuchsrecht an Geburtstag und Silvester! Aber wag es ja nicht, den reinen Spaßmacher zu spielen und mir mit deinen ungehobelten Allüren die Erziehung zu versauen!"
Der Angesprochene fährt fast seinem Vordermann in den Kofferraum, als er in jähes Gelächter ausbricht. So sehr, dass er sich kaum aufrecht halten kann und kurzzeitig langsamer fahren muss, bis er sich wieder im Griff hat.
„Die... Erziehung versauen...", japst er bodenlos erheitert und erleidet einen erneuten Kicheranfall, sodass es dauert, bis er sich wieder artikulieren kann. Er wirft mir einen vergnügten Blick zu, während wir die Stadt Dublin nun endgültig hinter uns lassen. „Meine Liebe, ich glaube, wir beide werden noch eine ganze Menge Spaß miteinander haben!"
„...sofern wir beide nicht von Marco gefressen werden, weil er es uns vielleicht doch ein kleines bisschen übelnimmt, wenn wir ihn mit unserem unangekündigten Auftauchen unter den Augen seiner ganzen Familie total überrumpeln und überfordern...?", ergänze ich jedoch etwas kleinlaut, was auch Izou ein wenig beunruhigt das Gesicht verziehen lässt. Ganz gleich, wie oft wir uns hier gegenseitig versichern, dass alles gut wird: keiner von uns kann die Reaktionen zu hundert Prozent vorhersagen und deshalb geht uns beiden auch noch immer der Popo ein wenig auf Grundeis bei dem Gedanken an das Kommende.
„Jaaah... das wohl vorausgesetzt...", stimmt er unbehaglich seufzend zu. Doch dann grinst er sofort wieder. „...wenn ich ihm dich aber zuerst zum Fraß vorwerfe, bliebe mir vielleicht wenigstens genug Zeit zur Flucht! Ich würde dein edles Opfer aber für immer im Herzen tragen, versprochen!"
Empört boxe ich ihm gegen den Oberarm.
„Du bist SO ein Arsch! Ernsthaft! Aber mach das ruhig; ich werde dich danach so grausam heimsuchen, dass du posthum einen Oskar für deinen splatterfilmreifen Selbstmord verliehen bekommst!", prophezeie ich ihm grimmig, doch meine Mundwinkel zucken dabei verdächtig. Izou prustet und boxt spielerisch zurück.
„Wie ich sagte: wir werden viel Spaß haben! Falls wir überleben. Oder wenigstens einer von uns..."
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~Marco~
„UAAAAAH... SHIT!!"
Bei dem Ausruf und dem darauffolgenden Krachen und Scheppern, das von vielfachem Gelächter und Applaus begleitet wird, entkommt mir ein Seufzen. Und ein Schmunzeln. Ich hätte mir gleich denken können, dass die bisherigen Vorbereitungen viel zu glatt gelaufen sind und das nicht so bleiben wird.
‚Ace, der von Haruta oder Curiel zu irgendwas Blödem angestiftet wurde, aber leider - völlig unerwartet - gescheitert ist... und jetzt in einem Scherbenmeer steht', lautet meine Vermutung in Gedanken, während ich die riesige Küche des Heims betrete – und mir gleich darauf imaginär selbst auf die Schulter klopfe, als ich meinen feurigen kleinen Bruder ziemlich bedröppelt zwischen einer beachtlichen Menge an Besteck, Scherben und auf dem Boden verteilten Salat stehen sehe.
„Will ich wissen, wovon du überzeugt warst, dass du es unfallfrei hinbekommen würdest, das dann aber völlig unvorhersehbar doch nicht geklappt hat?", frage ich den Verursacher, bedache dabei aber auch meine drei übrigen anwesenden Brüder mit kritischem Blick. Deren Unschuldsmienen ich ihnen weder in unserer Jugend noch heute abkaufe.
„Ähm... nein, ich glaube nicht", ist Ace wenigstens ehrlich und flitzt in eine der Abstellkammern, um Schaufel und Besen zu organisieren, während auch die anderen ohne weitere Aufforderung schleunigst mit dem Beseitigen des Chaos beginnen.
„...aber ein paar Meter hat er es geschafft", verteidigt Haruta ein wenig kleinlaut seine Ehre, während er zusammen mit Rakuyou das Besteck einsammelt.
„Dann habt ihr ja Glück, dass es nur den Salat getroffen hat, yoi?", entgegne ich trocken und zähle dabei neues Besteck aus einer der vielen Schubladen. Zum Glück wird uns das nicht so schnell ausgehen; (sauberes) Geschirr allgemein hat in diesem Heim traditionell keine lange Lebenserwartung, weil es vermutlich fast öfter auf dem Boden landet als zweckgemäß auf dem Tisch zu stehen.
„Wir hätten es gar nicht versucht, wenn es NICHT der Salat gewesen wäre!", korrigiert mich der dritte im Bunde, Curiel, und schiebt sich verschmitzt grinsend eine verunfallte Tomate in den Mund, was mich auflachen lässt. Viele dumme Ideen, Chaos, Scherben, Lärm, zum Scheitern verurteilte Ausreden und irgendwer, der irgendwas vom Boden isst - hach, ich bin zweifellos zuhause!
„...und für den Salat habt ihr euch entschieden, weil ich euch filetiert und auf kleiner Flamme langsam und ausgesprochen genüsslich geröstet hätte, wenn ihr das mit meinen liebevoll zubereiteten Köstlichkeiten getan hättet?", will Thatch trocken wissen, der soeben die Küche hinter mir wieder betreten hat und den grade besorgten Schnittlauch geschickt zu zerkleinern beginnt. Ohne hinzusehen übrigens, denn sein stechend-drohender Blick liegt auf den vier Angeklagten, die in einer sehr synchronen Bewegung entwaffnend die Hände heben. In Punkto Essen (oder Verschwendung von Essen) legt sich wirklich niemand freiwillig mit Thatch an... erst recht nicht, wenn er grade auch noch ein Küchenmesser in der Hand hat.
„Würden wir nie tun, Bruderherz!", schwor Rakuyou feierlich, sogar mit Hand über dem Herzen. „Du weißt doch, dass wir dein Futter mit all unserer Ehre verteidigen würden!"
„...und wir viel zu heißt drauf sind, als dass wir auch nur einen kostbaren Krümel davon verschwenden würden!", schließt sich Curiel sofort an und sinkt dramatisch vor einer Platte voller marinierter Steaks auf die Knie – was Haruta zum Anlass nimmt, sich sogar noch dramatischer davor auf den Bauch zu werfen.
„Wir beten dein Essen doch förmlich an, geschätzter Bruder – es wäre ein Sakrileg, sein kurzes Leben für Unterhaltungszwecke aufs Spiel zu setzen!", rief er theatralisch und auch Ace schloss sich der Posse an, indem er dem heißbegehrten Fleisch mit einer tiefen Verbeugung huldigte.
„Wir würden bittere Tränen vergießen, wenn deine Köstlichkeiten so ein unwürdiges Ende finden würden..." Als er sich wieder aufrichtet, grinst er breit. „...wobei ich sie nötigenfalls auch vom Boden essen würde!"
Nicht nur Thatch lacht daraufhin laut auf, wir alle schließen uns ihm erheitert an.
„Es ist lustig, weil es wahr ist, oder?", lautet Sabos rhetorische Frage dazu, der grade schmunzelnd zusammen mit Edward Newgate persönlich den Raum betritt. Er kennt unsere Familie eben doch schon länger...
„GUARHARHAR, was denkst du – natürlich isses wahr", lachte der Hüne, dessen eindrucksvolle Präsenz trotz seines fortgeschrittenen Alters sofort alle anderen dominiert. Und mir zuverlässig ein Lächeln verpasst. Er ist aber auch nach wie vor eine beeindruckende Erscheinung mit seinen über zwei Metern Höhe und seinem rein aus Muskeln bestehenden Körperbau... live sogar noch mehr als auf den Fotos, wie ich zugeben muss. Eine Tatsache, die vermutlich auch nicht grade zu Sinas Beruhigung beigetragen hat, wie ich vermute.
Ich verkneife mir zum wiederholten Male ein wehmütiges Seufzen; ich hätte sie ihm wirklich wahnsinnig gern vorgestellt... zumal ich mir absolut sicher bin, dass dieser erste, etwas einschüchternde Eindruck sich ganz schnell auflösen würde. Allein mit diesem breiten Grinsen, mit dem er Ace jetzt gut gelaunt auf den Rücken klopft, hätte er Sinas Sympathie gewonnen – sie sind ja beide so herrlich unkomplizierte Menschen. „Also, was hast du wieder angestellt, Junge?"
„Gewettet, dass ich die zwei Salatschüsseln nur auf dem Besteck rausbalancieren kann, das ich in der Hand hatte. Leider hab ich verloren... und der Salat auch", gibt er mit einem schuldbewussten Lächeln zu, was Sabo und mich unwillkürlich nachsichtig die Augen verdrehen lässt. Doch Vater schnauft nur belustigt und streicht sich über seinen charakteristischen, weißen Schnurrbart.
„Ah, ich schätze, diesen Verlust verkraften wir", gluckst er. „Aber machs wenigstens wieder ordentlich sauber, klar? Nicht, dass der nächste drauf ausrutscht... und was Wichtigeres verliert als irgendwelches Grünzeug!"
„Ich hol mal den Mob und einen Fettreiniger... anders bekommst du den Ölfilm auf den Fliesen nicht weg", entscheidet Sabo mit kritischem Blick auf Ace' vergebliche Versuche, das Malheur mit einer halben Rolle Küchentücher sauber zu kriegen. Der Angesprochene, der ihn schon die ganze Zeit über immer wieder hilfesuchend angesehen hat, schenkt ihm sofort ein wehleidig-dankbares Lächeln.
„Du bist der Beste... und ich liebe dich, ehrlich!", entgegnet er inbrünstig – und lässt Sabo auflachen.
„Ich dich eindeutig auch, weil ich dir und deinem Hundeblick ja offensichtlich einfach nicht widerstehen kann! Und dir immer wieder gern aus all deinen kleinen Unfällen, Versehen und Upsie's raushelfe...", schmunzelt er und verschwindet Richtung Putzkammer.
Vater, der das Ganze mit glänzenden Augen beobachtet hat, schnappt sich ein paar Platten mit Fleisch und Würstchen, die gleich auf die bereits angeheizten Grills draußen verteilen werden. Ich tue es ihm gleich und schließe mich ihm vollbeladen beim Rausgehen an. Viel ist jetzt zum Glück nicht mehr zu tun; in den vergangenen Stunden haben wir jede Menge Tische aufgestellt und gedeckt, Stühle rausgetragen, die großen, alten Grills geputzt und die Party vorbereitet, die in wenigen Minuten endlich beginnen würde. Ich bin wirklich froh, dass wir wegen dem anhaltend schönen Wetter sogar wie geplant im Garten des Anwesens feiern können, den die Heimkinder schon im Vorfeld mit Lampions und Girlanden dekoriert haben. Wobei dekoriert irgendwie die falsche Bezeichnung ist für die regelrechte Farb- und Lichter-Explosion in den Büschen und Bäumen. Spaß gehabt haben sie dabei auf jeden Fall.
„Dir ist klar, dass das zum großen Teil auch dein Verdienst ist, oder Junge?", reißt mich mein Vater aus meinen Gedanken, weshalb es kurz braucht, bis ich begreife, dass er von Ace und Sabo redet. Doch dann lächle ich breit und zufrieden zu ihm hoch.
„Das hat er auch gesagt und sich bei mir bedankt... auch wenns nicht nötig war, yoi? Dass du ihn als Sohn anerkannt und ihm den Halt gegeben hast, den er damals so dringen gebraucht hat, war das Ausschlaggebende. Ich bin einfach nur unheimlich froh, dass die beiden es endlich hinbekommen haben... trotz Ace' Hang zum Desaster", entgegne ich schmunzelnd, was meinen Vater auflachen lässt.
„GUARHARHAR! Ja, den Hang hat der Bengel wirklich... aber offenbar hat er den passenden Partner gefunden, der seinen Hitzkopf ausgleicht und ihm vielleicht ein bisschen Vernunft in den Deckschädel hämmern kann", gluckst er sichtlich vergnügt und lässt auch mich unweigerlich breit grinsen.
„Wenn es einer schafft, dann Sabo... auch wenn er ne Menge Geduld und Ausdauer brauchen wird. Aber ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und behaupte, dass er die Zuckerbrot-und-Peitsche-Nummer echt gut draufhat! Immerhin hat er's geschafft, dass Ace vier Stunden lang seine Bude aufgeräumt hat und ich bei meinem Besuch tatsächlich mal geradeaus schauen konnte statt auf den Boden, damit ich über nichts stolpere und mir was breche...", berichte ich feixend, was uns gleich wieder erheitert losprusten lässt.
Seit Ace und Sabo ihm vorhin gleich nach unserer Ankunft von ihrer Beziehung erzählt haben (und er den beiden im Sturm seiner Begeisterung bei der darauffolgenden Umarmung fast sämtliche Rippen gebrochen hat), strotzt Vater ohnehin nur so vor guter Laune. Wie jedes Mal, wenn einem seiner zahlreichen Kinder etwas richtig Gutes passiert... sei es eine neue Beziehung, ein neuer Job oder eine Beförderung, eine bestandene Prüfung, das Erreichen eines persönlichen Ziels, eine Hochzeit oder gar eine Geburt. Und seine Freude über solche Nachrichten zeigt mir jedes Mal wieder aufs Neue, wie sehr er uns alle tatsächlich liebt, obwohl wir doch so viele sind. Eines der vielen Dinge, für die ich diesen Mann aus tiefstem Herzen bewundere... und genau das, von dem ich überzeugt bin, dass es auch Sinas innere Wunden heilen wird: bedingungslose, väterliche Liebe. Er würde sie todsicher niemals enttäuschen und es schaffen, dass sie ihr Vertrauen eines Tages zurückgewinnt... egal, wie lange es dauern mag.
Sein scharfsinniger Blick, mit dem er mich jedoch plötzlich musterte, und seine unglaubliche Menschenkenntnis kommen mir grade aber weniger gelegen. Mist, ich sollte meine abschweifenden Gedanken eindeutig besser in den Griff bekommen – vor allem in seiner Gegenwart.
„Warum hab ich eigentlich schon die ganze Zeit das Gefühl, dass dir irgendwas auf der Seele liegt, von dem du mir nichts erzählen willst?", trifft er auch direkt mit tödlicher Präzision ins Schwarze.
Mit Mühe unterdrücke ich sowohl ein ertapptes Zusammenzucken als auch ein resigniertes Seufzen; vor Vater etwas geheimzuhalten ist sogar noch schwerer als vor Shanks. Vor allem, weil ich selber doch regelrecht darauf brenne, ihm alles zu erzählen... aber eben nicht so. Sina ist einfach etwas ganz Besonderes; sie hat mir nach der ganzen Scheiße mit Celine und vier langen Jahren strikter Enthaltsamkeit das Vertrauen in Liebe und Partnerschaft zurückgegeben... und auch mein Selbstwertgefühl. Viel zu lange ist da tief in meinem Inneren wieder diese bittere Stimme gewesen, die mich schon meine ganze Kindheit über begleitet und gesagt hat, dass ich irgendwie eben doch nicht liebenswert bin; dass ich nie eine echte Beziehung haben werde, aus demselben Grund, weshalb meine leiblichen Eltern mich mit nur wenigen Monaten weggegeben haben. Weil irgendwas an mir falsch ist, auch wenn mein Verstand mir zumindest als Erwachsener immer gesagt hat, dass dem nicht so ist. Vater hat diese Stimme damals mit meiner Adoption zum Verstummen gebracht, aber nach Celine ist sie wieder da gewesen... und erst Sina hat sie wieder sehr energisch verscheucht. Sie zeigt mir so oft, wie viel ich ihr bedeute und lässt es mich ununterbrochen fühlen.
Und genau deshalb will ich das hier nicht so lapidar machen. Ich will, dass Vater sehen kann, wie glücklich sie mich macht!
...weshalb ich auch darauf vorbereitet bin, das Ganze fürs erste weiter geheim zu halten. Immerhin gibt es da ja noch einen zweiten Punkt, der mir durchaus auf der Seele liegt, aber über den ich offen mit ihm reden kann. Auch wenn es mir schwerfällt.
„Hah... ja. Ich hab vor, mit Izou zu reden... und ihn für mein schäbiges Verhalten um Verzeihung zu bitten. Aber offen gestanden hab ich ziemlich Schiss, dass er mir gar nicht zuhören will, geschweige denn, mir verzeihen kann...", antworte ich deshalb etwas verzögert und mache ein paar schnelle Schritte voraus, damit ich ihm die Seitentür Richtung Garten aufhalten kann.
Augenblicklich hellt sich sein Gesicht wieder auf und ein ehrliches, erleichtertes Lächeln breitet sich auf seinem Gesicht aus, während er dicht gefolgt von mir das Gebäude verlässt.
„Oh Junge... das wurd verdammt nochmal auch Zeit, dass ihr die Sache endlich bereinigt! Dieser Unsinn steht schon viel zu lang zwischen euch und lag mir mindestens genauso im Magen... lang hätte ich mir euren Eiertanz sowieso nicht mehr angeschaut, bevor ich euch beide am Kragen gepackt und in irgendeine Abstellkammer gesperrt hätte, bis ihr verdammten Bälger euch wieder zusammengerauft habt! Schön, dass ich nicht umsonst auf eure Vernunft gesetzt hab...", entgegnet er streng und wirft mir einen Blick zu, der mir ganz zweifellos sagt, dass das keine leeren Worte gewesen sind.
Nun ziehe ich doch schuldbewusst den Kopf ein, obwohl ich unwillkürlich ein wenig schmunzeln muss, weil ich mich mysteriöserweise wieder wie ein trotziger Teenager fühle. Ach, die gute alte Zeit, als ich tagtäglich väterliche Standpauken kassiert hab...
„Tut mir leid, Vater... ich weiß zwar nicht, ob ichs wieder gradebiegen kann, aber ich werds versuchen", seufze ich reumütig, woraufhin die Strenge aus seinem Blick verschwindet.
„Das wird schon, glaubs mir. Ich kenn euch Pappnasen besser als ihr euch selber; du und Izou seid zwar manchmal impulsive, dickschädlige Hitzköpfe, aber ihr habt beide das Herz am rechten Fleck und seid reif und vernünftig genug, um Fehler einzugestehen und zu verzeihen – auch wenns mal länger dauert", entgegnet er ernst, aber sein Lächeln ist zuversichtlich und stolz. „Ihr seid noch immer Brüder, Marco... und wart es trotz eurer Streitigkeiten auch die ganze Zeit über. Ich hab nicht die geringsten Zweifel, dass ihr zwei das wieder auf die Kette bekommt!"
Seine Worte lassen mich unwillkürlich aufatmen, auch wenn ich mir längst nicht so sicher bin wie er. Immerhin hab ich ja keine Kleinigkeit verbockt, sondern richtig Scheiße gebraut. Aber trotzdem macht er mir Mut damit und stärkt meine Entschlossenheit nur, diese Sache auch wirklich in Angriff zu nehmen und mich Izou zu stellen. Ich muss es einfach versuchen und hoffen, dass er mir die Chance gibt, mich zu erklären und ihn um Verzeihung zu bitten.
„Danke, Pops...", murmle ich aufrichtig, bevor unsere kurze Zweisamkeit endet und wir wieder mitten im Trubel landen, als wir unsere Lasten auf dem langen Fressalientisch platzieren, der zwischen den vier Grills aufgebaut ist und selbst die üppigste Auslage jeder Metzgerei in den Schatten stellt.
„In Sachen gesunde Ernährung hat deine Erziehung auf ganzer Linie versagt...", bemerkt Marianna kritisch, eine resolut wirkende, hübsche Frau Ende Dreißig mit Kleinkind auf dem Arm, und schaut mit verdächtig zuckenden Mundwinkeln zu Vater hoch. Doch das entlockt ihm lediglich ein lausbubenhaftes Grinsen.
„Versagen kannst du mir nur ankreiden, wenn ichs tatsächlich versucht hätte", belehrt er seine Schwiegertochter ungeniert, während er dem dunkelhaarigen Jungen spielerisch in den Bauch piekt und ihn so zum Lachen bringt. „Und wer will auch irgendwelches Grünzeug, wenn er eins von Thatchs marinierten Steaks haben kann, stimmts, du Zwerg?"
„Ontel Tetsch! Ontel Tetsch essen!", strahlt der kleine Vigo begeistert und lässt seinen Opa zufrieden mit der gelungenen Erziehungs-Sabotage auflachen. Marianna verdreht in gespielter Verzweiflung die Augen, was mich dazu bringt, ihr mitfühlend – aber ebenfalls grinsend – auf die Schulter zu klopfen.
„Mach dir keine Vorwürfe... es liegt nicht an dir, du hattest nur nie eine echte Chance gegen die Chaoten-Gene seines Vaters, yoi?", tröste ich sie erheitert, woraufhin sie ungläubig ihre Brauen hebt. Sehr hoch.
„Ahja? Du glaubst also, ich könne mich nicht durchsetzen und hätte meine Männer nicht im Griff?", wiederholt sie täuschend süßlich, was alle Umstehenden automatisch in Alarmbereitschaft versetzt und wie von Zauberhand Vista herbeibeschwört, der seine Liebste von hinten hastig auf die Wange küsst.
„Das wollte Marco ganz sicher nicht sagen, Liebling! Niemand hat uns so gut im Griff wie du...", schwört er hoch und heilig, ehe er mich mit einem ungläubig-empörten Blick bedacht und sich hinter ihrem Rücken verdeutlichend mit dem Finger über die Kehle streicht, während seine Lippen ein ‚Bist du wahnsinnig?!' in meine Richtung formen – was nicht nur mich in lautes Gelächter ausbrechen lässt, sondern sämtliche Umstehenden und die soeben mit den restlichen Speisen aus der Küche aufgetauchten Unfallbeseitiger samt Chefkoch auch.
„Marianna, wirklich niemand in dieser Familie zweifelt an deiner Durchsetzungskraft!", beteuert auch Rakuyou vollkommen wahrheitsgemäß und sieht Vista feixend an. Die beiden sind von uns allen definitiv die schlimmsten Casanovas gewesen, zumindest, bis der Zylinderträger vor knapp fünf Jahren Marianna begegnet ist – die ihn seitdem sehr erfolgreich „an der kurzen Leine hält", wie das von uns oft scherzhaft betitelt wird. Aber wirklich nur im Scherz, denn auch wenn sie tatsächlich eine SEHR resolute und energische Frau ist, vor der wir alle einen gesunden Respekt haben, liebt sie Vista doch abgöttisch. Genau wie er sie, auch wenn keiner von uns je geglaubt hätte, dass ausgerechnet er sich eines Tages fest binden würde.
Besänftigt lacht Marianna und reicht ihm seinen Sohn weiter.
„Das will ich auch hoffen, sonst muss ich hier andere Seiten aufziehen! Wobei ich ein bisschen mehr weibliche Unterstützung brauchen könnte – wieso seid ihr alle nur so schreckliche Junggesellen? Oder lacht euch noch mehr Männer an...", beschwerte sie sich und schnippte dabei Ace spielerisch-anklagend gegen die Stirn.
„Au! Als ob du fiese Hexe ernsthaft Verstärkung nötig hättest", meckert er gespielt, ehe er unversehens Sabo auf den Rücken springt und übermütig seinen Nacken küsst. „Und davon abgesehen ist der hier so hübsch, so ordentlich und hat so gute Manieren, dass er trotzdem als weibliche Verstärkung durchgehen kann!"
„Oh weia, ich lehne mich mal weit aus dem Fenster und sage, dass du diese Aussage noch fürchterlich büßen wirst, Brüderchen...", vermutet Thatch, während er sich sichtlich mühsam das Lachen bei Sabos ungläubigem Blick verbeißen muss, mit dem er sich ganz langsam zu seinem übermütigen Freund umdreht – dem das spätestens jetzt wohl auch bewusst wird und deshalb sein entwaffnendstes Lächeln und einen angemessen reumütigen Blick aufsetzt.
„War nur Spaß... ich nehm alles zurück! Nichts an dir ist weiblich, ehrlich!!", versucht er seine Haut zu retten, während er seinen beunruhigten, verstohlenen Blicken nach zu urteilen sichtlich hektisch überlegt, ob er eher schnell das Weite suchen oder sich doch besser sehr fest weiterhin an Sabos Rücken klammern soll, bis der Sturm ausgesessen ist.
Wäre ja zu blöd, wenn jemand seine Bemühungen torpedieren würde...
„Aber jetzt wo du's erwähnt hast... irgendwie hast du schon recht, Bruderherz! Er räumt hinter dir her, leistet Erziehungsarbeit und hält deinen Hitzkopf im Zaum. Oh, und schau! Er kann die Augenbrauen genauso bedrohlich hochziehen wie Marianna, yoi?", versetze ich ihm im lockeren Plauderton grinsend den Todesstoß.
„MARCO!", jammert Ace entsetzt, doch das eindeutig sehr, SEHR bedrohliche Lächeln seines Liebsten – und das unheilverkündende Lodern in seinen hellgrünen Augen – lassen ihn abrupt verstummen und sehr kleinlaut den Kopf einziehen.
„Darüber unterhalten wir uns später nochmal. Ganz ausführlich. Sobald wir zwei allein sind!", verspricht er ihm mit derselben trügerisch ruhigen Stimme wie Marianna, die auch bei ihm fürchterliche Konsequenzen verspricht.
„Oh, oh... armer Ace, das hört sich echt übel an", benennt Curiel das Offensichtliche breit grinsend. „Aber keine Angst, wir lassen dich nicht hängen... wir besorgen dir morgen als Zeichen unserer brüderlich-liebevollen Fürsorge ein extra weiches Kissen für dein armes, versohltes Hinterteil, versprochen!"
Das – und das entsetzte Gesicht von Ace – beschert uns den nächsten Lachanfall, auch wenn er auf Kosten unseres Brüderchens geht. Denn das Kissen wird er mit absoluter Sicherheit brauchen, nachdem er Sabos Männlichkeit infrage gestellt hat, auch wenn es nur scherzhaft war. Dessen lauernd-unheilvolles Lächeln kenn ich nämlich nur allzu gut von Sina... genau das hatte sie dieses eine unvergessliche und äußerst lehrreiche Mal auf den Lippen, kurz nach die Münze mir damals „Pflicht" beschert hat.
Jep, ich schätze, auch mein Brüderchen wird heute noch eine Lektion lernen!
„Oh, was sagst man dazu... schau mal, Marianna! Deine Gebete wurden anscheinend erhört. Izou ist endlich da – und kurioserweise hat ausgerechnet er weibliche Verstärkung dabei!", unterbricht Rakuyou plötzlich unsere heitere Runde und reckt ausgesprochen neugierig den Hals, um an mir vorbei Richtung Hofeinfahrt zu blicken. Mir wird augenblicklich etwas flau im Magen, doch ich schlucke die Nervosität so gut wie möglich runter und atme verstohlen tief durch, ohne mich umzudrehen. Ich hab es mir schließlich vorgenommen, mit ihm zu reden, und werde es auch durchziehen! Und dazu gehört auch die erste, direkte Begrüßung seit Jahren... auch wenn es mir nicht grade in die Karten spielt, dass er ausgerechnet heute jemanden mitgebracht hat. Sonst kommt er doch auch immer allein... Mist. „Ui, das ist echt eine ganz Hübsche! Und so niedlich klein... hey, falls sie Izou nicht zur Heterosexualität bekehrt hat, gehört sie mir!", fügt mein Bruder mit einem anzüglichen Grinsen hinzu, was schließlich auch die anderen dazu bringt, interessiert die Hälse zu recken, um durch die wuselige Menge hindurch auch einen Blick auf das unbekannte Gesicht erhaschen zu können. Mich kümmert das allerdings kaum; ich bin genug damit beschäftigt, meinen Mut zusammenzukratzen, um es nicht gleich beim ersten Wort zu versauen.
„Oh, schäm dich, du Lüstling! Das arme Ding wird erstmal mehr als genug damit zu tun haben, sich an euch Chaoten zu gewöhnen; deine primitiven Anmachsprüche schlagen sie höchstens in die Flucht! Und das würde ich dir nicht raten, mein Freund – ich bin hier verdammt nochmal in der Unterzahl und wenn du mir eine mögliche Verbündete vergraulst, kannst du dich im Kastratenchor anmelden, haben wir uns verstanden?", droht ihm Marianna unverhohlen, doch plötzlich stutzt sie. „Äh... Thatch...? Weinst du?!"
Gleichermaßen irritiert wie ungläubig wenden sich nun ihm wirklich alle Blicke in Hörweite zu, während parallel auch der zuvor herrschende Trubel im Garten verstummt und die Versammelten sich dem Angesprochenen alarmiert nähern... ich hab nicht übertrieben als ich Sina damals gesagt hab, dass wir untereinander einen ziemlich großen Beschützerinstinkt haben. Und nicht nur meine Augen weiten sich kurz darauf überrascht. Denn sie hat zweifellos recht – obwohl er lächelt, sind die Tränen auf seinen Wangen unübersehbar.
„Junge? Stimmt was nicht?", will auch Vater stirnrunzelnd wissen und greift besorgt nach seinem Arm. Thatch entkommt ein etwas zittrig und ungläubig wirkendes, aber auf tiefstem Herzen kommendes Lachen, während er sich über die nassen Augen wischt und den Kopf schüttelt.
„Alles gut, Paps... verdammt gut sogar, würd ich sagen. Ah, mein wundervolles, unbezahlbares Goldstück...", kommt es erstickt über seine Lippen – und lässt mich erstarren.
Goldstück...?
Ich breche mir fast das Genick, so schnell wirble ich nun herum. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie sich Izou die letzten Meter durch die verstummten Gäste bahnt und dann keine drei Meter entfernt am gegenüberliegenden Ende der Futtertafel abrupt vor uns zum Stehen kommt, als er die konfusen, abwechselnd auf ihn und Thatch gerichteten Blicke bemerkt... und gleich darauf ebenfalls sichtlich erschrocken dessen Zustand bemerkt.
Unter seinen Arm geklemmt, dadurch eng an seine rechte Seite gedrückt und meine ganze Aufmerksamkeit auf sich ziehend, steht niemand anderer als...
Sina.
Auch nach mehrmaligem, konfusem Blinzeln bleibt es wirklich Sina.
Meine Sina!
HIER, zusammen mit Izou!!
Was... WIE...?! HA??
Mein Kopf verweigert den Dienst und lässt mich sprachlos und überfordert zurück.
„Hallo, Junge! Schön, dich zu sehen...", durchbricht Vater schließlich das Schweigen, auf das er sich jedoch offensichtlich keinen Reim auf das alles machen konnte. Weder auf Thatchs noch immer hinter der Hand verborgenes, aber eindeutig selig lächelndes Gesicht noch auf die von verblüfft zu begeistert wechselnden Gesichter von Ace und Sabo – oder dessen liebevolles, stolzes Lächeln, das auf der für ihn unbekannten Fremden liegt. Die mit einer Mischung aus Panik und Schuldbewusstsein in einer entwaffnenden Geste die Hände hebt.
„Ähm... es... ist nicht so, wie es vielleicht aussieht...?", kommt es etwas kläglich über ihre Lippen, was immerhin Izou aus seiner Erstarrung reißt. Er wirft ihr einen ungläubigen Blick zu.
„Das ist mit Abstand der mieseste Satz, den man in solchen Situationen sagen kann... üblicherweise ist es dann nämlich GENAU DAS, wonach es aussieht!", belehrt er sie oberlehrerhaft, ehe seine Augen wieder zurück zu Thatch huschen. Reumütig und noch immer sichtlich betroffen.
Für Vater gibt es allerdings fast nichts Schlimmeres, als über irgendwelche Vorgänge in seiner Familie nicht im Bilde zu sein; deshalb gibt er ein ungeduldiges Brummen von sich und fixiert seinen neu angekommenen Sohn scharf.
„Kinder, ich bin zu alt, um noch lang Rätselraten betreiben zu wollen... also raus mit der Sprache: was genau geht hier vor?"
Dieser vertraut strenge Tonfall lässt uns gewohnheitsmäßig alle strammstehen und verfehlt auch diesmal seine Wirkung nicht.
„Hi, Vater! Ähm... tja... witzige Geschichte, ehrlich gesagt. Mir ist da vorhin ganz zufällig was in die Hände gefallen...", beginnt der sonst immer so wortgewandte Izou fast schon unbeholfen und löst seinen zerknirschten Blick von dem noch immer nach Fassung ringenden Thatch... und sucht stattdessen zum ersten Mal seit Jahren direkt den meinen. Und nachdem ich mich nicht abwende, sondern ihm heillos verwirrt entgegensehe, breitet sich langsam ein vorsichtiges, schiefes Lächeln auf seinen Lippen aus, ehe er sich zu wappnen scheint. Gleich darauf umfasst er plötzlich mit beiden Händen Sinas Oberarme und schiebt sie ungeachtet ihres erschrockenen Japsens vor sich, wo er sie mir mehr oder weniger entgegenstreckt. „Hah... ehrlich gesagt hatte ich mir das irgendwie anders vorgestellt, aber... Marco, der ganze Scheiß tut mir so unglaublich leid... aber ich versichere dir hoch und heilig, dass ich die hier mag! Wirklich! Und ich schwöre dir, dass... dass ich mich diesmal nicht wie der allerletzte Arsch benehmen werde oder... irgendwas zu sabotieren versuche. Diesmal bin ich ein braver Bruder... sofern du mir eine zweite Chance gibst?"
‚...dass ich die hier mag... mich nicht wie der allerletzte Arsch benehmen werde... zweite Chance... WAS ZUM TEUFEL?!' Statt irgendwas aufzuklären, stürzen mich seine Worte endgültig in die Verwirrung. Von was redet er denn da bloß? Wieso zum Geier ist jetzt plötzlich ER derjenige, der sich für was auch immer entschuldigt?! Und was um alles in der Welt macht Sina hier?! Nicht nur bei Izou, sondern HIER auf der Familienfeier, vor der sie doch solche Angst gehabt hat! Das alles ergibt überhaupt keinen Sinn...
„Ahem...? Ich untergrabe deine Versprechungen ja nur ungern, aber: du redest hier was von wegen braver Bruder und kein Arsch sein – und benutzt mich währenddessen als menschlichen Schutzschild. Was allein größentechnisch schon absurd ist, DU ARSCH!", unterbricht Sinas vor lauter Nervosität zwar deutlich höhere, aber nichtsdestotrotz auch eindeutig empörte Stimme die entstehende Stille. Ihre drohend zusammengekniffenen Augen sind nach hinten gerichtet und funkeln Izou grimmig an, doch das lässt ihn nur auf eine schmerzlich vertraute Art lausbubenhaft grinsen.
„Ist mir bewusst, Schatz, deshalb bist du ja auch kein Schutzschild, sondern doch mehr so eine Art Opferlamm. Bis er dich gefressen hat, bin ich über alle Berge... wobei es trotzdem ganz reizend von dir wäre, wenn du ihm quer im Hals stecken bleiben würdest und mir so einen noch größeren Vorsprung verschaffen könntest!", erwidert er genauso charmant wie unverfroren, obwohl auch seine Nervosität nach wie vor deutlich hörbar ist.
Sina schnauft ungläubig und fängt meinen Blick ein. Ich kann sehen, wie angespannt und ängstlich sie angesichts der vielen auf ihnen liegenden Augen tatsächlich ist, aber da ist auch das vertraut warme, liebevolle Funkeln, mit dem sie mich immer ansieht. Ihre Mundwinkel zucken, auch wenn sie sich wirklich bemüht, mich ernst und vorwurfsvoll anzusehen.
„Fühl dich kräftig getreten. Du hättest mich echt vor diesem höchst speziellen Bruder WARNEN sollen, statt ihn in den Himmel zu loben! Der ist nämlich echt blöd!", kommt es trocken über ihre Lippen – und löst urplötzlich ein hilfloses, lautes Gelächter in mir aus. Mit zwei langen Schritten bin ich bei den beiden Streithähnen; und bevor einer von ihnen reagieren kann, hab ich beide gepackt und drücke sie so fest an mich wie irgendwie möglich.
Ich weiß noch immer nicht wieso, weshalb oder warum das hier grade passiert, aber im Augenblick ist es mir auch total egal. Dieser Moment ist einfach viel zu schön für Fragen! Sina ist hier... und Izou spricht wieder mit mir. Ohne Groll in der Stimme, ohne Vorwurf... und zu allem Überfluss scheint er sich tatsächlich mit Sina zu verstehen!!
Auch wenn ich nicht den blassesten Schimmer habe, wie das zustande gekommen ist – gottverdammt, ich war in meinem Leben noch nie so glücklich wie jetzt in diesem Augenblick!!
„ARGH... DAS WURDE VERDAMMT NOCHMAL AUCH ZEIT IHR DÄMLICHEN, DICKSCHÄDLIGEN, DREIMALVERFLUCHTEN HORNOCHSEN!" Thatchs donnernde, halb wütend, halb verzweifelte Stimme lässt alle Anwesenden zusammenzucken und durchbricht schließlich den Bann des Schweigens. Schimpfend und fluchend stürmt er auf uns zu, während der Rest unserer Familie um uns herum in noch etwas konfusen, aber unüberhörbar erleichterten Jubel ausbricht. Sie haben wohl genauso wenig Ahnung wie ich, was da eigentlich grade genau vor sich geht, aber genau wie mir zählt grade einzige die offensichtliche Tatsache, dass sich ein langer, bedrückender Streit innerhalb der Familie endlich in Luft aufzulösen scheint. Und mir war leider immer klar, dass das jeden belastet hat, auch wenn Izou und ich nie einen offenen Streit miteinander ausgetragen haben.
Thatch indes wirft seine Arme um uns alle drei und verwickelt uns in eine brutale, ruppige Umarmung. Oder aber er will seinen idiotischen Brüdern rachsüchtig das Leben aus dem Leib quetschen, weil er wegen unserer dummen Sturheit vier Jahre lang zwischen den Stühlen gesessen hat... vielleicht weiß er das auch selber noch nicht so genau. Er heult auf jeden Fall schlimmer als zuvor... aber diesmal nicht allein, denn auch mein Gesicht ist nass, während ich es an Izous Schulter drücke. Gott, er hat mir so gefehlt!!
„Nur damit ich... in Frieden sterben kann... ist das... ein ‚ja' für die... zweite Chance?", ächzt eben jener gepresst, aber ich kann das breite Lächeln in seiner Stimme deutlich hören. Und den verschnupften Klang. Unwillkürlich und ziemlich atemlos lache ich auf.
„Um die... wollte ich DICH eigentlich bitten... yoi?", quetsche ich angestrengt hervor und höre nun ihn erleichtert Prusten, doch Thatch schneidet ihm die Worte ab.
„Von mir bekommt ihr beide keine!! Könnt ihr euch überhaupt vorstellen, wie scheiße euer blödes Gezanke für mich war?! Am liebsten würd ich euch beiden den Schädel einschlagen!", grollt er sauer – und berechtigt, wie nicht nur ich mir schuldbewusst eingestehen muss. Allerdings wird auch er unterbrochen, als er grade Luft holt, um sich weiter Luft zu machen.
„Dann... red jetzt... nicht... lang... und... TU ES ENDLICH! Dann hab ichs... endlich... hinter mir...", erklingt Sinas leidvoll-erzürnte, dumpfe Stimme von irgendwo zwischen uns. Einen Augenblick später entweicht mir und Izou gleichzeitig geräuschvoll die Restluft, als uns ein leichter, nachdrücklich warnender Schlag an eine ganz empfindliche Stelle trifft und uns reflexartig zusammenkrümmen lässt – was ihr die Gelegenheit gibt, sich aus ihrer misslichen Lage freizukämpfen. Nach Atem ringend und völlig zerzaust stützt sie sich neben uns auf die Knie, um wieder ausreichend Sauerstoff in ihre Lungen zu bekommen. Doch sie bekommt keine Gelegenheit, ihre Nahtoderfahrung zu verdauen; denn Thatch lässt – Gott sei Dank – von uns ab und zieht Sina erneut in eine überschwängliche, nicht ganz so tödliche aber dafür umso stürmischere Umarmung.
„Du unglaublicher, wundervoller, einzigartiger, bezaubernder, anbetungswürdiger, fantastischer kleiner Glückskäfer!! Meine strahlende Sternschnuppe... meine zuckersüße Zauberfee... mein unbezahlbares Juwel! Du... bist zweifellos... ein Geschenk des Himmels!", lacht er regelrecht euphorisch, bedeckt Stirn und Wangen mit übermütigen Küssen und herzt sie ungeachtet ihrer verzweifelten Gegenwehr wie einen übergroßen Plüschbären, was für heiteres Gelächter um uns herum sorgt.
„SABO HILF MIR ENDLICH!", ruft Sina schließlich verzweifelt und greift damit halb lachend und halb weinend zu ihrem letzten Strohhalm, der ihr breit grinsend, aber sofort pflichtbewusst beisteht und sie schließlich mit etwas Hilfe eines heftig kichernden Ace in seinen Armen in Sicherheit bringen kann.
Theoretisch hätte ich ihr ja auch gern geholfen, allerdings hat sie wohl selbst gesehen, dass ich dazu noch nicht wieder in der Lage bin. Noch immer stehen Izou und ich aneinander gelehnt da und ringen um Fassung; was allerdings verdammt schwer ist, weil wir beide bei jedem kurzen Blickwechsel warum-auch-immer losprusten müssen – und uns im nächsten Moment heftig blinzelnd über die Augen wischen.
„Wir sind... echt dämlich, oder?", stellt Izou schließlich selbstironisch fest und schenkt mir erneut ein schiefes Lächeln, das ich mit einem belustigten Schnauben quittiere.
„Da kann ich schwerlich widersprechen, yoi?", stimme ich schmunzelnd zu, doch dann werde ich wieder ernster. „Obwohl ich keine Ahnung hab, wofür du dich eigentlich entschuldigst. Ich hab doch Scheiße gebaut... und es tut mir ehrlich leid, Izou. Du glaubst gar nicht, wie furchtbar leid es mir tut!"
Zu meiner (erneuten) Überraschung schüttelt er jedoch den Kopf.
„Glaub mir, ich hab noch mehr Scheiße gebaut. Aber lass uns da später in Ruhe drüber reden, ja? Für den Augenblick reicht es mir völlig, wenn wir diesen bescheuerten Streit endlich beilegen... was sagst du: sind wir einfach wieder Brüder?", will er hoffnungsvoll wissen und rennt damit bei mir offene Türen ein. Mit einem breiten, unendlich erleichterten Lächeln ignoriere ich seine ausgestreckte Hand und ziehe ihn erneut in eine kurze, aussagekräftige Umarmung.
„Waren wir immer, yoi?", entgegne ich leise und kann fühlen, wie sich ein Tonnengewicht von mir löst, als er bodenlos erleichtert auflacht und die Geste inbrünstig erwidert... und damit die letzte, schmerzende Wunde, die Celine vor vier Jahren in mein Leben geschlagen hat, endlich zu heilen beginnt. Auch wenn ich keine Ahnung habe, was Izou glaubt, furchtbares angestellt zu haben – im Grunde ist es mir fast egal. Ich bin einfach nur verdammt froh, ihn wieder zu haben!
„GUARHARHAR! Ich blicke noch immer nicht wirklich durch, was hier grade passiert ist... aber ich bin verdammt stolz auf euch, Kinder!!", unterbricht uns Vaters warme, unheimlich erleichterte Stimme schließlich, sodass wir uns doch endlich voneinander lösen und ihm erschöpft, aber glücklich im Kreise unserer breit grinsenden Familie entgegensehen. Seine hellbraunen Augen strahlen vergnügt, als er uns betrachtet. „Die Sonne ist noch nicht mal untergegangen, aber trotzdem isses schon der beste Geburtstag seit Langem! Trotzdem... wollt ihr uns nicht wenigstens mal eine grobe Erklärung geben? Und vor allem würde ich gern wissen, was es mit der jungen Dame hier auf sich hat..." Sein Blick wandert unbestreitbar neugierig zu Sina, die sich zwar offensichtlich wieder erholt hat, nun aber kaum merklich in Sabos Armen zusammenschrumpft.
Izou grinst und stößt mich auffordernd an.
„Dank mir später. Na los, dein Auftritt!" raunt er mir verschmitzt zu, was er mir garantiert nicht zweimal sagen braucht. Mit vorfreudig klopfendem Herzen aber gleichzeitig auch nicht gerade wenig besorgt trete ich auf sie und ihren Bruder zu und mustere sie kritisch. Ich hab ihre Angst vor diesem Aufeinandertreffen schließlich nur allzu deutlich noch vor Augen, deshalb hätte ich ja auch nie damit gerechnet, dass sie plötzlich doch noch hier aufschlägt. ‚Dank mir später' – also ist das Izous Werk? Aber wie hat er das geschafft? Ich hoffe inbrünstig, dass er nicht mit der Brechstange vorgegangen ist... trotz aller empathischen Fähigkeiten weiß ich immerhin ganz genau, dass er tatsächlich ein... naja... ein Arsch sein kann.
Doch schon bevor ich Sina erreiche, löst sie sich von Sabo und lächelt mir entgegen. Sie versteckt noch genauso viel Angst in ihrem Blick wie vorhin und sie sieht jetzt sogar nich nervöser aus, aber sie wirkt zu meiner Beruhigung ganz und gar nicht so, als würde sie gleich in Panik verfallen und weglaufen. Sie wirkt sogar einigermaßen gefasst, als ich fragend meine Hand ausstrecke und sie sie ohne jedes Zögern ergreift.
„Wir wären nicht hier, wenn du dich damals nicht überwunden und mich nach einem Date gefragt hättest. Jetzt bin ich dran!", raunt sie mir verstohlen zu, während sie neben mich tritt... und verpasst mir damit ein geradezu berauschendes Glücksgefühl, das mich von Kopf bis Fuß und bis in die allerletzte Pore wärmt. Das ist es also... weil ich meine Ängste und Zweifel damals ihr zuliebe überwunden habe, will sie dasselbe jetzt für mich tun?
‚Gott, ich liebe diese Frau so wahnsinnig...', schießt es mir inbrünstig durch den Kopf, ehe ich ihre Hand fester umfasse und mich endlich zu Vater umdrehe. Der schon jetzt regelrecht platzt vor lauter Freude. Ich schenke ihm ein breites, stolzes Lächeln, bevor ich es endlich, endlich aussprechen kann:
„Paps, das ist Sina. Sie ist Sabos Schwester und arbeitet in meiner Praxis, ihr habt ja auch schon miteinander telefoniert. Aber vor allem... ist sie die neue Frau an meiner Seite!"
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Trust in Me
FanfictionReallife - Nach einer katastrophalen Beziehung hat Marco das Interesse am weiblichen Geschlecht verloren. Zumindest, bis er nach seinem Urlaub eine neue Arzthelferin in seiner Praxis vorfindet. Sofort weckt der kupferhaarige Wirbelwind sein Interess...
